WM-Kolumne: Liebesgrüße aus Moskau : Zugfahren am Limit

Unser Kolumnist muss für eine Zugreise während der Weltmeisterschaft jegliche Moral ignorieren und verrät, wie man am besten Schwarzfahren kann.

Ein Zug der Moskauer Metro ist mit dem WM-Maskottchen Sabiwaka.
Ein Zug der Moskauer Metro ist mit dem WM-Maskottchen Sabiwaka.Foto: dpa/NOTIMEX/Jorge Arciga

Das ist ein gefährlicher Text. Ich hab’ bei der Chefin angefragt, ob wir ihn nicht erst in der nächsten Woche veröffentlichen können, wenn ich sicher wieder in Berlin bin. Weil ich sonst vielleicht im Knast lande, womöglich in der berüchtigten Lubjanka, wenn der russische Geheimdienst das liest. Die Chefin hat gesagt: Eine Kolumne zur Fußball-WM ergebe nur zur Fußball-WM Sinn und ich solle mich mal nicht so haben, so ein paar Tage Knast hätten noch niemandem geschadet. Darüber könnte ich doch eine Kolumne schreiben, die würde sie auch nach der WM nehmen.

Also gut: Ich habe den russischen Staat betrogen. Bin schwarz mit dem Zug von Moskau nach St. Petersburg gefahren, zum Halbfinale zwischen Belgien und Frankreich. Ja, das war ein Gratiszug, aber auch für den braucht man ein Ticket, das würde ja sonst ein schönes Durcheinander ergeben.

Ich hatte kein Ticket. Alles schon ausgebucht, wahrscheinlich von Brasilianern, Argentiniern oder sonst welchen Favoritenfans, die längst wieder zu Hause sitzen und sich schief lachen über den deutschen Deppen, dem sie die Fahrt zum Halbfinale vermasselt haben. Aber nicht mit mir!

Ein Glück, dass ich die Schwachstelle des Systems kenne: Kontrolliert wird nur beim Einstieg, den im konkreten Fall eine dicke Schaffnerin bewacht. Aber in einem unbeobachteten Augenblick, als sie gerade mit einer französischen Reisegruppe verhandelt, springe ich, zack!, einfach rein. Schon unheimlich, diese kriminelle Energie! Zehn Minuten noch bis zur Abfahrt – jetzt bloß keinen Verdacht erregen. Der Zug fährt ohne Zwischenhalt bis St. Petersburg – wenn er erst mal losgefahren ist, kann mir nichts mehr passieren.

Journalismus am Limit

Durchs Fenster sehe ich, wie die dicke Schaffnerin mit einem Polizisten redet. Bin ich aufgeflogen? Sehr bestimmt und energisch lenke ich meine Schritte zum Speisewagen. Die Tische sind fast alle besetzt. Viele Franzosen und Belgier, keine Argentinier und keine Brasilianer. Hab’ ich es doch gewusst!

Es riecht nach Schweiß und abgestandenem Bier, aber wer zum Halbfinale will, muss eben Opfer bringen. Ich setze mich zu zwei Franzosen. Sie sind ganz spontan nach Moskau geflogen und vor ein paar Stunden erst angekommen. Und wo habt ihr die Karten her? „Haben wir gerade eben getauscht. Sind noch massig da, weil die ganzen Südamerikaner nach Hause geflogen sind.“

Hmm, sollte mir dieses Detail entgangen sein? Der Zug rollt an und ich verlasse den Tisch, sonst bleibt gar nichts mehr übrig von meinem Ausflug auf die dunkle Seite des Lebens, von der allgegenwärtigen Gefahr, in der Lubjanka zu landen. Ich reise jetzt seit sechs Wochen durch Russland und lasse mir doch nicht mein schönes Abenteuer kaputt reden! Nicht von ein paar Franzosen, die erst seit wenigen Stunden hier sind! Nicht von denen!

Sven Goldmann ist Reporter beim Tagesspiegel und reist während der WM durch Russland. Hier schreibt er im Wechsel mit Jens Hegeler, Philipp Köster, Roman Neustädter, Harald Stenger, Frank Lüdecke und Nadine Angerer.

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