Zum Geburtstag von Sepp Maier : Die Katze von Anzing wird 75

Unter den vielen legendären deutschen Torhütern war er der größte. Mit der DFB-Elf und dem FC Bayern gewann Sepp Maier alles – am Donnerstag wird er 75.

Bis zur WM 2006 war Sepp Maier Torwarttrainer der Nationalmannschaft.
Bis zur WM 2006 war Sepp Maier Torwarttrainer der Nationalmannschaft.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Etwas irritierend ist die Szene schon, wie da die Legende auf den Trainingsplatz des FC Bayern an der Säbener Straße stapft, ein Netz voller Bälle geschultert, die er dann diesem jungen Mann, der noch Legende werden will und sie alle halten soll, um die Ohren wirft und schießt. Aber das ist ja sein Auftrag: „Sepp“, hatte Münchens Manager Uli Hoeneß zu seinem langjährigen Sportsfreund gesagt, „Sepp, du bist jetzt fest eingestellt. Ich habe den Oliver Kahn vom Karlsruher SC verpflichtet, schleif ihn zum Diamanten.“ Der Rest ist Geschichte, aus dem jungen Mann Kahn wurde der Titan.

Aber die Legende, dieser Sepp, Maier mit Nachnamen, der wird am Donnerstag 75 Jahre alt. Es hat immer Legenden in deutschen Toren gegeben, Heiner Stuhlfarth, Toni Turek, Hans Tilkowski und und und, aber keiner war jemals so erfolgreich wie Sepp Maier. Auch die Nachfolger nicht, Toni Schumacher, besagter Herr Kahn nicht, Manuel Neuer wird es wohl auch nicht, Sepp Maier wird es bleiben. Was er alles erreicht und gewonnen hat, würde den Platz dieser Zeitung sprengen, er reicht, um ihn Weltmeister, Europameister, Deutscher Meister, Europapokalsieger und DFB-Pokal-Sieger zu nennen. Alles ist richtig, das meiste mehrfach, aber doch so wenig, um diesen Josef Maier zu würdigen.

Auf dem Weg zum WM-Titel. Sepp Maier (2. von links) war 1974 der große Rückhalt der Nationalmannschaft.
Auf dem Weg zum WM-Titel. Sepp Maier (2. von links) war 1974 der große Rückhalt der Nationalmannschaft.Foto: AFP

„Die Katze von Anzing“ wurde er genannt. Warum, ist nicht ganz klar, geboren wurde er nämlich in Metten in Niederbayern, und den dortigen Dialekt spricht er immer noch. Wahrscheinlich würde man ihn heute auch die Katze von Wembley nennen, aber damals, 1966 bei der Weltmeisterschaft in England, war Maier eben nur Ersatzmann für Hans Tilkowski. Wer weiß, die Katze hätte dem Engländer Hurst den Ball möglicherweise einfach vorab vom Fuß gejagt und uns eine Jahrzehnte währende Diskussion erspart.

Maier hat sich seine prophetischen Fähigkeiten bewahrt

Schließlich wusste er ja, wie Stürmer ticken, zu Anfang seiner Karriere wollte er selber einer werden. Aber das war letztendlich egal, Hauptsache ein Ball war im Spiel. Ein Fußball, so einer, wie er ihn zu einem Kindergeburtstag mit seinem älteren Bruder eingetauscht hatte. Der hatte einen Ball geschenkt bekommen, der Sepp nur eine Armbanduhr. Tempi passati, oder sagen wir so: Ob ein Karl-Heinz Rummenigge heute noch eine Rolex gegen einen schnöden Ball tauschen würde?

Maier ist immer noch ab und an auf der Säbener Straße zu sehen. Er ist ein bisschen verwittert im Gesicht, wie man es sein darf mit 75, aber das verschmitzte Lächeln nimmt ihm wohl kein Alter mehr. Aber die meiste Zeit verbringt er in Südtirol, lebt dort, spielt Golf, ganz passabel, wie zu hören ist, wandert auf Berge, gut zu Fuß immer noch – und genießt es, Legende zu sein.

Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Bayerns Granden, nennen immer Gerd Müller, den Torjäger, als Wegbereiter der Münchner Erfolgsgeschichte, und vergessen Sepp Maier. Der hat wirklich alles gehalten, was zu halten war, und hat sich dabei, wie früher, als er vorausahnte, wohin der Ball geflogen kam, seine prophetischen Fähigkeiten bewahrt. Er hat mal seinen Job als Bundestorwarttrainer unter Jürgen Klinsmann verloren, weil er sich gegen Jens Lehmann, den Konkurrenten seines Zöglings Oliver Kahn ausgesprochen hatte. Dann hat er vor zehn Jahren in einem Interview vorausgesagt, dass eben dieser Kahn wohl irgendwann mal als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern fungieren werde. Als solchen hat Uli Hoeneß Kahn dieser Tage vorgeschlagen.

Sepp Maier, nunmehr 75 Jahre alt, herzlichen Glückwunsch von hier dazu, war seiner Zeit eben immer schon voraus. Nur die Ente, die sich einmal auf das Spielfeld verirrt hatte, die ist ihm damals entflohen, die hatte Flügel. Die Katze von Anzing nur Tatzen.

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