Wunsch und Wirklichkeit : Alba Berlin will auch mit den Frauen nach oben

Im Sommer kündigte Alba Berlin an, den Frauen im Verein mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Jetzt lässt sich zum ersten Mal beobachten, was daraus geworden ist.

Leonard Brandbeck
Hand drauf: Die Alba-Frauen sind mit neuen Ambitionen in die Saison gestartet.
Hand drauf: Die Alba-Frauen sind mit neuen Ambitionen in die Saison gestartet.Foto: Philipp Sommer

Das Mikrofon knarzt kurz und eine Stimme setzt an: „Willkommen zum ersten Heimspiel der Alba-Frauen in der Mercedes-Be...“ Ein kurzes Stocken, ein kleines Auflachen, eine schnelle Korrektur: „... in der Max-Schmeling-Halle!“ Dann applaudieren etwa 300 Leute im Publikum freundlich.

Es ist alles noch ein bisschen kleiner bei den Basketballspielerinnen von Alba Berlin. Das Profiteam der Männer spielt seit Jahrzehnten in der Bundesliga, hat nationale und internationale Titel gesammelt und trägt seine Heimspiele in der Mercedes-Benz-Arena am Ostbahnhof aus. Das erste Frauenteam spielt seit vergangenem Jahr in der Zweiten Liga und feierte seine Heimpremiere dieser Saison am Sonntag gegen Osnabrück in einer Nebenhalle der Max-Schmeling-Halle.

Dass bei Alba Berlin im Männer- und Jugendbereich erfolgreich Basketball gespielt wird, ist über die Stadt hinaus bekannt. Doch wie es bei den Frauen aussieht, wussten bis vor geraumer Zeit wohl nur die größten Insider – oder noch vielmehr die größten Insiderinnen. Mit dieser Saison soll sich das ändern.

„Wir werden den Frauenbasketball in Zukunft noch stärker pushen und sichtbar machen“, hatte Geschäftsführer Marco Baldi im Sommer angekündigt – und der Klub Konsequenzen gezogen. Über eine davon wurde dann Ende September auf einmal im ganzen Land gesprochen: Alba hatte angekündigt, in Zukunft auf den Einsatz von Cheerleadern bei Spielen des Männerteams zu verzichten.

„Bei unseren Heimspielen ist der Eindruck entstanden, dass Frauen bei Alba vor allem für die tanzende Pausenunterhaltung zuständig sind, während Männer Basketball spielen“, wurde Baldi zitiert. Doch die Realität sei eine andere, im Klub begeistere man sowohl Jungen als auch Mädchen für Basketball.

„Fast wie Tag und Nacht“

Tatsächlich hat Alba die deutschlandweit größte Mädchen- und Frauenabteilung der Sportart. „Wir werden diese Dynamik aufnehmen und stärken, mit dem Ziel, dass auch unser Frauenteam in einigen Jahren um die Deutsche Meisterschaft kämpft“, kündigte Baldi an. Frauenbasketball soll bei Alba also einen größeren Stellenwert und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und so stellt sich mit dem Saisonstart von Albas Frauenteam die Frage, was aus diesem Anliegen geworden ist.

In der vergangenen Spielzeit hatten es die Berlinerinnen als Aufsteiger in ihrer ersten Zweitligasaison sehr schwer. Nur zwei Siege gab es am Ende. Zu sehen und zu hören war davon nur wenig. Spielmacherin Ireti Amojo spielte bereits damals für das Team. Fragt man sie, ob sich seit Sommer und den großen Ankündigungen der Klub-Verantwortlichen tatsächlich etwas verändert hat, gibt sie eine klare Antwort: „Es ist fast wie Tag und Nacht“, sagt die 29-Jährige. „Die Aufmerksamkeit ist eine ganz andere.“

In den beiden höchsten deutschen Frauenligen kommen viele Teams aus den klassischen Basketball-Hochburgen fernab der Großstädte, und nur in den wenigsten Fällen gehören sie auch zu den gleichen Vereinen wie die Profiteams der Männer. Auch bei Alba war die Aufmerksamkeit bislang nicht besonders groß: In der vergangenen Saison gab es auf der Website nicht einmal einen eigenen Bereich für die Frauen, da war das Team unter „Jugend“ einsortiert. Auch die Beschäftigten im Klub hätten zum Teil nicht wirklich über den Spielplan des Teams Bescheid gewusst, erzählt Amojo: „Jetzt wird in der Geschäftsstelle gesagt: ‚Bis Sonntag!’“

So begleitete auch Sportdirektor Himar Ojeda das Team zum ersten Ligaspiel nach Rotenburg. Im Sommer waren die Spielerinnen bereits nach Ostasien gereist, um den Verein im Rahmen von Albas China-Programm zu repräsentieren. Und auch auf Social Media sind die Alba-Frauen auf einmal präsent. „Alba gibt uns das Gefühl, dass wir gesehen werden“, sagt Amojo.

Nicht nur die Wertschätzung ist gestiegen

Doch nicht nur die Wertschätzung im Verein ist gestiegen. Die Alba-Verantwortlichen haben vor allem in die Strukturen investiert, um das Team professioneller aufzustellen. „Das heißt immer erst mal, dass man auch Geld in die Hand nimmt“, sagt Geschäftsführer Baldi. So wurde das Budget erhöht und Personal eingestellt, das sich ausschließlich um das Frauenteam kümmert – wie etwa der neue Trainer Cristo Cabrera. Sportdirektor Ojeda baute zudem eine Scouting-Datenbank auf, mittels derer nun auch der Markt für weibliche Spielerinnen gescannt wird.

So hat der Klub im Sommer seine erste ausländische Profispielerin verpflichtet: Erika Livermore spielte in den USA am College und zuletzt in Spanien. Jetzt soll die 26-jährige Flügelspielerin das Team anführen, das größtenteils noch aus jungen Spielerinnen aus Albas Nachwuchsbereich besteht.

„Das ist eine große Verantwortung für mich“, sagt Livermore. Mit vier anderen Spielerinnen wohnt sie in einer WG, die Alba zum Beginn dieser Saison geschaffen hat. Denn auch die Vereinbarung von Alltag, Ausbildung und Leistungssport soll sich verbessern.

Was hat die Alba-Verantwortlichen zu diesem neuen Schwung für das Team der Frauen bewegt? „Sie sind über die Jahre bis in die Zweite Bundesliga gewachsen“, sagt Baldi. „Da haben sie das Recht, dass ihre Ambitionen genauso gestützt werden.“

Feuer frei: Ireti Amojo spielte bereits in der vergangenen Saison für Albas Frauen.
Feuer frei: Ireti Amojo spielte bereits in der vergangenen Saison für Albas Frauen.Foto: Philipp Sommer

Beim ersten Heimspiel am Sonntag in der kleinen Max-Schmeling-Halle war er selbst vor Ort – und überrascht, wie viele Leute das Spiel sehen wollten. Dass die Nebenhalle mit der provisorischen Bestuhlung und Beschallung sowie der Anzeigetafel im Rücken des Publikums nicht so recht zu den besagten Ambitionen der Frauen passt, ist Baldi bewusst: „Wir müssen natürlich auch schauen, dass wir eine Halle bekommen, in deren Atmosphäre sich ihr Spiel wiederfinden kann“, sagt er.

Gegen Osnabrück zeigten die Berlinerinnen jedenfalls schon einmal, wo es in dieser Saison hingehen soll: aggressive Verteidigung über das ganze Feld, schnelle Angriffe, viele Pässe. Am Ende gab es einen 75:44-Sieg, den dritten in dieser Saison nach zwei Erfolgen im Pokal. Die Saison ist noch lang, vom Aufstieg will Baldi deshalb nicht groß reden, aber: „Wir würden auch nicht nein sagen.“

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