Zukunft der DFB-Auswahl : Jetzt muss mehr von Joachim Löw kommen

Der Bundestrainer muss nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Umfeld verändern – sonst wird es ein ungemütlicher Herbst.

Joachim Löw auf der Strandpromenade vor dem Teamhotel in Sotschi
Joachim Löw auf der Strandpromenade vor dem Teamhotel in SotschiFoto: dpa/Christian Charisius

Vermutlich wird Joachim Löw seinen schönen Plan über den Haufen werfen. Nix mit ausgedehntem Chillen auf Sardinien oder den Malediven. Der 58-Jährige muss sich jetzt darüber hermachen, das WM-Desaster zu erklären. Nicht nur sich selbst und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), sondern auch der deutschen Öffentlichkeit gegenüber. Für eine Spritztour im offenen Wagen in südbadischen Gefilden und einen Espresso wird es sicherlich noch reichen. Aber mit seiner Gemütlichkeit ist es erst einmal dahin.

Gerade mal 60 Tage hat er für eine Analyse und seine Antworten Zeit. Gemessen an seinem Arbeitseifer in den zurückliegenden fünf Wochen seit dem Start ins Trainingslager, ist das geradezu eine Monsteraufgabe.

In zwei Monaten wird er dann wieder als Bundestrainer vor die Öffentlichkeit treten. Am 6. September startet für die deutsche Fußballnationalmannschaft mit dem Spiel gegen Frankreich in München die Nationenliga. Ein neuer, nicht ganz unwichtiger Wettbewerb, über den man sich für das nächste Turnier, die EM 2020, qualifizieren kann. Dann muss Löw liefern. Vor allen Dingen wird Löw eine Radikalität an den Tag legen müssen, die ihm in seiner zwölfjährigen Amtszeit als Bundestrainer völlig fremd gewesen ist. Aber nur so wird er seinen vollmundigen Ankündigungen von „tiefgreifenden Veränderungen“ auch gerecht werden können. „Es braucht tiefgreifende Maßnahmen, es braucht klare Veränderungen“, hatte Löw am Tag nach dem WM-Aus gesagt.

Vor allem gilt ab sofort nicht mehr, was war. Der WM-Titel von 2014 ist Geschichte, auch Löw ist als Weltmeistertrainer entthront. Wenn er das erkennt, kommt er vielleicht auch wieder zur Besinnung und kann mithin zu dem zurückfinden, der er einmal war – Trainer zu sein. Das ist die Grundvoraussetzung aller anstehenden Unternehmungen.

Noch kein Spieler zurückgetreten

Unterdessen hat Oliver Bierhoff bereits angedeutet, dass es auch mit Spielern in den kommenden Wochen intensive Gespräche geben muss. „Die Ursachenforschung“ habe schon begonnen. Natürlich habe man schon während des Turniers gewisse Dinge beobachtet, „auch direkt danach“, sagte der 50-Jährige gestern.

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Bisher ist noch keiner der 23 WM-Spieler zurückgetreten. Mario Gomez, 32, Sami Khedira, 31, und Mannschaftskapitän Manuel Neuer, 32, haben vom Alter her eine Marke überschritten, die Fußballspieler nicht einfach ignorieren können. Ausnahmen werden im heutigen Fußball immer seltener, okay, für Torhüter wie Neuer gelten andere Marken. Als Mannschaftskapitän hat er bereits angekündigt, unbedingt weitermachen zu wollen. Insofern war es wenig überraschend, dass er Löws Entscheidung, als verantwortlicher Trainer weiterzumachen, außerordentlich begrüßte. „Ich freue mich, dass wir mit Jogi Löw unseren lange Zeit erfolgreichen Weg fortsetzen können. Und ich habe das Vertrauen, dass wir gemeinsam wieder zu unserer Stärke finden“, sagte der Torwart.

Das wird Löw gern vernommen haben. Doch die Frage ist, inwiefern er sich an die Spieler seiner Weltmeistergeneration heranwagt. Spieler wie Mats Hummels, Jerome Boateng (beide 29) sowie Thomas Müller und Toni Kroos (beide 28) könnten vom Alter her noch für die Europameisterschaft 2020 in Frage kommen. Vorausgesetzt, sie sind verletzungsfrei und bringen Leistungen. Das muss wieder oberstes Gebot sein, und nicht Verdienste, wie Löws es bisher hielt. Klar ist aber auch, dass die Generation der Confed-Cup-Sieger nicht nur mehr Spielanteile, sondern auch mehr Verantwortung bekommen wird. Das sind die Spieler um Julian Draxler, 24, Leon Goretzka, 23, und Marc-André ter Stegen, 26.

Geht es mit Schneider und Sorg weiter?

Doch die notwendigen Veränderungen dürfen nicht nur die Mannschaft betreffen, sondern müssen auch darüber hinausreichen. Löw wird sich fragen müssen, ob er mit seinen beiden Co-Trainern Thomas Schneider und Marcus Sorg weiterarbeiten möchte – oder ob hier nicht ein wehrhafterer Fachmann vonnöten ist?

Miroslav Klose, der eineinhalb Jahre als Auszubildener reinschnupperte, geht nach der Sommerpause als Nachwuchstrainer zum FC Bayern München. Überhaupt muss das aufgeblasene Gebilde rings ums Team quantitativ als auch qualitativ hinterfragt werden, wie auch die eingefahrenen Abläufe. Zu viele Mitarbeiter hatten es sich auf dem Tanker DFB-Auswahl eingerichtet und gemütlich gemacht, allen voran der Bundestrainer selbst.

Joachim Löw wird wissen, dass von ihm jetzt mehr kommen muss. Da ist es einerlei, ob er sich noch einmal neu erfinden kann, er muss einfach wieder ans Arbeiten kommen und die notwendigen Veränderungen herbeiführen. Gelingt ihm das nicht im ausreichenden und sichtbaren Maße, ergreift er gar untaugliche Maßnahmen, die weder Mannschaft noch Öffentlichkeit überzeugen können, kann es für ihn ein ganz ungemütlicher Herbst werden.

Das wird niemand wollen können. Joachim Löw selbst ganz bestimmt von allen am allerwenigsten.

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