Wolfgang Niersbach über das "Drama" sterbender Traditionsklubs

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Wolfgang Niersbach im Interview : "Wo ist denn all das Geld geblieben?"

Neben der Nachwuchsausbildung könnte auch das Financial Fairplay des Europäischen Fußball-Verbands (Uefa) der Bundesliga in die Karten spielen. Wenn es tatsächlich umgesetzt wird, müssten die deutschen Vereine auf Jahre hinaus …
… eine dominierende Rolle spielen. Vielleicht. Es geht vor allem auch darum, kurzfristige Abhängigkeiten der Vereine von Investoren und ein Kommen und Gehen von Geldgebern zu verhindern. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass die Engländer weiterhin unglaublich viel Geld zur Verfügung haben. Wenn Einnahmen und Ausgaben in dem Verhältnis bleiben, das vom Financial Fairplay vorgeschrieben wird, haben sie uns gegenüber immer noch einen Riesenvorteil. Das heißt natürlich noch nicht, dass sie auch besser Fußball spielen.

Dem Uefa-Präsidenten Michel Platini wird vorgeworfen, dass er das Financial Fairplay sowieso nicht durchsetzen werde. Sie kennen ihn gut. Ist er in dieser Frage wirklich wild entschlossen?
Er ist entschlossen, aber er kann dieses schwierige Thema auch nicht im Alleingang lösen.

Warum ist das Financial Fairplay überlebenswichtig?
Um im europäischen Spitzenfußball das zu verhindern, was wir jetzt in der Zweiten, Dritten und Vierten Liga erleben.

Sie spielen auf Vereine wie Duisburg, Aachen, Wuppertal und Offenbach an, Traditionsklubs, die sich wirtschaftlich übernommen haben.
Das ist ein Drama. Und das liegt bei keinem dieser Vereine an den zu hohen Reisekosten. Der MSV Duisburg stand vor zwei Jahren noch im DFB-Pokalfinale. Allein durch die Finalteilnahme hat er außerplanmäßig 2,2 Millionen Euro eingenommen. Ich frage mich: Wo ist denn all das Geld geblieben?

Können DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dieser Entwicklung in irgendeiner Weise gegensteuern?
Wir als Verband können nur kontrollieren und die Zahlen bewerten, die uns vorgelegt werden. Man muss ja auch in einigen Fällen fragen, ob im Lizenzierungsverfahren alles korrekt dargelegt wurde. Grundsätzlich funktioniert unser Lizenzierungssystem sehr gut. In der Ersten, Zweiten und Dritten Liga ist noch nie ein Verein während des laufenden Spielbetriebs ausgestiegen. Ich gebe zu, dass wir bei Alemannia Aachen in diesem Frühjahr Sorge hatten. Mit einem Mal wäre der ganze Wettbewerb verzerrt worden, so wie wir es in der Regionalliga Nord durch die Insolvenz des FC Oberneuland erlebt haben. Das war bedenklich, weil Holstein Kiel vor dem letzten Spieltag – ohne eigenes Zutun – plötzlich von Platz eins auf Platz zwei gefallen ist. Wenn das Schule macht, wenn die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs leidet, müssen alle Alarmglocken schrillen.

Die Regionalliga ist ein anderer Fall. Zuletzt wurde beklagt, dass die Meister der fünf Staffeln nicht automatisch aufsteigen, sondern erst noch durch die Relegation müssen.
Die Organisation der Regionalligen in der Verantwortung der Regionalverbände war genau so gewollt. Und wir haben auch gesagt, dass wir das drei Jahre lang ausprobieren. Das Prinzip, dass der Meister einer Klasse aufsteigt, hat es in den ersten Bundesligajahren übrigens auch nicht gegeben. Da ist sogar Bayern München einmal in der Aufstiegsrunde gescheitert. Es ist also nichts völlig Neues. Aber ich verstehe die Kritik, und die derzeitige Regelung ist für mich in der Tat noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Früher oder später werden wir erneut über eine Strukturreform diskutieren. Ich sehe da aber auch noch einen anderen Aspekt.

Nämlich?
Hessen Kassel ist gerade in der Relegation zur Dritten Liga gescheitert. Kassel ist eine Stadt, die mit der Dritten Liga sicher zurechtkäme. Aber wir haben drei Spielklassen mit 54 Profi-Vereinen. Mehr professionellen Fußball verträgt das Land einfach nicht. Alles, was darunter kommt, ist dann Amateurfußball. Uns wird ja immer wieder vorgeworfen: Der Dritten Liga gebt ihr zu wenig Geld. Meine Antwort ist stereotyp: Das ist die am besten vermarktete Dritte Liga der Welt. 12,8 Millionen Euro Fernsehgeld fließen in die Liga.

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