WM 2014 : Brasilien ist erstmalig vom WM-Traum berauscht

Lange fand die brasilianische Mannschaft nicht in die WM und das Volk murrte. Nach dem Sieg über Kamerun herrschte nun zum ersten Mal eine Verbundenheit zwischen dem Brasilien auf der Straße und dem Brasilien auf dem Platz.

Jubel ohne Zwischentöne.
Jubel ohne Zwischentöne.Foto: dpa

Der Tag ging, und es kam die Samba. Muss ja immer sein in Brasilien, am Strand und auf dem Fußballplatz und gerne auch im Flugzeug. Also nahm Dante sein Cavaquinho mit an Bord, als die Seleçao brasileira sich am späten Abend auf den Weg machte. Es war eine weite Reise von Brasilia über Rio ins WM-Quartier in die Berge von Teresopolis, da konnte ein bisschen Musik nicht schaden. Ein Cavaquinho ist ein Zwischending aus Gitarre und Ukulele, der Münchner Brasilianer Dante hat es immer dabei, denn er ist in der Nationalmannschaft für das Musikprogramm zuständig. Neben ihm saß Daniel Alves und schlug eine Trommel, einen Sitz weiter bearbeitete Bernard eine Mini-Marimba, und gemeinsam mit den übrigen Kollegen stimmten sie eine Sambo do Brasil an. Was für ein Abend!

Zum ersten Mal in dieser WM berauschte sich Brasilien an seinem Anspruch, die Fußball-Welt zu beherrschen. Das 4:1 im letzten Vorrundenspiel über Kamerun vermittelte dem fünffachen Weltmeister viel von dem Selbstbewusstsein, das in den vergangenen Tagen verloren gegangen war, nach dem bescheidenen 0:0 gegen Mexiko und einer nicht enden wollenden öffentlichen Diskussion über WM-Tauglichkeit der vermeintlichen Komparsen rund um die Lichtgestalt Neymar.

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Neymar ist nun der sechstbeste Artilheiro

„Das war unser bestes WM-Spiel“, erzählte Neymar später, als ihn die Kameras verfolgten und die Mikrofone bedrängten. „Ich bekomme von überall Glückwünsche, und die haben wir uns verdient.“ Der Stürmer vom FC Barcelona zelebrierte im Stil des Künstlers zwei wunderschöne Tore, er kommt jetzt schon auf 35 in 52 Spielen, damit ist er der sechstbeste Artilheiro in der Geschichte der Nationalmannschaft. Mit 22 Jahren. Im Stadion skandierten sie „der Champion ist zurück“ und, kleiner Gruß an den Nachbarn: „Argentinien, warte nur! Deine Stunde wird noch kommen!“

Außerhalb der Amüsiermeilen war es zwar beängstigend leer an diesem Montagabend in Brasilien. Auf den Boulevards von Sao Paulo zogen Radfahrer ausnahmsweise ohne Lebensgefahr ihre Spuren, in Rio de Janeiro fehlten die berüchtigten Staus im Feierabendverkehr, aber was heißt schon Feierabend. Bei den brasilianischen Spielen ist an geregelte Arbeitszeiten nicht zu denken, die meisten Unternehmen geben ihren Angestellten einen zusätzlichen Tag WM-Urlaub.

Das Stadion in Brasilia liegt mitten im Stadtzentrum, das sonst nur aus einer Straßenkreuzung und einem Einkaufszentrum nebst Busbahnhof besteht. Es gibt in Brasilia keinen Erstligaklub, aber die Hauptstadt musste schon aus politischen Gründen dabei sein bei der WM. Die Manifestaçoes, die im vergangenen Jahr noch so beeindruckend gewaltigen Demonstrationen gegen die Regierung, sie halten sich hier in Grenzen. In Brasilia wohnen vor allem Staatsbedienstete, und deren Demonstrationsbereitschaft ist eher schwach ausgeprägt. Sollte die WM-Stimmung ausgerechnet in Brasilia zugunsten des Fußballs gekippt sein, wäre das schon von bemerkenswert ironischer Symbolkraft.

Brasilien hat lange gewartet auf so einen Abend, und es war weniger das Spiel, das die Torcedores verzückte. Auch eine Andeutung oder gar nur die Illusion von traditioneller Dominanz erzeugte allgemeine Glückseligkeit. Wie schon in den ersten beiden Spielen gegen Kroatien und Mexiko ging in der Defensive einiges durcheinander, das Tempo ließ allerlei Wünsche offen, und ohne die beiden Treffer Neymars hätte es wieder mal eng werden können.

Fred, der traurig-hilflose Mittelstürmer, beendete zwar seine torlose Zeit, aber fünf Meter vor dem leeren Tor konnte nicht mal er anders. Dazu war der Gegner kaum satisfaktionsfähig. Das Gefährlichste an diesen Kamerunern waren die auf ihre Leibchen gestickten Löwenköpfe. Aber genau so einen Gegner hatten die Brasilianer gebraucht. Einen, gegen den sie endlich einmal eine erdrückende Überlegenheit inszenieren konnten und das Volk mit reichlich Toren verwöhnten.

Jubel ohne Zwischentöne.
Jubel ohne Zwischentöne.Foto: dpa

Die Brasilianer wissen, worum es geht

Und siehe da, das Volk war zufrieden. Es feierte in den Bars und auf den Straßen und überall dort, wo sich ein Fernseher oder eine Leinwand fand. Zum ersten Mal herrschte die Atmosphäre einer tiefen Verbundenheit zwischen dem Brasilien auf der Straße und dem Brasilien auf dem Platz. Die Party ging weiter bis in die frühen Morgenstunden, und am Samstag soll sie ihre Fortsetzung finden. Im Estadio Mineirao von Belo Horizonte geht es im Achtelfinale gegen Chile, einen Gegner von ganz anderer Qualität. Die wilden Chilenen sticken sich keine Löwenköpfe auf ihre Trikots, um den Gegner zu erschrecken, sie haben da andere Mittel.

Die Brasilianer wissen, worum es geht, auch und gerade die Fans im fußballverrückten Rio de Janeiro. Die Busse für die Reise nach Belo Horizonte waren zwei Stunden nach dem Sieg über Kamerun so gut wie ausgebucht, und bezahlbare Flüge gibt es schon lange nicht mehr.

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