WM-Kolumne : Frankreich muss Kroatien fürchten

Kolumnist Frank Lüdecke hat auf Frankreich als Weltmeister getippt. Nach dem Spiel der Kroaten ist er sich aber nicht mehr so sicher.

Frank Lüdecke
Zu früh gefreut? Frankreich war einer der Favoriten, sollte sich aber nicht auf dem Erfolg gegen Belgien ausruhen.
Zu früh gefreut? Frankreich war einer der Favoriten, sollte sich aber nicht auf dem Erfolg gegen Belgien ausruhen.Foto: dpa

Manchmal denke ich, ich besitze prophetische Fähigkeiten. Wissen Sie, wen ich vor der WM als Weltmeister vorher gesagt habe? Frankreich! Nicht schlecht, oder? Vielleicht bin ich aber auch nur Teilzeit-Prognostiker. Denn meine Halbfinalisten waren: Brasilien, Argentinien und Deutschland. Es kam dann aber irgendwie alles ganz anders. Meine seherischen Fähigkeit haben im Laufe des Turniers deutliche Abnutzungserscheinungen erlitten. Das lag auch an den Kroaten. Im zweiten Halbfinale etwa hatte ich niemals den Eindruck, dass die Engländer das Spiel verlieren könnten. Jedenfalls nicht bis 20 Minuten vor Schluss. Und dann das.

Mit einem Mittelstürmer, dem man seit einigen Spielen so gerne ärztliche Hilfe hätte zuteil werden lassen. Der ab der 60. Minute gar nicht mehr laufen konnte. Mir war zwischenzeitlich sogar entfallen, dass er überhaupt mitspielt. Und dann markiert er aus dem Nichts den entscheidenden Treffer. Als er da so jubelnd zur Seite lief, hatte ich den Eindruck, er kann es selber kaum fassen, dass er ein Tor geschossen hat.

Für die wackeren Engländer ist das natürlich ärgerlich. Sie hatten eine recht glückliche Auslosung, wie wir das eigentlich nur von der deutschen Mannschaft kennen. Siege gegen Tunesien, Panama, Kolumbien und Schweden, alles Teams, die in der Rangliste hinter ihnen platziert sind. Ebenso wie Kroatien. Für einen Halbfinale hätte man sich durchaus schwerere Gegner vorstellen können. Drei der WM-Halbfinalisten sind nicht unter den Top Ten der Fifa-Weltrangliste. Kommt nicht allzu häufig vor, so was. Und das ist das, worüber man sich in England am meisten ärgern wird. Man hat eine große Chance liegen gelassen. Auf der anderen Seite es gibt Mannschaften, die sind als Gruppenletzter gegen Südkorea, Schweden und Mexiko ausgeschieden.

Nachher kommt wieder der Fußkranke

Relativiert sich alles. Was mir in Erinnerung bleiben wird: Wie sich die Engländer bei Ecken und Freistößen positionierten. Haben Sie das gesehen? In einer Reihe hintereinander. So, als würden sie sich an einer Haltestelle anstellen. Die Engländer stellen sich ja immer in Schlangen an, warum also nicht auch beim Eckball? Das sah originell aus und war extrem gefährlich. Vielleicht sehen wir das demnächst auch in der Bundesliga.

Für das Finale habe ich klare Vorstellungen. Die Franzosen gewinnen, weil sie in einem Turnier, das insgesamt ein überschaubares Niveau hatte, doch ein klein wenig hervorstachen. Wie gesagt, meine Theorie. Ob sich die WM in Russland daran hält, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Nachher kommt wieder der Fußkranke und weiß nicht, wie ihm geschieht. Bei diesem Turnier hat es ja wirklich die tollsten Überraschungen gegeben. Holland und Italien gar nicht erst dabei. Deutschland – reden wir nicht drüber. Und der Iran beinahe im Achtelfinale. Da wäre Kroatien als Weltmeister natürlich eine finale Pointe. In einem englischen Cartoon wird Putin gefragt, wer denn das Finale in Russland gewinnen wird. Seine Antwort: „I have not decided yet.“

- Frank Lüdecke ist Kabarettist und begleitet die Bundesliga immer montags mit einer Kolumne im Tagesspiegel. Hier schreibt er im Wechsel mit Nadine Angerer, Sven Goldmann, Jens Hegeler, Roman Neustädter, Philipp Köster und Harald Stenger.

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