• Weil Vereinssport im Park nicht erlaubt ist: Junge und alte Kampfsportler fordern „Sportfreiheit“

Weil Vereinssport im Park nicht erlaubt ist : Junge und alte Kampfsportler fordern „Sportfreiheit“

Sportvereine würden gerne in öffentlichen Parks trainieren – bisher dürfen sie das nur auf ausgewiesenen Sportflächen. In Steglitz wird deshalb protestiert.

Boris Buchholz
Für alle: So sehen die Forderungen des Silat-Vereins aus.
Für alle: So sehen die Forderungen des Silat-Vereins aus.Foto: Tsp

„Setzt Euch hin, dann steht auf, springt über Euer Schild und hüpft drei Mal hoch.“ Als Robert Rühle am Dienstagnachmittag das Zeichen gibt, legen die Demonstranten los: Ein Mädchen im pinken Fleece-Pulli hüpft gekonnt über ihre Pappe mit der Aufschrift „Vereinssport im Frei'n – das muss sein“. „SportFREIHEIT“, „Sport im Park“, „Training im Park für alle“ – die Schilder hüpfen nur so über die Wiese am Steglitzer Bäkepark. Etwa zwanzig protestierende Sportler hatten sich versammelt – die Hälfte waren Kinder.

Silat-Trainer Robert Rühle hat die Demonstration organisiert. Silat, das ist ein indonesischer Kampfsport, etwa 200 Schülerinnen und Schüler lernen ihn in der Kampfsportschule Randori im Steglitzer Kreisel. Turniere, Seminare, Unterricht in Schulen und Exkursionen bieten Trainer Rühle und seine Kollegen über den Silat e.V. an – eigentlich.

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Das Problem: „Man darf draußen mit acht Leuten inklusive Trainer trainieren – aber nur auf ausgewiesenen Sportflächen“, erklärt Robert Rühle. Und die hätten weder der Verein noch die Sportschule. Er und seine Mitstreiter setzen sich dafür ein, dass Sportvereine und -gruppen in den Parkanlagen der Stadt üben dürfen. Um das zu erreichen, „machen wir eine Demo für Sportfreiheit“.

„Mit den acht Teilnehmern können wir gut leben“, sagt der Silat-Experte, es sei ein Schritt in die richtige Richtung. Sie beobachten, dass viele Vereine und Sportstudios trotz des Verbots in Parks und auf Wiesen ausweichen, „dabei drohen hier hohe Strafen“. Sein Verein und die Sportschule wollten sich „selbstverständlich“ an die geltenden Regeln halten.

Sich an Regeln zu halten, ist im Kampfsport extrem wichtig. „Wir machen ja nicht nur Sport, sondern ja auch Wertevermittlung, und die Kinder leben diese Werte und diese Gemeinschaft“, sagt der Silat-Chef. Ein Blick auf die Wiese gibt ihm Recht: Die Kinder halten strikt weit mehr als 1,5 Meter Abstand und trotz der großen Entfernung zu ihren Anleitern machen alle gut mit. Trainer Rühle klingt stolz: „Das Einhalten von Regeln ist kein Problem.“

Sport draußen: Das soll nach Willen des Silat-Vereins bald wieder möglich sein.
Sport draußen: Das soll nach Willen des Silat-Vereins bald wieder möglich sein.Foto: Tsp

Ob sie den Sport vermisse? „Schon sehr doll“, sagt Avesta, sie ist 9 Jahre alt, „meine Freunde sind auch im Verein“. Und ob es sie unausstehlich mache, dass sie nicht zum Training dürfe? „Ja“, antwortet sie – und im Hintergrund nickt ihr Vater heftig. Sie wohnen im Wedding und reisen zum Sport regelmäßig in den Südwesten, „seitdem ich drei bin“.

Doch seit Wochen ist das unmöglich. Robert Rühle weiß, wie sehr den Silat-Kämpfern – der jüngste ist anderthalb, der älteste über 70 Jahre alt – der Sport fehle. „Wenn die Verabschiedung im Videochat fünf Minuten dauert, weil jedem noch einmal extra gewunken werden muss“, dann sei klar, wie sehr das Training vermisst werde.

Freiheit: Davon hätte der Silat-Verein gerne wieder mehr.
Freiheit: Davon hätte der Silat-Verein gerne wieder mehr.Foto: Tsp

Der Silat-Verein plant, regelmäßig für die Sportfreiheit in den Berliner Grünanlagen zu protestieren. Das Sportverbot im Park behindere viele Sportvereine und -schulen, ist sich Robert Rühle sicher. Karate, Judo, Aikido, Krav Maga, aber auch Fitness und Krafttraining: Wer in Nicht-Coronavirus-Zeiten nur Innenräume für das Training benötigt, hat jetzt das Nachsehen.

Wenn sich die Sportvereine durchsetzen sollten, gäbe es ganz neue Gründe, im Park flanieren zu gehen. Dort kann man beim Jiu-Jitsu zuschauen, auf der Wiese nebenan wird gefochten und weiter hinten haben Kegler provisorisch die zehn Pins platziert. Warum nicht?

Ein Haken ist sicherlich, dass jedermann zusehen kann. Doch kann es eine bessere Werbung für seinen Sport und mehr Gesundheit durch Bewegung geben? Am Dienstagnachmittag blieben nicht nur diverse Spaziergänger und Fahrradfahrer im Bäkepark stehen. Auch die abkommandierte Polizistin und ihre beiden Kollegen schauten sich das sportliche Treiben interessiert an. Es war ja schließlich eine Demonstration.

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