WM-Kolumne: Liebesgrüße aus Moskau : Spiele mit offenem Visier sind Mangelware

So wenig Risiko und so viel Kontrolle wie möglich. Das scheint unabhängig vom Spielsystem das Motto aller Mannschaften bei dieser WM zu sein. Unser Kolumnist analysiert die WM-Trends.

Jens Hegeler
Hier ging's ausnahmsweise mal schnell: Belgiens Kevin De Bruyne im Spiel gegen Japan.
Hier ging's ausnahmsweise mal schnell: Belgiens Kevin De Bruyne im Spiel gegen Japan.Foto: Petr David Josek/AP/dpa

Bei einer Weltmeisterschaft wird immer auch nach Trends gesucht, wie sich der Fußball in Zukunft entwickeln wird. Ob Dreier- oder Viererkette? Ballbesitz- oder Konterfußball? Gegenpressing oder Abwehrpressing?

Bei einem Vergleich der letzten drei Turniere fällt vor allem auf: Die Spiele werden risikoärmer! Unabhängig vom jeweiligen Spielsystem haben fast alle Mannschaften ein Motto: so wenig Risiko wie möglich – und so viel Kontrolle möglich.

Zieht man die Packingwerte aller Mannschaften zurate, wurden 2010 bei der WM in Südafrika im Schnitt 279 Gegner pro Begegnung überspielt, 2014 in Brasilien waren es sogar 286. Beim Turnier in Russland stehen die teilnehmenden Teams derzeit im Schnitt bei lediglich 266 überspielten Gegnern.

Bei den überspielten Verteidigern – einem Wert, der logischerweise eine hohe Torgefahr beschreibt – ergibt sich ein ganz ähnliches Bild. Wer keine Verteidiger überspielt, wird auch keine Torgefahr erzeugen können. Auch hier gehen die Werte zurück. 2010 und 2014 wurden im Schnitt noch jeweils 39 Abwehrspieler pro Begegnung überspielt. In diesem Jahr bislang nur 33. Zum Vergleich: In der abgelaufenen Bundesliga-Saison kamen die Klubs in dieser Kategorie im Schnitt auf 43 Verteidiger.

Torvermeidung geht vor Torerzielung

Spiele, bei denen es hoch und runter geht, in denen sich zwei Teams mit offenem Visier begegnen, sind bei dieser Weltmeisterschaft bislang eher Mangelware. Ausnahmen gibt es natürlich immer, das atemberaubende Auftaktspiel der Spanier gegen Portugal gehörte dazu. Die Gesamttendenz bleibt jedoch leider eindeutig: Den Mannschaften geht es in erster Linie um die Torvermeidung, bevor es um die Torerzielung geht.

Unterstützt wird diese Beobachtung von einem Wert, den die Firma Impect als „Mitspieler raus bei Ballverlust“ bezeichnet. Hierbei wird gemessen, wie viele Mitspieler bei eigenem Ballverlust so hoch stehen, dass sie den gegnerischen Konter nicht mehr verteidigen können. Ein Wert, der die Schwere der Ballverluste bemisst. Je mehr Mitspieler bei einem Ballverlust vor dem Ball sind, desto weniger Spieler können den Konter noch verteidigen – desto gefährlicher ist also ein Ballverlust.

Bei der WM 2010 wurden im Schnitt 116 Mitspieler der Teams durch eigene Ballverluste aus dem Spiel genommen. 2014 nur noch 109. Bei dieser WM 101. Es scheint, als hätte es eine klare Prämisse bei den Teams gegeben: weniger Risiko im Spielaufbau, weniger gefährliche Ballverluste.

Gerade bei der deutschen Mannschaft klappte dies aber kaum, gleich 109 Mitspieler wurden von Löws Spielern durch eigene Ballverluste aus dem Spiel genommen – ein Wert weit über Turnierschnitt und auch über dem eigenen von 2014 (102). Sicherlich ein Punkt, der in der Nachbetrachtung eine gewichtige Rolle spielen wird.

Mehr zum Thema

Jens Hegeler spielt bei Bristol City und ist ehemaliger Profi von Hertha BSC. Er hat die Fußball-Analysemethode „Packing“ miterfunden.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!