Wie Ali Bill Clinton zum Weinen brachte

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Zum Tod von Muhammad Ali : Der Größte aller Zeiten
Hartmut Scherzer
Aus dem Nichts zurück. Muhammad Ali entzündet 1996 in Atlanta das Olympische Feuer.
Aus dem Nichts zurück. Muhammad Ali entzündet 1996 in Atlanta das Olympische Feuer.Foto: Imago/Camera4

Alis letzter weltöffentlicher Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London war erschütternd  und hatte Millionen auf aller Welt vor den Fernsehgeräten und 79.000 Zuschauer im Olympiastadion zutiefst bestürzt. Die Spiele, die so heiter werden sollten, hatten bei der Flaggen-Zeremonie ihren traurigsten Moment. Der größte Boxer aller Zeiten, einst Inbegriff des athletischen Körpers und wachen Geistes, saß gebrechlich auf einem Stuhl, als die Olympische Fahne ihn erreichte.

Im weißen Anzug, gebeugt, spindeldürr, das Gesicht mit der schwarzen Sonnenbrille eine Maske, konnte der Olympiasieger von 1960 nur unter Aufbietung der letzten Kräfte sich erheben und, gestützt auf seine Frau Lonnie, die anderen prominenten Fahnenträger ein Stück begleiten. Seine Frau flüsterte ihm immer wieder ins Ohr, das Tuch anzufassen und dem Publikum zuzuwinken. "Muhammad liebt das Bad in der Menge und ist so überwältigt",  teilte Mrs. Ali anschließend mit.

Muhammad Ali war der berühmteste Kranke der Welt, seit er  am 19. Juli 1996 in Atlanta die Olympische Flamme entzündete. Es war eine tief bewegende Szene: Ali zitterte. Und mit ihm die ganze Welt. Über drei Milliarden Menschen.  Die fast schon in Vergessenheit geratene Ikone, vom Parkinsonschen Syndrom gezeichnet, war zur großen Überraschung wie aus dem Nichts auf den eigenen Olymp zurückgekehrt. 36 Jahre nach dem Gewinn der Goldmedaille in Rom, 15 Jahre nach dem traurigen Abschied vom Boxring. Gekleidet in einen weißen Trainingsanzug, in der zitternden rechten Faust die Fackel, legte der Olympiasieger von 1960 das Feuer der Spiele der XXVI. Olympiade.

Ein Aufschrei.

"Ali, Ali" dröhnte es durchs Stadion, als hätte er Liston, Frazier und Foreman zusammen mit einem Schlag niedergestreckt. Ein Kameraschwenk zeigte einen weinenden Bill Clinton. Mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten war die Welt  vor den Bildschirmen zu Tränen gerührt. Zur Eröffnungsfeier der Spiele von Los Angeles zwölf Jahre zuvor war Ali nicht einmal eingeladen worden, obwohl er von seinem Anwesen am Wilshire Boulevard zu Fuß ins Olympiastadion hätte gehen können. "Die denken, ich bin ein blöd geschlagener Boxer", sagte ein bereits lethargischer Ali damals seinem deutschen Besucher. Atlanta war ein weltbewegendes Comeback aus dem Schatten seines Schicksals.

Muhammad Ali - seine besten Sprüche
"Ich bin nicht der Größte, ich bin der Doppel-Größte! Ich knocke sie nicht nur aus, sondern sage auch noch die Runde voraus." - Das Bild zeigt Muhammad Ali nach seinem Sieg über Sonny Liston 1965.Weitere Bilder anzeigen
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04.06.2016 14:03"Ich bin nicht der Größte, ich bin der Doppel-Größte! Ich knocke sie nicht nur aus, sondern sage auch noch die Runde voraus." -...

Der charismatischste aller Boxchampions war sein Leben lang Superstar, ob einst als tänzelnder Boxästhet, narzisstischer Schreihals ("I am the  Greatest"), schwarzer Rebell, überzeugter Wehrdienstverweigerer ("Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong") oder als schwer kranker Mann. Sein Gesicht gilt seit über vierzig Jahren als das bekannteste der Welt.

Muhammad Ali bleibt auf dem Globus für ewig eine Legende, ein Mythos, war mehr als nur ein Boxchampion. Staatsoberhäupter fühlten sich durch seinen Besuch geehrt. UNO-Generalsekretär Kofi Annan ernannte ihn zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen. Präsident George W.Bush hängte ihm im Weißen Haus im November 2005 die Freiheitsmedaille um, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten und nannte Ali einen "Mann des Friedens".

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