WM 2018: Außenseiter Island : Fußball mit Familienbande

Áfram Ísland - die Isländer nehmen erstmals an der WM teil – schon bei der EM 2016 überraschten sie mit ihrem beherzten Spiel, den „Hú, hú“-Rufen und ihrem ekstatischen TV-Kommentator.

Alva Gehrmann
Große Sache. Islands Aron Gunnarsson (vorn) und seine Mannschaftskameraden jubeln nach dem 2:1-Sieg im Achtelfinale EM 2016 gegen England
Große Sache. Islands Aron Gunnarsson (vorn) und seine Mannschaftskameraden jubeln nach dem 2:1-Sieg im Achtelfinale EM 2016 gegen...Foto: dpa

Als Island bei der EM 2016 in der letzten Minute der Nachspielzeit 2:1 gegen England gewann, überschlug sich die Stimme des sonst eher ruhigen isländischen Fernsehkommentators. „Wir fahren nie wieder nach Hause“, brüllte Guomundur Benediktsson ins Mikrofon und hüpfte in seiner Reporterbox umher. Der Einzug ins Viertelfinale gelang nur wenige Tage nach der Brexit-Entscheidung. „Lebt, wie ihr wollt, England! Island spielt am Sonntag gegen Frankreich“, rief er. „Ihr könnt aus Europa austreten. Ihr könnt gehen, wohin zur Hölle ihr wollt.“ Hunderttausende teilten das Video im Netz, sogar US-Comedian Stephen Colbert zitierte ihn in seiner Late-Night-Show.
Ähnlich begeistert war auch das isländische Volk. Ein Zehntel der Bevölkerung reiste spontan zur Fußball-EM nach Frankreich, was die Kandidaten der zeitgleich stattfindenden Präsidentschaftswahlen bangen ließ. Der Rest der Nation saß vor den Fernsehern oder traf sich auf öffentlichen Plätzen.
Mit ihrem beherzten Spiel war das unbekannte Team die EM-Überraschung. Angeführt von ihrem vollbärtigen und reichlich tätowierten Kapitän Aron Gunnarsson zelebrierten sie ihre „Hú, hú“-Rufe und das sich steigernde rhythmische Klatschen, was manche mit Wikingerrufen verglichen.

Tatsächlich schauten sich die Isländer die Choreografie von einem schottischen Verein ab und machten mit der ausgedehnten Stille zwischen den Rufen ihre eigene Version daraus. „Dieses Schweigen hat genauso viel Kraft in sich wie das Klatschen“, sagt Styrmir Gíslason vom Fanverband Tólfan (sinngemäß: der zwölfte Mann). Während die Mannschaft sich aufwärmte, putschten tausende Isländer sie im Stadion mit ihren Gesängen oder dem Schlachtruf „Áfram Ísland!“ („Vorwärts, Island“) auf. Nach der Niederlage gegen Frankreich musste das Team nach Hause fahren – genau wie der TV-Kommentator, den sie Gummi Ben nennen.

Sie kämpfen um jeden Ball, als ginge es ums Überleben

Island ist mit rund 335.000 Einwohnern die kleinste Nation, die je an einer Fußball-EM teilgenommen hat. Und schafft diesen Rekord nun ebenfalls bei der WM. Im Kreieren von „per-capita“-Vergleichen sind die Isländer längst Weltmeister. Sie haben die höchste Dichte an Literaturnobelpreisträgern, es ist einer: Halldór Laxness; und sie sind bei der WM bisher ungeschlagen. (Es ist ja ihre erste Teilnahme.) Auch der Isländische Fußballverband kann den aktuellen Erfolg mit Statistiken erklären: es gibt 26.000 registrierte Spieler (Frauen und Männer), 669 Trainer mit Uefa-B-Lizenz sowie 240 mit Uefa-A-Lizenz, 179 Fußballfelder und 100 männliche Vollzeit-Profis.

Aus diesen bilden sie das Nationalteam, das bei der WM wieder von Gunnarsson angeführt wird. Der Torwart Hannes Þór Halldórsson arbeitet bis jetzt nebenbei als Filmemacher und Trainer Heimir Hallgrímsson als Zahnarzt. In Island ist es üblich, mehre Jobs in verschiedenen Branchen zu haben. Zum einen aus finanzieller Notwendigkeit, zum anderen ist es Teil ihrer Mentalität: sie sind vielseitig, flexibel und ausdauernd. Alles Qualitäten, die die Mannschaft in ihren Spielen zeigt. Sie kämpfen um jeden Ball, als ginge es ums Überleben.

Einerseits mögen die Isländer das Image des Underdogs, trotzdem wollen sie nicht unterschätzt werden

„Wenn du das Beste im Leben erreichen willst, musst du bereit sein, wenn die Chance dazu kommt«, sagte Hallgrímsson auf einer Pressekonferenz. Das gilt ebenso für seine Karriere. War der 51-Jährige 2016 noch gleichberechtigter Co-Trainer mit dem Schweden Lars Lagerbäck, führt er das Team nun an, das am Sonnabend im ersten Turnierspiel gegen Argentinien spielt (15 Uhr).
Einerseits mögen die Isländer das Image des Underdogs, trotzdem wollen sie nicht unterschätzt werden. Der Fußballverband hat in den vergangenen 15 Jahren systematisch eine neue Generation von Spielern ausgebildet. Gab es 2003 keinen einzigen Trainer mit Uefa-Lizenz, werden heute selbst die Kleinsten von Profis gecoacht, außerdem investierten sie in gute Plätze. Und es gibt einen weiteren wichtigen Faktor: Die meisten Spieler kennen sich seit ihrer Jugend und sind miteinander befreundet. Das stärkt den Zusammenhalt.

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Es ist zwar eines der vielen Klischees, dass in Island die meisten miteinander verwandt sind oder sich zumindest kennen, aber es gibt durchaus viele Verbindungen. So auch zwischen dem Nationaltrainer und Martin Eyjólfsson, dem isländischen Botschafter. Anfang der Neunzigerjahre kickten beide gemeinsam im Verein ÍBV in Vestmannaeyjar, der Ort gehört zur gleichnamigen Inselgruppe im Süden Islands. „Ich war aber nur ein Semi-Profi“, sagt Eyjólfsson, der im Mittelfeld spielte. Später entschied er sich für die Diplomatie. „Der sportliche Erfolg ist eine ewige Reise, harte Arbeit und man braucht Teamgeist. Unsere Spieler sind wie eine große Familie.“
Seit 2016 vertritt der 47-Jährige sein Land als Botschafter in Deutschland. Zur WM veranstalten die Isländer gemeinsam mit den Dänen, die ebenfalls qualifiziert sind, Public Viewings in den Nordischen Botschaften. Wie wird das erste Spiel gegen Argentinien ausgehen? Eyjólfsson tippt auf ein Unentschieden. „Sollte Island in die Hauptrunde kommen, ist alles möglich“, sagt er und fügt scherzhaft hinzu: „Wir sehen uns dann am 15. Juli im Finale gegen Deutschland.“
Der berühmte Kommentator Gummi Ben ist in Russland startklar, er wird uns sicherlich wieder unterhalten. Apropos isländische Verbindungen: Der TV-Mann war früher selbst Nationalspieler, sein Sohn ist Profi bei PSV Eindhoven, seine Frau Trainerin und ihr Großvater war der erste isländische Fußballprofi.

- Alva Gehrmann ist freie Journalistin und Autorin, die seit zwölf Jahren vor allem über Nordeuropa berichtet. In ihrem Buch „Alles ganz Isi – Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene“ (dtv) porträtiert sie das Inselvolk.
www.dtv.de/buch/alva-gehrmann-alles-ganz-isi-24874/

Foto: promo

- Public Viewing der Isländer in Berlin: (gemeinsam mit den Dänen): Nordische Botschaften, Rauchstraße 1, Einlass ab 14 Uhr, Eyjólfsson ist vor dem Spiel im Gespräch mit Ásgeir Sigurvinsson, dem Ex-Bundesligaprofi beim FC Bayern München und VfB Stuttgart. 15 Uhr Spielbeginn Island – Argentinien / Es gibt nordische Spezialitäten und in den Pausen Musik www.nordischebotschaften.org

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