WM-Fankultur : Brasiliens treuester Fan kann in Russland nicht mehr dabei sein

Seine Tränen im WM-Halbfinale 2014 machten Brasiliens treusten Fan weltberühmt. Nach seinem Tod tragen die Söhne sein Erbe weiter.

Tobias Finger
Er steht für die brasilianische Trauer, jetzt führen seine Söhne sein Vermächtnis weiter: Clovis Acosta Fernandes.
Er steht für die brasilianische Trauer, jetzt führen seine Söhne sein Vermächtnis weiter: Clovis Acosta Fernandes.Foto: Thomas Eisenhuth/dpa

Es ist der 8. Juli 2014 in Belo Horizonte und eine Fußballnation liegt in Trümmern. Während die deutsche Nationalmannschaft ihre 7:0-Führung hochkonzentriert und mit Vorfreude auf das WM-Finale über die Zeit bringt, sind die Brasilianer auf dem Feld und auf den Tribünen gleichermaßen erschüttert. Stück für Stück sickert die Realität dessen in die Köpfe der Gastgeber, was lange Zeit wie ein Albtraum der übelsten Sorte anmutete: Halbfinal-Aus bei der Heim-WM, chancenlos gegen eine entfesselte deutsche Nationalmannschaft, die sieben Gegentore gegen den späteren Weltmeister kommen einer Demütigung gleich. Brasilien trauert, die Seleçao ist konsterniert, die Fans auf den Rängen lassen ihren Gefühlen freien Lauf.

Ein ergrauter Mann mit schwarzem Hut, die Stirn in Falten gelegt, weint besonders hemmungslos und die Fernsehkameras der internationalen Regie halten ohne Gnade drauf: Clovis Acosta Fernandes, besser bekannt als „Gaúcho da Copa“, hält eine Replik des Weltmeister-Pokals umklammert, der mächtige graue Schnauzbart zittert im Rhythmus des Schluchzens, seine Enkelin lehnt mit geröteten Augen an seiner Schulter. Das Bild geht um die Welt, in Deutschland wird Fernandes bekannt als „traurigster Fan Brasiliens“. Seinen Weltmeisterpokal gibt er nach dem verlorenen Halbfinale noch im Stadion an eine junge Deutsche mit dem Kommentar: „Nimm den Pokal zum Finale. Aber sei vorsichtig, weil er nicht ganz leicht ist. Ihr habt es verdient.“

1990 war Fernandes das erste Mal bei einer Weltmeisterschaft. In Italien sah er, wie Dunga, Mazinho und Romario in der Gruppenphase brillierten, auch im Achtelfinale Argentinien dominierten – und wie sie dennoch ausschieden. Ein Erlebnis, das ihn für immer an die Seleçao band. Fernandes gründete den Fanklub „Gaúchos na Copa“ und folgte der Nationalmannschaft um die ganze Welt. Er sah Brasilien gemeinsam mit seinem Sohn Frank 1994 in den USA die Weltmeisterschaft gewinnen und war auch beim erneuten Triumph 2002 in Japan und Südkorea dabei. Überallhin begleiteten ihn sein schwarzer Hut, den er mit Ansteckern aus allen auf seinen Reisen besuchten Ländern schmückte, und die Bronze-Kopie der WM-Trophäe. Jener Pokal, den er nach dem verlorenen Halbfinale weiterreichte.

Eine gleich mehrfach symbolische Übergabe: Denn die Niederlage gegen Deutschland war gleichzeitig das letzte WM-Spiel, das Gaúcho da Copa erleben sollte. „Solange ich lebe, werde ich der brasilianischen Nationalmannschaft hinterher reisen. Zu allen Spielen und allen Turnieren, die sie bestreitet“, sagte er dem Tagesspiegel nach der 1:7-Schmach gegen Deutschland. Am 16. September 2015 verstarb Clovis Acosta Fernandes im Alter von 60 Jahren, nachdem er Brasilien zu über 150 Spielen in mehr als 60 Ländern begleitet hatte. Er verlor seinen neunjährigen Kampf gegen den Krebs, die letzten zwei Monate seines Lebens musste er in einer Klinik verbringen. Die Familie erreichten Beileidsbekundungen aus der ganzen Welt. Sein letztes Spiel sah Clovis bei der Copa América 2015. Der Leichnam von „Brasiliens zwölftem Spieler“, wie er sich selbst scherzhaft nannte, wurde eingeäschert, die Urne brachten seine Söhne Frank und Gustavo noch ein letztes Mal zu einem Spiel der Seleçao ins berühmte Maracana nach Rio de Janeiro, wo Brasilien 2014 das Finale hätte spielen sollen, bevor Clovis’ Asche an seinem Lieblingsstrand verstreut wurde.

Das Ende einer Ära? Nun, nach sieben Weltmeisterschaften, muss Brasilien in Russland zum ersten Mal ohne ihren größten Fan auf der Tribüne antreten. Doch Clovis’ Erbe lebt weiter. Seine Söhne sind nach Moskau gereist, um den Willen ihres Vaters zu erfüllen, wie Frank Fernandes berichtet: „Sein Wunsch ist es, dass wir seinen Pokal weiter in die Stadien bringen und seine Botschaft weiterleben lassen: Seid positiv, habt Mut, geht mit einem Lachen an das Leben heran.“ Genau das tun Frank und Gustavo Fernandes jetzt in Russland. Immer mit dabei: der schwarze Hut mit den Ansteckern und die bronzene Replik des Weltmeisterschaftspokals. Wie der Vater, so die Söhne.

Der Pokal, von dem Clovis sagte, er schütze ihn, als wäre er das Original und nehme ihn sogar zum Schlafen mit ins Bett, erlebt also seine achte Weltmeisterschaft, für Frank Fernandes ist es seit den Vereinigten Staaten 1994 seine siebte. „Jetzt habe ich genauso viele wie mein Vater“, sagte er in Moskau. „Für Gustavo ist es die vierte. Wir gehen seinen Weg weiter.“ Gegen die Schweiz im ersten Gruppenspiel reichte es zwar nur für ein Unentschieden, doch der Pokal soll zum Talisman werden. „Ich glaube, Brasilien ist bereit. Ich habe das Gefühl, sie sind die beste Mannschaft, aber gewinnen ist nochmal etwas anderes. Trotzdem haben wir die Gelegenheit, den Unterschied zu machen“, sagt Frank.

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Die nächste Chance also nach dem Halbfinal-Aus 2014, dem Spiel, das den Vater, seinen Pokal und seine Tränen weltberühmt machte. „Er sagte, die Niederlage gegen Deutschland habe sich wie eine Tätowierung eingebrannt“, erzählte Frank nach Clovis’ Tod. „Sie werde nie vergehen.“ Sein Vermächtnis allerdings ebenso wenig. Seine Söhne tragen es weiter.

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