Sport : „Wir haben keine Krise“

Pal Dardai über Herthas missliche Situation

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Herr Dardai, Sie sind in der ganzen Stadt auf den Werbeplakaten für das Spiel gegen Cottbus zu sehen und machen ein ziemlich verzweifeltes Gesicht.

Verzweifelt? Ich würde eher sagen wütend entschlossen. Ich bin seit zehn Jahren bei Hertha, da spüre ich, wann es wirklich wichtig ist. Als Fan wäre ich jetzt auch schon ein bisschen angefressen – nach so vielen Niederlagen. Aber wenn wir jetzt eine Siegesserie starten, ist alles wieder in Ordnung.

Cottbus ist ein unangenehmer Gegner.

Gegen Cottbus kannst du nicht fünf Tore schießen und schön spielen. Cottbus war nie einfach für uns. Aber wenn wir von Anfang an dagegenhalten, sind wir stark genug, um Cottbus zu bezwingen.

Am Einsatz hat es zuletzt gefehlt.

Das sehe ich anders. Gegen Mönchengladbach haben wir uns doch selbst geschlagen. Die haben uns doch nicht kaputt gespielt. Der Löwe lag müde vor uns, und wir hätten ihn erlegen können.

Von den letzten sechs Spielen hat Hertha fünf verloren. Spricht die Mannschaft über diese Situation?

Natürlich unterhalten wir uns darüber. Wir müssen uns gegenseitig wieder aufbauen. Aber ich sehe bei uns keine Krise.

Sechs Spiele ohne Sieg. Wenn das keine Krise ist …

Wir haben eine schlechte Serie. Schau dir die Spieler an. Bei einer Krise haben alle Angst und nehmen den Kopf nach unten. Jetzt ist eher das Gegenteil der Fall. Die Spieler dribbeln, sie haben Selbstvertrauen. Auch gegen Gladbach. Gilberto hatte den Zweikampf schon gewonnen und will noch ein Extrading machen – dann verliert er den Ball. Ashkan Dejagah will seinen Gegenspieler noch mal ausspielen. Beide sind mit breiter Brust da reingegangen. Genau das ist dann schiefgegangen, und wir haben im Anschluss Gegentore kassiert.

Nach dem Spiel gegen Gladbach sind Herthas Spieler wortlos und mit gesenkten Köpfen in der Kabine verschwunden. Was ist dort passiert?

Niemand hat geredet, fast so, als wäre jemand gestorben. Jeder musste die Niederlage erst einmal für sich verarbeiten. Ich habe schon in der Winterpause gesagt: Wie stark wir sind, wird sich erst zeigen, wenn wir zum ersten Mal wirklich in einem Loch stecken. Gegen Cottbus haben wir die nächste Gelegenheit, aus diesem Loch herauszuklettern.

Manager Dieter Hoeneß sagt, der Teamgeist stimme nicht.

Vielleicht wollte er uns ein bisschen provozieren. Eigentlich müsste es ja so sein, dass die älteren Profis die Fehler der jungen Spieler ausbügeln. Das klappt bei uns im Moment nicht. Die älteren Spieler, Simunic, Gilberto, Fiedler, auch ich – wir könnten besser spielen. Wir müssten der verlängerte Arm des Trainers sein.

Sind Sie das?

Ich habe nicht speziell von mir gesprochen. Jeder ältere Spieler muss sich um die jungen Profis kümmern.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Falko Götz?

Professionell. Trainer zu sein ist schwierig heute. Du hast 30 verschiedene Typen im Kader und musst aufpassen, was du sagst. So einem netten Menschen wie Pal Dardai kannst du vielleicht öffentlich Vorwürfe machen. Bei anderen weißt du nie, wie sie das aufnehmen.

Spricht Götz in dieser kritischen Phase mehr mit den Spielern als gewöhnlich?

Ich weiß nicht, mit wem er wann Einzelgespräche führt. Am Dienstag vor dem Training hat er eine Ansprache gehalten. Zehn Minuten. Das war sehr gut. Wichtig ist, dass der Trainer und der Manager Ruhe ausstrahlen. Sie werden nicht hektisch – das merken wir.

Geht Götz jetzt anders mit der Situation um als vor einem Jahr? Damals hatte Hertha 13 Spiele nicht gewonnen.

Erinnern Sie sich noch? Das war genau zur gleichen Zeit, auch direkt nach der Winterpause. Ich habe schon darüber nachgedacht, woran es liegen könnte. Ist es die Berliner Luft? Sind wir im Trainingslager zu viel gelaufen? Oder zu wenig?

Der Trainer steht stark in der Kritik. Wie ist die Mannschaft auf ihn zu sprechen?

In Berlin gibt es schnell Kritik. Das war auch vor einem Jahr so. Aber Falko Götz hat das Problem gelöst. Er hat Vertrauen.

Hat die Mannschaft Vertrauen in ihn?

Ich sage es mal so: Egal, ob mein Vater mein Trainer war oder der Lehrer, den ich in der Schule gehasst habe: Wir Profis sind in erster Linie selbst verantwortlich für unsere Leistung. Ich muss so trainieren, dass ich topfit bin. Ob ich den Trainer mag oder nicht, das spielt keine Rolle.

Für die jungen Spieler ist das vielleicht nicht so einfach wie für Sie.

Die Jungs müssen einfach versuchen, ruhig Fußball zu spielen – auch wenn der Druck hoch ist. Das meiste bekommen ja doch der Trainer und die älteren Spieler ab. Gerade steht der Trainer im Feuer.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass eine Mannschaft gegen ihren Trainer spielt?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Da müsste der Trainer schon richtig böse oder total übel sein. Ich sehe die Hauptschuld nicht beim Trainer.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Ingo Schmidt-Tychsen.

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