WM in Russland : Was wird von Sotschi bleiben?

Olympia, Confed-Cup, WM – die Sportwelt war Dauergast in der Stadt am Schwarzen Meer. Jetzt heißt es: Abschied nehmen vom Jahrmarkt der postmodernen Eitelkeiten. Ein Spaziergang.

Die russische Mannschaft trainiert vor dem Viertelfinale gegen Kroatien in Sotschi.
Die russische Mannschaft trainiert vor dem Viertelfinale gegen Kroatien in Sotschi.Foto: Manu Fernandez/AP/dpa

Ist das die berühmte Laterne, unter der Joachim Löw posiert hat? Mit der Sonnenbrille und dem eng anliegenden Shirt, im Hintergrund der blaue Himmel und das schäumende Meer... Die gestellten Fotos auf der Strandpromenade von Sotschi mögen den Bundestrainer in ein seltsames Licht getaucht haben, aber aus ästhetischer Sicht waren sie das Anspruchsvollste, was der deutsche Fußball bei der WM in Russland hinterlassen hat. „Sag mal, du bist doch Deutscher“, sagt Sergej, ein junger Russe, der unter der Woche in Sotschi arbeitet und 400 Kilometer weiter nördlich in Krasnodar zu Hause ist. Sergej lacht, großartiger Witz!, er fragt noch mal: „Also, was machst du hier? Ihr spielt doch gar nicht mehr mit?

Vom Weltmeister wird nicht viel mehr bleiben als das Foto von Joachim Löw, wenn er erst einmal ein ehemaliger Weltmeister ist, also in einer Woche. Und was wird von Sotschi bleiben?

Vier Jahre lang hat die Welt Sotschi umgarnt - jetzt ist Schluss

Diesem seltsamen Ort am Schwarzen Meer, unter dessen Palmen auch schon Eishockeyspieler gefeiert haben, Skifahrer und Biathleten. Sotschi steht für die Hybris des dritten Jahrtausends, für die Gewissheit, dass mit Geld alles geht. Vier Jahre lang hat die Welt Sotschi umgarnt. Sie hat ihre besten Winter- und Sommersportler in den Kaukasus geschickt und das Schwarze Meer zu einem bunten gemacht. Aber jetzt ist erst einmal Schluss. Nach den Olympischen Winterspielen, dem Confed-Cup der Fußballspieler und der Weltmeisterschaft. Mit drei sportlichen Großereignissen war die Welt in den vergangenen vier Jahren hier zu Gast. Am Samstag hat Sotschi Abschied genommen von seinem Status als Jahrmarkt der postmodernen Eitelkeiten. Sotschi ist reich bedacht worden bei der WM. Mit sechs Spielen, darunter das spektakuläre 3:3 zwischen Spanien und Portugal. Toni Kroos‘ Freistoß tief in der Nachspielzeit zum deutschen 2:1-Sieg gegen Schweden. Und am Ende schaute am Samstag die russische Nationalmannschaft beim Viertelfinale vorbei, das ganze Land hat den Atem angehalten und die Welt auch ein bisschen.

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Später in der Nacht sind dann die Tore abgebaut worden und mit ihnen ist auch die Weltläufigkeit verschwunden, die diesen Ort einmal ausgezeichnet hat. Sotschi ist wieder Sotschi. Ein Urlaubsort mit Strandbars, Schwimmflügelkindern, Sonnencrememamas und Bierbauchpapas. Ja, es gibt noch den Großen Preis von Russland, das Formel-1-Rennen im Herbst. Superschnelle Autos, die um das einstige Olympiagelände flitzen. Aber dieser eine Tag im Jahr kann keine Kompensation sein für den Verlust an Bedeutung, die das Städtchen in den vergangenen Jahren hatte. Sotschi war das sonnige, das international anerkannte und begehrte Russland von Weltruf. Jetzt ist es wieder ein Badeort am Schwarzen Meer.

Sotschi ist eigentlich ein in die Irre führender Begriff. Sergej steuert seinen Wagen über die Autobahn und sagt, dass es noch ein bisschen dauert. Sotschi ist ein steinernes Meer, durchzogen von Schneisen, die Blechlawinen gewidmet sind. Die eigentliche Stadt hat wenig zu tun mit WM und Olympia und Formel 1. Sotschi Downtown liegt gut zwanzig Kilometer weiter westlich von den Hotspots des Sports im Vorort Adler, der vor einem halben Jahrhundert eingemeindet wurde und doch nichts zu tun hat mit der Stadt, die einst der sowjetischen Nomenklatura als Sommerfrische diente. Damals angelegt von den besten Baumeistern der Sowjetunion, die Josef Stalin persönlich nach Sotschi schickte. Und Adler? Ist eine Trabantenstadt im klassischen Sinne, zusammengegossen aus Beton bis an den Strand, der wenig Sand hat, aber historisierte Laternen wie jene, unter der Joachim Löw posierte. Ein paar Kilometer weiter Richtung Südosten ist schon Georgien, wo der einstige Priesterschüler Stalin aufwuchs. Stalin hat oft und gern Urlaub in Sotschi gemacht. Man mag seinen Zuckerbäckerstil aus politischen oder architektonischen Gründen verteufeln, aber ist er wirklich die schlechtere Lösung, verglichen mit der Baukunst des dritten Jahrtausends in Adler? Nichts als stromlinienförmige Hotels, Apartmenthäuser und Shopping-Malls, aber alles vor der zauberhaften Kulisse des Meeres. Ganz vorn drängen sich ein paar höhere Häuser zwischen den Strand und die Ausläufer des Kaukasus. Hier war mal das olympische Dorf und noch vorher Marschland. Auch der Umweltschutz musste dem Projekt Olympia sein Opfer bringen.

Das Fischt-Stadion war Zwischenstation für viele Teams. Auch die deutsche Mannschaft.
Das Fischt-Stadion war Zwischenstation für viele Teams. Auch die deutsche Mannschaft.Foto: REUTERS

Als Paradies taugt Adler nur bedingt

Schon zu sowjetischen Zeiten haben die Großen und Mächtigen gern ihren Sommer am Schwarzen Meer verbracht. Sotschi ist anders als die von der Ukraine annektierte Krim. Nicht so elegant wie Jalta, nicht so charmant wie Sewastopol. Eher ein russisches Palma de Mallorca. Viel Beton, laute Musik. Die Fünf-Sterne-Herberge, aus der Joachim Löw sich während des Aufenthalts der deutschen Mannschaft aufmachte zum Fotoshooting unter der Laterne, blickt weitgehend verlassen auf das Schwarze Meer. Von den Ligen um den Pool sind nur ein paar besetzt. Der Strand beginnt erst ein paar hundert Meter weiter. Links wetteifert ein Generator mit den Lautsprechern aus den Bars und Restaurants um die akustische Hoheit. Oben dröhnen alle paar Minuten Flugzeuge, die von dem nahe gelegenen Flughafen kommen oder dahin wollen, alle verzieren sie den blauen Himmel mit grauen Schlieren. Als Paradies taugt Adler nur bedingt.

Gleich zu Beginn der Promenade türmt sich ein olympisches Triptychon auf. Schaiba-Arena, Bolschoi-Palast, Fischt-Stadion. Drei Solitäre, die so überhaupt nicht an den Strand passen und doch nicht mehr wegzudenken sind. Herzstück des Olympia-Parks, der allein 40 Milliarden der auf 150 Milliarden Euro geschätzten Kosten für die Olympischen Winterspiele unter Palmen verschlungen hat. Das IOC hatte sich eine schöne Kulisse gewünscht und bekommen, direkt am Strand. Das folgt einer gewissen Tradition, denn sonst hätte es 2010 in Südafrika das Kapstädter WM-Stadion vor der Tafelbucht nicht gegeben und auch nicht das in die ganze Welt sendende Fernsehzentrum an der Copacabana vor vier Jahren in Rio de Janeiro.

Die Schaiba-Arena sollte eigentlich nach den Winterspielen demontiert und in Krasnodar neu aufgebaut werden, aber Sotschi will dem Zauberwort des dritten Jahrtausends gerecht werden, der Nachhaltigkeit. Das war nicht so ganz einfach in Krasnaja Poljana, dem knapp 50 Kilometer entfernten Bergdorf im Kaukasus, wo vor vier Jahren die Ski-Wettbewerbe stattfanden. Wer verirrt sich dorthin schon jenseits des Sommers, selbst wenn da mal Olympia war? In Adler wollen sie es anders machen. Also ist aus der Schaiba-Arena ein „Allrussisches Kindersport- und Fitnesszentrum“ geworden, im Bolschoi-Palast wirbt der 2014 gegründete Eishockeyclub HK Sotschi um Kundschaft. Das ehemalige Labor, in dem bei den Olympischen Spielen Doping-Proben analysiert wurden, ist heute eine Bar, in der Drinks mit den Namen „Epo“ und „Meldonium“ serviert werden. Ganz eigener russischer Humor. Und für das Fischt-Stadion, aufwändig umgebaut für die Fußball-WM, haben sie extra eine Fußballmannschaft eingekauft, eine nicht ganz unbedeutende. Der Traditionsklub Dynamo St. Petersburg ist daheim im Nordwesten zwar nur zweitklassig, aber keineswegs unpopulärer als der mit Gazprom-Geld gepäppelte Nachbar Zenit.

Dass Dynamo nun nicht mehr an der Ostsee spielt, sondern als PFK Sotschi gut 2000 Kilometer weiter südlich am Schwarzen Meer, ist ungefähr so, als würde man den FC St. Pauli aus Hamburg nach Füssen verpflanzen. Damit die vielen Touristen, die tagsüber durch König Ludwigs Märchenschlösser gestapft sind, abends auch ein bisschen Fußball gucken können.

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