"Bei mir galt die Devise: An mir kommt keiner vorbei!"

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Wolfgang Kubicki im Interview : "Bei Union geht es um Fußball, nicht um Kommerz"
Wolfgang Beinhart. Kubicki verschmäht Politiker wie Schienbeinschützer.
Wolfgang Beinhart. Kubicki verschmäht Politiker wie Schienbeinschützer.Foto: Promo

Und Ihre Spielerkarriere haben Sie so früh beendet, weil man das als FDP’ler einfach konnte?

Der Grund war einfach: Ich bin aus Braunschweig weggezogen und habe ein Studium begonnen. Aber mein Talent hätte auch nicht ausgereicht, um in die erste Mannschaft zu kommen. Dann kam noch die erste große Liebe – und plötzlich will man die Zeit nicht mehr auf dem Trainingsplatz verbringen. In Kiel habe ich später noch ein bisschen im Rahmen der Uni gespielt und noch später beim FC Landtag. Da war dann mit 50 oder 55 Jahren aber Schluss.

Welchem politischen Gegenspieler wollten Sie auf dem Platz besser nicht begegnen?

Diejenigen, die ich im Kopf habe, sind so ungelenkig, dass sie nie Fußball spielen könnten.

Nur mal angenommen.

Anton Hofreiter nenne ich dieses Mal nicht. Aber ich bin sicher: Wenn Siggi Pop, also Sigmar Gabriel, heute aufs Fußballfeld gehen würde – oder Gerhard Schröder –, wäre das sicher interessant.

Schröder nannte man Acker. Und Sie?

Das weiß ich nicht mehr. Bei mir galt nur die Devise: An mir kommt keiner vorbei! Ich war ein robuster Zweikämpfer.

Wenn Sie rechter Läufer waren, hätte dann Christian Lindner die 10 bekommen müssen?

Ja, er wäre wohl einer wie Pierre Littbarski oder Günter Netzer gewesen.

Welche Politikerinnen und Politiker würden Sie in eine Kubicki-Traumelf schicken?

Puh. Franz Josef Strauß wäre wahrscheinlich der alte Müller der Bayern gewesen, durchsetzungsstark, fackelte nicht lange. Gerhard Schröder hätte bestimmt den Acker auch umgepflügt. Mit dem hätte ich gerne eine Verteidigung aufgebaut. Ich bin mir sicher, dass Sigmar Gabriel in seinen jungen Jahren auch recht gut war, aber eher so der Mittelfeldmotor.

Oder als Edeljoker?

Aktuell könnte ich der SPD dazu raten, eine solche erfahrene Kraft wieder einzuwechseln – aber das ist nicht mein Beritt.

Wenn Sie Eintracht Braunschweig im Herzen haben, wo steckt dann Holstein Kiel?

Habe ich im Kopf. Ich bin seit fast 50 Jahren in Kiel, bin Kieler und unterstütze den Verein auch als Sponsor. Für Holstein setze ich mich ein; und die Mannschaft verdient das auch. Die letzten drei Jahre war sie richtig gut.

Wären Sie auch bereit, bei Union als Sponsor einzusteigen?

Meine finanziellen Aktivitäten begrenzen sich auf Holstein Kiel.

Das heißt, Sie nehmen am Freitag eindeutig Partei für Holstein?

Ich werde leider nicht im Stadion sein, weil ich dienstlich in Südafrika bin. Aber ich werde das im Livestream verfolgen. Natürlich soll der Bessere gewinnen.

Typisch Politiker.

Quatsch! Der Bessere am Freitag wird Holstein sein. Das ist auch gar nicht schlimm, weil Holstein in Berlin schon 0:2 verloren hat.

Wie lautet Ihre Prognose für Unions restlichen Saisonverlauf?

Ich gehe davon aus, dass Union die Chance hat, ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen.

Die Marktwirtschaft hat Holstein radikal zugesetzt. Die zwei besten Spieler und Trainer Anfang wechselten nach Köln. Die Rezession blieb aus. Wie schafft es Kiel, sich den Gesetzen des Marktes zu widersetzen?

Es ist nicht alles mit Geld zu machen. Das sehen wir auch woanders, bei Schalke zum Beispiel. Es hat auch was mit Leidenschaft zu tun, mit Empathie, mit Teambildung, mit Überzeugung. Und mit Tim Walter haben wir einen Trainer, der absolut erstklassig ist. Aber wenn wichtige Spieler ausfallen, ist es für eine Mannschaft oft ein Problem, das zu kompensieren. Auch bei uns. Wenn Kingsley Schindler fehlt, funktioniert im Sturm nicht mehr alles, obwohl Mathias Honsak so langsam in seine Rolle hineinwächst.

Wird in Kiel noch pragmatisch, nordisch, kühl gearbeitet – oder warum ist der Klub in den letzten Jahren so erfolgreich?

Die Vereinsführung und die beteiligten Großsponsoren haben immer den Blick fürs Machbare behalten. Wir sind kein verschuldeter Verein, wir konnten mit dem Geld, das wir hatten, immer gut auskommen. Wir haben eine extrem gute Jugendabteilung mit einem Nachwuchsleistungszentrum.

Obwohl Kiel lange eher als Handballhochburg wahrgenommen wurde.

Es stimmt, Kiel ist eigentlich eine Handballstadt. Es war für Holstein deshalb schwierig, überhaupt Menschen ins Stadion zu bekommen. Dass wir jetzt immer 10 000 bis 12 000 Zuschauer haben, ist erst in den vergangenen beiden Jahren Standard geworden. In der Stadt ist etwas ausgelöst worden, auch im Team. Das lag in dieser Runde so häufig zurück, hat sich aber nie unterkriegen lassen.

Früher galten mal die Stuttgarter Kickers als FDP-Klub. „In unserem Verein ist der gehobene Mittelstand zuhause“, betonte deren Präsident Dünnwald-Metzler gerne. Fällt Ihnen spontan ein Team ein, das Ihrer Partei heute am nächsten stehen könnte?

Da bin ich wirklich überfragt.

Haben sogenannte Investoren-Klubs wie Hoffenheim oder RB Leipzig eine geistige Nähe zur FDP?

Ob Personen wie Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz eine geistige Nähe zur FDP haben, weiß ich nicht. Aber sowohl unter politischen wie unter sportlichen Aspekten bin ich äußerst skeptisch, wenn Unternehmen beginnen, sich Vereine zu kaufen. In Leipzig wird Fußball kommerzialisiert, es geht nur noch um Kohle, um nichts anderes. Hopp indes hat für die TSG sehr viel getan, den Verein gäbe es ohne ihn in der Form gar nicht. Dass man ihn brandmarkt, finde ich falsch.

Wolfgang Kubicki, 66, ist FDP-Vize und seit 2017 Bundestagsvizepräsident. Zuvor saß er 25 Jahre im schleswig-holsteinischen Landtag. Kiels Fußballern jubelte er schon davor zu. Am Freitag kommt es in Kiel zum Spitzenspiel zwischen Holstein und Union.

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