Vor Rennen in Berlin-Tempelhof : „Die Formel E ist die schwierigste Rennserie“

In Berlin finden ab dem 5. August die letzten Läufe der Formel-E-Saison statt. Fahrer André Lotterer erklärt, warum sich die Strecke wie eine Käsereibe anfühlt.

Ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Die Formel E in Berlin.
Ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Die Formel E in Berlin.Foto: dpa

Herr Lotterer, die Formel E ist seit fünf Monaten nicht mehr auf einem reellen Rennkurs gefahren. Freuen Sie sich auf Berlin, wo am 5./6., 8./9. und 12./13. August sechs Rennen gefahren werden und die Finalläufe stattfinden?

Ich freue mich, dass ich wirklich wieder auf eine echte Rennstrecke darf. Dass mit den sechs Rennen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof eine Lösung gefunden wurde, finde ich großartig. Die Aussicht, dass wir während der Corona-Pandemie überhaupt noch Rennen fahren können, war nicht sehr gut. Denn üblicherweise fährt die Formel E Stadtkurse auf der ganzen Welt. Das ist aber jetzt nicht möglich. Insofern ist mit Berlin eine Top-Lösung gefunden worden. Und dass die Formel E so kreativ ist und verschiedene Streckenparcours in einer Stadt aufbaut, ist natürlich auch eine Herausforderung für jeden Rennfahrer. Das ist etwas komplett neues im Motorsport. Berlin wird sicher ein Highlight in dieser Saison.

Aber Sie fahren in Berlin ohne Zuschauer. Die gehören eigentlich dazu. Das ist nicht gerade inspirierend, oder?

Die Zuschauer können die Rennen im Fernsehen verfolgen. Und sie werden sehen, dass wir verschiedene Kurse im Uhr- und Gegenuhrzeigersinn fahren. Das wird schon spannend, weil die Zeitabstände zwischen allen Fahrern sehr gering sind. Natürlich ist es schade, dass wir keine Zuschauer haben. Die Fans sind für uns Rennfahrer sehr wichtig. Sie gehören zu einer guten Atmosphäre. Ich bin mir aber sicher, dass wir über die Social Media Kanäle mit den Fans während der neun Tage in Berlin Kontakt haben werden. Und bei uns Rennfahrern wird es sicher ein Weltcup-Feeling geben, weil in Berlin die Entscheidung fallen wird, wer diese Saison gewinnt.

Wie waren die virtuellen Rennen, die Sie in den letzten Monaten gefahren sind? Sie saßen hinter dem PC auf Gaming Chairs und kurbelten mit den Händen an Gaming wheels und schalten sich per Kamera zu einer Konferenz zusammen. Sie sind ein langjähriger Rennfahrer und viele Serien gefahren. Kam vor dem PC ein echtes Rennfeeling auf?

Am Anfang waren diese virtuellen Rennen gewöhnungsbedürftig. Wir mussten an unseren Geräten zuhause viele Programme einstellen. Ich wusste vorher zwar, dass es professionelle Simracer gibt, die online viele Rennkurse fahren. Aber ich hatte das selbst nie vorher gemacht, bis auf unsere Fahrten im Simulator. Und ich habe die Simracer als echte Herausforderung wahrgenommen. Es war eine Art Hassliebe: Ich habe mich auf der einen Seite gefreut mit den anderen Jungs virtuell online zusammenzusein, gegeneinander zu fahren und sich im Auto zu sehen. Das fand ich schon cool. Die Atmosphäre war relativ reell, weil man die Strecke miteinander teilt. Auf der anderen Seite spiegelt so ein Computerrennen nicht die Realität wider, weil es einen spezifischen Fahrstil verlangt. Es braucht viel Übung, um so ein Rennen gut zu absolvieren. Ab und zu bist Du schon nach der ersten Runde raus gewesen. Aber das kann Dir bei einem richtigen Rennen auch passieren, obwohl Du viele Stunden damit verbringst im Simulator zu fahren. Ich unterstütze die Idee der virtuellen Rennen. Neue Probleme bringen auch innovative Lösungen hervor. Das virtuelle 24-Stunden-Rennen von Le Mans zum Beispiel war auch ein Erfolg, weil sie von Millionen Zuschauern verfolgt wurden.

Sind Sie die virtuellen Rennen in ihrem Ferienhaus in der Provence gefahren?

Ich habe gewechselt zwischen meinem Wohnsitz in Monaco und der Provence.

Sie sind Formel 1 und 3, die Langstrecken-WM WEC gefahren, die japanischen Rennserien und sind seit 2017 in der Formel E aktiv. Sie wurden in der WEC Weltmeister, gewannen mehrmals Le Mans und die japanische Super Formula. Wie schwer ist die Formel E im Vergleich zu den anderen Serien zu fahren?

Die Formel E ist mit Abstand die am schwierigsten zu fahrende Rennserie. Sie verlangt sehr viel Abstimmung und Kombinationsgabe: Das Auto ist schwierig zu fahren, die Reifen sind keine Slicks, sondern haben eine bestimmte Mischung. Die Aerodynamik ist auch anders als bei herkömmlichen Rennwagen. Durch die Stadtkurse gibt es viel Ungewissheiten durch geringere Auslaufzonen als auf Rundkursen. So einen perfekten Asphalt wie auf Rennstrecken hast Du auf einem Stadtkurs auch nicht. Das ist manchmal eher eine Art Rallye auf Rennstrecke, wo man sich fahrerisch schnell anpassen muss. Und natürlich sind bei der Formel E die richtige Strategie und das Energiemanagement wichtig. Niemand will mit seinem Rennwagen liegen bleiben. All das macht die Formel-E-Rennen sehr interessant. Wir Fahrer stehen unter großem Stress, obwohl ein Formel-E-Auto weniger Leistung hat als zum Beispiel ein LMP-Auto. Für mich ist es sehr reizvoll in der Formel E zu fahren, zumal das Fahrerfeld auch ein sehr hohes Niveau hat. In meiner ganzen Karriere ist die Formel E bisher die größte Herausforderung.

Nun fällt in Berlin der Stadtkurs weg. Sie fahren sechs Rennen auf zwei Streckenlayouts. Was macht Tempelhof so schwierig? Der Untergrund ist Rollfeld-Asphalt.

Ich bin in Tempelhof schon zweimal gefahren. Das Gefühl ist wie auf einer Käsereibe zu fahren: Die Betonplatten sind sehr rau, gleichzeitig gibt es wenig Grip, die Oberfläche des Reifens kann schnell überhitzen. Es kommt zu hohem Abrieb. Das muss man fahrerisch beherrschen. Viele Einstellungen sind für die Fahrer reglementiert. Es gibt annähernd dieselben Bedingungen. Und da muss jeder für sich das beste daraus machen.

Die Streckenvarianten werden im Uhrzeiger- und Gegenuhrzeigersinn gefahren. Man prägt sich die Strecke ein, die man im Uhrzeigersinn gefahren ist und muss sie nun im Gegenuhrzeigersinn fahren. Wie funktioniert das Umschalten im Kopf?

Wir bereiten uns für drei Strecken vor und fahren diese im Simulator. Ich mache mir meine Notizen, die ich mir einpräge. Aber natürlich ist die Strecke eine völlig andere, wenn sie statt im Uhrzeigersinn im Gegenuhrzeigersinn gefahren wird. Die Kurvenradien werden anders gefahren, die Bremspunkte verändern sich. Es gehört zu den Aufgaben eines jeden professionellen Rennfahrers, diese Informationen blitzschnell während des Rennens abrufen zu können.

Es gibt sechs Läufe innerhalb von neun Tagen. Wie groß ist der Druck?

Wir sind alle Konkurrenten, weil wir in Berlin diese Strecken das erste Mal fahren werden. Es wird interessant, welche Teams sich während der sechs Rennen steigern und das beste daraus machen. Und natürlich will ich in dem TAG Heuer Porsche Formel-E-Team vorn dabei sein.

Porsche ist die erste Saison in der Formel E dabei. Wie sind die beiden Autos?

Das Potenzial des Autos ist hervorragend. Wer neu dabei ist in einer Rennserie, muss immer Lehrgeld zahlen. Bei jedem Rennen lernt man dazu. Man darf das Zusammenspiel von Software, Energiemanagement und Strategie in der Formel E nicht unterschätzen.

Sie liegen zurzeit auf Platz zwölf. Was ist Ihr Ziel in Berlin?

Mein Ziel ist es natürlich, alle sechs Rennen zu gewinnen. Mathematisch können fast alle Fahrer noch Weltmeister werden.

Sie sind mindestens neun Tage in Berlin. Die Formel E hat strikte Regeln, um eine Infektion mit dem Covid-19-Virus zu verhindern. Sie werden in Berlin mehrfach getestet, dürfen sich nur auf der Rennstrecke und im Teamhotel aufhalten. Und das in Berlin, wo die Leute den Sommer genießen. Ist das nicht hart?

An einem normalen Rennwochenende ist es ohnehin der Ablauf, dass wir von der Rennstrecke ins Hotel gehen und früh schlafen. Berlin wird für alle Rennteams eine harte Zeit, die mit viel Arbeit verbunden ist. Wir werden so oder so keine Zeit für andere Dinge haben. Und das ist auch gut so.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

André Lotterer, 38, war mehrmals Le-Mans-Sieger und WEC-Weltmeister. Er fährt seit 2017 in der Formel E und tritt mit Teamkollegen Neel Jani im Porsche Formel-E-Team an.

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