Zum Tod von Karl Mildenberger : Der Mann, der Muhammad Ali durchschüttelte

Er zwang Muhammad Ali über zwölf Runden, verlor und wurde trotzdem auf Schultern aus dem Ring getragen. Jetzt ist Karl Mildenberger mit 81 Jahren gestorben.

Hartmut Scherzer
Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Muhammad Ali musste gegen Karl Mildenberger über die volle Distanz von zwölf Runden.
Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Muhammad Ali musste gegen Karl Mildenberger über die volle Distanz von zwölf Runden.Foto: dpa

Karl Mildenberger verdankt seine Wertschätzung als Boxchampion dem berühmtesten Athleten des Planeten: Muhammad Ali. Am 10.September 1966 lieferte „Milde“, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wurde, im Frankfurter Waldstadion dem „Größten“ einen heroischen Kampf bis zum vorzeitigen Ende in der zwölften Runde. Sein Mut und seine Tapferkeit fanden allerhöchste Anerkennung. Die Presse feierte die Niederlage als „Mildenbergers größten Sieg“. Karl Mildenberger ist am Freitagnachmittag in einem Hospiz im Alter von 81 Jahren gestorben.

Der Autor dieses Nachrufs, der vor 52 Jahren am Ring saß, schrieb damals in der „Frankfurter Neuen Presse“: „Wohl selten wurde ein k.-o.-geschlagener Boxer im Triumphzug auf den Schultern aus dem Ring getragen. Es war der Dank eines Publikums, das durch Mildenbergers Bravourleistung einen würdigen Weltmeisterschaftskampf mit Cassius Clay erlebt hatte.“

Maximal drei Runden wurden ihm zugetraut

Was für ein Ereignis diese erste Weltmeisterschaft im Schwergewicht in Deutschland: In der ersten Reihe hielten die Filmstars Ursula Andress und Jean-Paul Belmondo verliebt Händchen. Joe Louis und Max Schmeling steckten die Köpfe zusammen. Rund 30.000 Zuschauer skandierten „Milde, Milde“. Doch keiner glaubte ernsthaft daran, Karl Mildenberger könnte gegen Muhammad Ali (die Zeitungen schrieben damals noch einheitlich von Cassius Clay) zu einer Jahrhundert-Sensation fähig sein. Maximal drei Runden hatten sämtliche Experten dem deutschen Herausforderer zugestanden. Deswegen war das Ereignis dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch nicht die geforderte eine Million Mark wert. ARD und ZDF mussten draußen bleiben.

Der krasse Außenseiter schaffte es bis zur zwölften Runde. Stehend zwar, aber unfähig, sich zu verteidigen, wie der englische Ringrichter fand. Teddy Waltham brach den Kampf zum Schutz der Gesundheit des tapferen Europameisters ab. Der deutsche Herausforderer war in diesem keineswegs einseitigem nur zweimal kurz zu Boden gegangen, in der achten und zehnten Runde.

Doch ab der sechsten Runde konnte Karl Mildenberger dann auf dem fast zugeschwollenen linken Auge kaum noch etwas sehen - was ihn freilich nicht hinderte, weiterhin den Champion unerschrocken und beherzt anzugreifen und mit seinen linken Körperschlägen auf die Leberpartie sogar in Verlegenheit zu bringen.

Angelo Dundee, Alis legendärer Trainer, erzählte noch Jahre später von den „Schwierigkeiten“, in die Muhammad Ali durch Karl Mildenbergers linke Treffer damals geraten war. „Ich weiß, wie weh ihm diese Schläge getan haben und wie sehr sie ihn verwirrten.“

Mildenberger wurde wegen seiner „Demonstration von Mut“, so das Lob des als Punktrichter am Ring sitzenden 78-jährigen Herausgebers der Boxbibel „The Ring“, Nat Fleischer, in Deutschland wie ein Held gefeiert. 30.000 Pfälzer bereiteten in Kaiserslautern mit Transparenten „Wir grüßen unseren Vize-Weltmeister“ dem nun berühmten Bürger einen Empfang wie einst den 54er Weltmeistern Fritz und Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich und Horst Eckel nach dem „Wunder von Bern.

Gegen Ali kassierte er eine von nur sechs Niederlagen

In „The Ring“ stellte Muhammad Ali einmal seine ganz persönliche Rangliste der zehn schwersten Kämpfe und härtesten Gegner auf. Karl Mildenberger nahm hinter Sonny Liston (erster Kampf), Doug Jones, Joe Frazier (erster Kampf) und Ken Norton den höchst ehrenvollen fünften Rang ein. „Mildenberger hat mich mit einigen Schlägen ganz schön durchgeschüttelt“, bekannte Ali in dem angesehenen Fachmagazin.

In seiner zehnjährigen Profikarriere von 1958 bis 1968 bestritt Karl Mildenberger 62 Kämpfe gegen ein rundes Dutzend der weltbesten Schwergewichtler seiner Zeit, wie Eddie Machen, Zora Folley, Amos Lincoln, Henry Cooper, Oscar Bonavena oder Leotis Martin. Sechsmal verteidigte der Lokalmatador der Frankfurter Festhalle seinen 1964 errungenen EM-Titel (K.o.-Sieg erste Runde gegen Sante Amonti), dabei zweimal in London, wo er dann nach der Disqualifikation gegen Henry Cooper (achte Runde) am 18. September 1968 seine Karriere beendete. Kein Kampfrekord steht bei 53 Siegen sechs Niederlagen und drei Unentschieden.
Karl Mildenberger war zuletzt nach einer folgenschweren Knie-Operation auf den Rollstuhl angewiesen und in seinem Haus in Kaiserslautern-Hohenecken auf die hingebungsvolle Pflege seiner 16 Jahre jüngeren Frau Miriam.

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