WM-Kader : Wer schon dabei war - und dann rausflog

Schon vor vergangenen Turnieren verlief die Auswahl des Turnierkaders für Joachim Löw stets schwierig. Ein Spieler hatte gar zweimal großes Pech.

Pech gehabt. Auch Heiko Westermann, hier im HSV-Trikot, verpasste schon eine sicher geglaubte Turnierteilnahme mit dem DFB-Team.
Pech gehabt. Auch Heiko Westermann, hier im HSV-Trikot, verpasste schon eine sicher geglaubte Turnierteilnahme mit dem DFB-Team.Foto: Christian Charisius/dpa

Thomas Schneider hatte eine Vorahnung. „Das wird kein so schöner Tag“, sagte einer der beiden Co-Trainer von Joachim Löw neulich, drei Tage vor dem vorletzten WM-Testspiel an diesem Samstag gegen Österreich. Das Spiel in Klagenfurt gilt gemeinhin als finale Casting-Show. Es ist für eine Reihe von Spielern die allerletzte Chance sich noch einmal nachhaltig in den Vordergrund zu spielen. Bis Montagmittag muss der Bundestrainer beim Weltverband Fifa seinen endgültigen WM-Kader hinterlegen. Vier Spieler müssen das Team noch verlassen. „Das wird echt schwer, den Jungs nach zehn Tagen zu sagen, dass sie nicht dabei sind, obwohl sie hier alles reingehauen haben“, sagte Schneider.

In den zurückliegenden Trainingslagertagen hat dieses Thema merklich an Wucht gewonnen, einerseits weil sonst nicht wirklich viel passiert, andererseits weil es auch an den Tischen der Spieler besprochen wird, wie Matthias Ginter berichtete. „Alle sind neugierig“, sagte der Mönchengladbacher Verteidiger.

„Alle Spieler haben hier einen hervorragenden Eindruck hinterlassen“, sagt Oliver Bierhoff und erinnerte daran, dass meist am Abend vor der Melde-Deadline die sportliche Leitung der Mannschaft ein letztes Mal zusammenkomme und noch einmal diskutiere. „Vielleicht will der Bundestrainer noch mal eine Nacht drüber schlafen, am Vormittag teilen wir es dann den Spielern mit“, sagte Bierhoff.

Als Manager der Nationalmannschaft, der 2004 nahezu zur gleichen Zeit mit Löw zur Nationalmannschaft gestoßen ist, kennt er die Auswahl-Prozedur. Schwierig war es fast immer, heikel gelegentlich, einmal aber hat sich das Thema fast von allein gelöst.

Einer alten Tradition folgend müsste es die Spieler mit den höchsten Rückennummern treffen, also jene jenseits der Nummer 23. Das wären im vorläufigen Kader Jonathan Tah (24), Nils Petersen (25), Niklas Süle (26) und Kevin Trapp (27). So war es etwa vor der EM 2008, dem ersten Turnier unter Löw als Bundestrainer.

Löw hatte seinerzeit 26 Spieler in seinen vorläufigen Kader nominiert und mit ins Trainingslager nach Mallorca genommen. Es erwischte die Spieler mit den Rückennummern 24 bis 26, namentlich waren es der Gladbacher Marko Marin, der Schalker Jermaine Jones und der Kölner Patrick Helmes.

Als Ballack von Boateng rausgegrätscht wurde

Zwei Jahre später, die Mannschaft bereitete sich wie jetzt in Eppan auf die WM in Südafrika vor, hätte sich das unliebsame Prozedere fast von allein gelöst. 27 Spieler hatte Löw in seinen vorläufigen Kader berufen. Noch vor dem Vorbereitungstrainingslager wurde Kapitän Michael Ballack im englischen FA-Cup-Finale von Kevin-Prince Boateng ins Krankenhaus gegrätscht. In Südtirol verletzte sich anschließend Christian Träsch, im abschließenden Test erwischte es Heiko Westermann. Löw musste nur noch einen Spieler nach Hause schicken. Es traf den damaligen Hoffenheimer Andreas Beck, der – tief enttäuscht – das Quartier in Südtirol umgehend verließ und nicht mit der Mannschaft anderntags zum abschließenden Testspiel zurückflog.

Vor der EM 2012 in Polen und der Ukraine standen erneut 27 Spieler im Vorab-Kader, darunter wie 2010 und jetzt wieder, vier Torhüter. Bis zur Deadline verletzte sich niemand, doch Torwart Marc-André ter Stegen machte im Testspiel in Basel gegen die Schweiz (3:5) eine derart unglückliche Figur, dass er sich selbst aus dem Spiel nahm. Schließlich blieben Cacau, Sven Bender und der junge Julian Draxler am finalen Cut hängen.

Besonderes trug sich aber vor der WM 2014 zu, die bekanntlich im Titelgewinn mündete. Gleich 30 Spieler hatte Löw vorläufig berufen, 27 Spieler fuhren ins Trainingslager, nicht mehr dabei waren Leon Goretzka, André Hahn und Max Meyer. Dann musste Lars Bender verletzt abreisen und schließlich strich Löw noch Marcel Schmelzer, Kevin Volland und Shkodran Mustafi aus dem Kader. Doch als sich im abschließenden Testspiel gegen Armenien der Dortmunder Marco Reus am Knöchel verletzte, nominierte Löw nicht etwa einen anderen Offensivspieler nach, sondern beorderte Abwehrspieler Mustafi zurück ins WM-Team.

Reus traf es auch vor zwei Jahren hart. Vor der EM in Frankreich zog er sich eine Verletzung im Pokalfinale zu, die er nicht mehr rechtzeitig auskurieren konnte. Zudem erwischte es Karim Bellarabi sowie zwei Spieler, die auch dieses Mal dabei sind: Sebastian Rudy und Julian Brandt.

Auf die Frage, ob Spieler, die es ein zweites Mal treffen könnte, einen besonderen Schutz genießen würden, antwortete Bierhoff mit einem klaren Nein. „Unsere Aufgabe ist es, die beste Mannschaft nach Russland zu schicken“, sagte er. Man könne nicht einen bequemen Weg gehen, „von daher sind dem Trainer keine Grenzen gesetzt“.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!