Vorreiter im Berliner Frauenfußball : Wie Türkiyemspor Barrieren aufbrechen will

Seit der Gründung einer Mädchenabteilung im Jahr 2004 hat sich viel getan. Der Verein aus Kreuzberg setzt sich für Frauenfußball und Gleichberechtigung ein.

Kristina Smirnov
Bei Türkiyemspor spielen Mädchen- und Frauenfußball eine wichtige Rolle.
Bei Türkiyemspor spielen Mädchen- und Frauenfußball eine wichtige Rolle.Foto: Nike

Zerina Oktay ist aufgeregt. Die 16-jährige Berlinerin sitzt im Neuköllner Passage-Kino neben ihren Freundinnen. Gleich wird sie selbst auf der Leinwand erscheinen. Denn Zerina Oktay ist eine von sechs Protagonistinnen des Dokumentarfilms „Spit Fire, Dream Higher“. Darin erzählen Regisseur Felix Cooper und das britische Model Adwoa Aboah die Geschichten von sechs Mädchen von Ghana bis Russland, die alles daransetzen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Fußball zu spielen. Und damit erzählen sie viel über Gleichberechtigung und Inklusion im Fußball.

Zerina Oktay und die meisten ihrer Freundinnen sitzen in Sportbekleidung im Kinosaal, es ist das Outfit ihres Vereins: Türkiyemspor. Zu dem Kreuzberger Klub kam sie durch ihren jüngeren Bruder, der schon zur damaligen Zeit für Türkiyemspor spielte. „Es war ein Glück, dass ich mich für diesen Verein entschieden habe“, sagt Zerina Oktay mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Auch für sie ist es keine Selbstverständlichkeit Fußball zu spielen. Sie habe das Glück, dass ihre Eltern es ihr erlaubt hatten. Viele muslimische Mädchen dürfen das nicht. Sie wünsche sich daher, dass junge Mädchen auf der ganzen Welt ihren Traum vom Fußballspielen verwirklichen können, sagt Zerina Oktay, egal welcher Religion sie angehören – so wie es eben bei Türkiyemspor der Fall ist. 

Das liegt vor allem an Murat Dogan. 2004 gründete er die Mädchenabteilung bei Türkiyemspor. „Jedes Mädchen, jede Frau, egal welches Leistungsniveau sie hat, soll bei uns Platz finden, um Fußball spielen zu können“, sagt Dogan. Auch wenn das den Klub vor eine Herausforderung stelle, sei es wichtig, allen diese Chance zu geben. „Wir müssen einfach alles versuchen, die Barrieren weiter aufzubrechen“, sagt der 43-Jährige.

„Von Frauen für Frauen“ – das war Murat Dogans ursprüngliche Idee. Doch dieses Konzept stellte sich als quasi unmöglich heraus, da es am Anfang nur wenige junge Trainerinnen gab, die die Mädchen betreuen konnten. Mittlerweile hat sich die Situation bei Türkiyemspor sehr verändert. Die großen Zugpferde seien nun die Trainerinnen, betont Dogan. „Sie können den Mädchen zeigen, wie man Fußball spielt, und sie agieren gleichzeitig als Vorbilder. Deshalb ist es wichtig, dass sich noch mehr Frauen aktiv im Fußball engagieren.“

Schon mit fünf oder sechs Jahren geht es los

Dogan sieht Türkiyemspor als Vorreiter. „Wir wollen anderen Vereinen ein Vorbild sein. Gemeinsam mit den anderen Klubs wollen wir den Frauenfußball weiterentwickeln“, sagt er. Man möchte vor allem eine Breite schaffen, der Fokus sei nicht nur, die Spielerinnen an die Spitze zu führen. „Wir versuchen die Mädchen so früh wie möglich in den Fußball zu bringen. Türkiyemspor ist einer der wenigen Vereine, bei dem fünf bis sechs Jahre alte Mädchen die Möglichkeit bekommen, den Fußball für sich zu entdecken“, betont Dogan.

„Die Jungs, die bei uns im Verein mit den Mädchen gemeinsam Fußball spielen, sind stolz darauf“, sagt er. Das zeigt sich auch im Film. Für die jungen Fußballspieler ist es selbstverständlich, mit den Mädchen zusammen dem Ball hinterherzurennen. Sie hinterfragen nicht das fußballerische Können und es fallen auch keine abwertenden Kommentare.

Zerina Oktay kann ihrer großen Leidenschaft nachgehen.
Zerina Oktay kann ihrer großen Leidenschaft nachgehen.Foto: Nike

Für Dogan gibt es allerdings noch viele weitere Ebenen, die im Frauenfußball weiterentwickelt werden müssten: auch auf dem höchsten Level, zum Beispiel bei der Präsenz im Fernsehen. „Frauenfußball muss mehr ins Fernsehen, es muss frauengerecht werden. Man kann nur über Gleichberechtigung reden, wenn auch im Frauenfußball in allen Bereichen alles gleich verteilt ist“, sagt Dogan. „Ich würde mir wünschen, dass ich den Fernseher anschalte und ich die Bundesligaspiele der Frauen verfolgen kann, wie bei der Sportschau.“ Dieses Problem wird Dogan allerdings kaum lösen können – schließlich liegt sein Fokus auf dem Engagement für Zerina Oktay und ihren Freundinnen bei Türkiyemspor.

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