Handball-Nationalspieler bestreiten bis zu 80 Spiele im Jahr

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Wenn Ehre zur Qual wird : Die Lust an der deutschen Nationalmannschaft

Als der deutsche Fußball um die Jahrtausendwende seinem Tiefpunkt entgegensteuerte, galten taktische Grippe und Muskelverletzung als probates Mittel, um sich eine Verschnaufpause zu verschaffen. Diese Zeiten sind vorbei, die Nationalspieler brennen auf ihre Berufung. Einerseits, weil das Nationalteam bei der Steigerung des eigenen Marktwerts hilft. Andererseits, weil sich die Konkurrenz enorm verschärft hat. Zur EM 2000 musste noch Paolo Rink eingebürgert werden, damit die DFB-Auswahl überhaupt über einen vollständigen Kader verfügte. Heute stehen die Özils und Götzes auch deshalb Schlange, weil es als ziemlich aussichtslos gilt, wieder in den Kader zurückzukehren, wenn Joachim Löw einen Spieler einmal aussortiert hat. Und weil die Chance auf einen Titel weiter gegeben ist. Etablierte Strukturen, Konkurrenz auf höchstem Niveau und die Aussicht auf Erfolg sind, neben der ungebrochenen Popularität der Sportart, die Kriterien für den unantastbaren Stellenwert der A-Mannschaft.

Beim Deutschen Handball-Bund (DHB) muss man sich derweil nicht nur ob zuletzt fehlender sportlicher Erfolge um den Status als zweitpopulärste Auswahl der Republik sorgen, der durch den WM-Sieg 2007 im eigenen Land lange als gesichert galt. „Grundsätzlich ist es natürlich eine Ehre für jeden Spieler, wenn er berufen wird“, sagt Dierk Schmäschke zwar. „Trotzdem müssen wir alle der Frage nachgehen, wie man die terminliche Belastung in den Griff bekommt“, ergänzt der Manager von Bundesligist SG Flensburg-Handewitt. Im Durchschnitt absolvieren Handball-Nationalspieler bis zu 80 Pflichtspiele im Jahr, weil Welt- und Europameisterschaften im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetragen werden.

Absurde Szenarien sind die Folge. Ein Beispiel: Von Januar 2012 bis Januar 2013 finden mit EM, Olympischen Spielen und WM gleich drei große Turniere statt. „Darunter leiden Vereine und Verband gleichermaßen“, sagt Schmäschke, „denn selbstverständlich wollen alle gesunde Spieler haben.“ Aktuell ist jedoch das Gegenteil der Fall, vor der WM in Spanien (11. bis 27. Januar) zeichnet sich mal wieder eine lange Ausfallliste mit prominenten Spielern ab. Die Verletzungen zweier deutscher Spieler sind dabei fast zum Politikum verkommen: Die Flensburger Lars Kaufmann und Holger Glandorf hatten ihre Teilnahme an zwei EM-Qualifikationsspielen des DHB-Teams Anfang November abgesagt.

Wenige Tage nach dem Doppelspieltag des Nationalteams liefen sie allerdings im Bundesliga-Spitzenspiel beim THW Kiel auf, wenn auch nur phasenweise. Schmäschke betont zwar, das sei mit dem Verband so abgesprochen gewesen. Trotzdem ist der Manager genervt von der Thematik: „Man muss auch die Nationalspieler verstehen. Manchmal haben sie innerhalb eines Jahres keine drei zusammenhängenden freien Tage.“

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