WM-Generalprobe gegen Saudi-Arabien : Test mit beschränkter Aussagekraft

Im letzten Testspiel vor der WM empfängt das DFB-Team Saudi-Arabien. Selten haben solche Spiele für das Turnier was zu bedeuten - wobei 1990 sogar Geschichte geschrieben wurde.

Bloß nicht stolpern. Deutschlands Nationalspieler Julian Brandt (Nr. 20) und Co. peilen gegen Saudi-Arabien einen Sieg an.
Bloß nicht stolpern. Deutschlands Nationalspieler Julian Brandt (Nr. 20) und Co. peilen gegen Saudi-Arabien einen Sieg an.Foto: Joe Klamar/AFP

Pal Dardai lächelte gequält. Es ging um den ungarischen Fußball, und irgendwann kam die Sprache auf Sandor Torghelle. Dardai, damals selbst noch Nationalspieler, sagte ein paar nicht besonders freundliche Worte über seinen Teamkollegen, die allerdings nicht zum Zitieren freigegeben waren. Der Tenor: Warum kommt ihr immer mit Torghelle? So toll ist der nun auch nicht! In Deutschland ist das immer ein bisschen anders gesehen worden. Da war Sandor Torghelle ein Weltstar. Mindestens.

Der Stürmer, der später für Jena, Augsburg und Düsseldorf vier Jahre in der Zweiten Liga gespielt hat, hat dafür nur einen einzigen Auftritt gebraucht: das Länderspiel der ungarischen Nationalmannschaft gegen Deutschland am 6. Juni 2004 in Kaiserslautern. Der Stürmer traf zweimal, Ungarn, von Lothar Matthäus trainiert, gewann 2:0 – und die Deutschen ahnten, dass es schwer für sie werden könnte bei der wenige Tage später beginnenden Europameisterschaft. „Mit dieser Leistung gibt’s in Portugal nichts zu holen“, schrieb der „Kicker“. So kam es auch. Die Deutschen gewannen bei der Europameisterschaft kein Spiel, kamen gegen Lettland nicht über ein 0:0 hinaus und schieden schließlich nach einer 1:2-Niederlage gegen eine tschechische B-Elf schon nach der Vorrunde aus.

Nicht immer lässt sich ein derart klarer Zusammenhang herstellen zwischen den Leistungen in den letzten Testspielen vor einem Turnier und den Leistungen in den darauf folgenden Welt- und Europameisterschaften. Die Nationalmannschaft hat auch nach 2004 im unmittelbaren Anlauf auf WM- und EM-Endrunden noch diverse Male geschwächelt, ohne dass es beim Turnier zu gravierenden Konsequenzen geführt hätte. Die Ergebnisse solcher Testspiele besitzen eine beschränkte Aussagekraft.

Vor der EM 2012 verlor Deutschland 3:5 gegen die Schweiz

In der Vorbereitung zur EM 2012 zum Beispiel verlor die deutsche Mannschaft 3:5 gegen die nicht für das Turnier qualifizierten Schweizer; vor zwei Jahren unterlag das Team von Bundestrainer Joachim Löw der Slowakei 1:3, und 2008 musste es sich gegen Weißrussland nach einer 2:0-Pausenführung mit einem 2:2 zufrieden geben. Auch dieses Spiel fand in Kaiserslautern statt, auch für die Weißrussen schoss ein Spieler beide Tore: Witali Bulyga vom FC Luch-Energia Wladiwostok.

2006, kurz vor der WM im eigenen Land, bestritt die Nationalmannschaft unmittelbar vor dem Turnier noch zwei Testspiele, das vorletzte gegen Japan in Leverkusen. Bis eine Viertelstunde vor Schluss führten die Japaner 2:0, dank zweier Freistoßtore reichte es für den WM-Gastgeber wenigstens noch zu einem 2:2. „Das Spiel in Leverkusen hat gezeigt, dass Klinsmanns Projekt erst einmal an seine Grenzen gestoßen ist“, schrieb der Tagesspiegel. Als die Nationalspieler aus der Kabine zum Bus gingen, hing am Zaun ein Fan, der jedem Mitglied der Nationalmannschaft entgegenschrie: „Wie wollt ihr das schaffen?“ Die Nationalmannschaft schaffte es immerhin ins Halbfinale, wie bei jedem großen Turnier seitdem.

In solchen Testspielen kommen die Nationalspieler oft aus der Belastung eines Trainingslagers, die Beine sind schwer, außerdem wählt der Bundestrainer auch schon mal eine Formation, die beim Turnier so vermutlich nicht auf dem Platz stehen würde. Es geht mehr um Erkenntnisse als um Resultate oder, wie Bundestrainer Joachim Löw vorige Woche vor dem Spiel gegen Österreich gesagt hat: „Das Ergebnis ist völlig nebenan gestellt.“ Trotzdem ist das öffentliche Geschrei natürlich groß, wenn wie am vergangenen Samstag in Klagenfurt vor allem in der zweiten Hälfte bei der Nationalmannschaft wenig zusammenläuft und am Ende eine 1:2-Niederlage herausspringt.

Gegen Saudi-Arabien gewann das Nationalteam zuletzt 8:0

Das Gute ist: Die Deutschen werden am kommenden Dienstag vermutlich trotzdem nicht mit dem Gefühl einer Niederlage in das Flugzeug steigen müssen, das sie nach Moskau befördert. An diesem Freitag (19.30 Uhr/ARD) bestreiten sie in Leverkusen ihren finalen Test gegen Saudi-Arabien. Beim letzten Aufeinandertreffen beider Nationen auf dem Fußballplatz,, im Auftaktspiel der WM 2002, gewann die Nationalmannschaft 8:0

Trotz ihrer beschränkten Aussagekraft erinnert man sich manchmal auch noch Jahre später an die Testspiele unmittelbar vor einem großen Turnier. An Sandor Torghelle, der dann leider doch nicht der große Weltstar geworden ist. Oder an den bedauernswerten Marco Reus, der sich 2014, einen Tag vor dem Abflug nach Brasilien, beim 6:1 gegen Armenien so schwer verletzte, dass er die WM verpasst hat.

Und manchmal schreibt ein solches Testspiel sogar Geschichte. 1990 setzte Teamchef Franz Beckenbauer beim 1:0-Sieg gegen Dänemark bis auf Stammtorhüter Bodo Illgner alle 21 Spieler aus seinem WM-Kader ein. Es ist bis heute der Rekord – weil der Weltfußballverband Fifa als Folge dieser Begegnung die Zahl der Auswechslungen selbst in Freundschaftsspielen auf sechs beschränkt hat.

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