Sport : Zwei Punkte weggeworfen

Bayern vergibt beim 1:1 gegen Bremen viele Torchancen – und die Möglichkeit, in der Tabelle aufzuholen

Klaus Raab[München]

Torsten Frings, der Kapitän des SV Werder Bremen, vertrat gestern nach dem Spiel beim FC Bayern München eine eigenwillige These: „Wir haben heute zwei Punkte verloren“, sagte er, seine Mannschaft hatte in München 1:1 gespielt. Man muss die Aussage wohl als eine weitere Demonstration der von Frings zur Perfektion entwickelten Fähigkeit deuten, einen zu großen Konsens unter allen Umständen zu verhindern. Aaron Hunt lächelte, als er auf die Aussage seines Mannschaftskollegen angesprochen wurde, fragte noch einmal: „Wer hat das gesagt?“ Und gab dann zu Protokoll: „Das sehe ich anders. Wir können gut leben mit dem Unentschieden.“ Frings also: immer wieder lustig. Und Hunt: ein Realist.

Die Bremer hatten nach dem Unentschieden gegen den direkten Konkurrenten gejubelt, und sie hatten Grund dazu gehabt. Wie aus dem Nichts hatte der eingewechselte Markus Rosenberg in der 66. Minute den Ausgleich für Werder erzielt in diesem Spiel zweier Mannschaften, die um einen Titel mitkämpfen, der Meisterschaft heißt, aber in diesem Jahr nicht an das stärkste, sondern an das Team vergeben wird, das eine Krise am besten verkraftet. Rosenbergs Tor war nicht nur der Treffer zum Endstand – es war auch Bremens einzige richtige Torchance. Von „zwei Torchancen“ sprach Bremens überragender Spieler, Torwart Tim Wiese, zwar hinterher; doch die andere Chance war ein Weitschuss in der 42. Minute gewesen, den Aaron Hunt abgegeben hatte – und der einige Meter am Tor vorbeiging. In besseren Spielen der Bremer tauchen solche Schüsse nur in der Statistik auf.

Nur die Bayern spielten in dieser Partie, und sie hatten genug Chancen, um die Differenz zu den um drei Punkte und 17 Tore besser platzierten Bremern spürbar zu verringern. „Wenn der Ball von Schweini reingeht, gewinnst du 3:0 oder 4:0“, sagte Mark van Bommel hinterher, und er meinte einen Freistoß von Bastian Schweinsteiger nach einer halben Stunde, der an der Latte gelandet war. Auch Bremens Aaron Hunt sagte: „Die Bayern haben sehr gut gespielt, aber sie haben uns die Chance gelassen, weil sie das 2:0 nicht gemacht haben.“ Das war das Bayern-Manko des Tages.

„Was nicht geklappt hat, war die Chancenauswertung“, sagte Trainer Ottmar Hitzfeld, der auch den eigenen Torwart Oliver Kahn zwischen den Zeilen kritisierte – denn dem Bremer Ausgleich war ein Fehler von Kahn vorausgegangen. Er war aus dem Tor gerannt, um gegen Hugo Almeida zu klären, der für den am Rücken verletzten Miroslav Klose spielte – aber er hatte entweder Almeidas Tempo oder das eigene Bandscheibenproblem unterschätzt. Kahn war zu langsam, und Almeida lupfte den Ball in Torrichtung, wo der eingewechselte Rosenberg stand. „Oliver Kahn hatte schon Schmerzen in der Halbzeit“, sagte Hitzfeld. „Aber er wollte unbedingt weiterspielen und dazu beitragen, dass wir drei Punkte holen.“ Das kostete die Bayern den Sieg. Die Münchner hatten hervorragend angefangen, Pizarro prüfte Wiese schon nach drei Minuten. In der siebten Minute dann spielte Bastian Schweinsteiger steil auf Mark van Bommel, der sich gegen zwei Bremer durchsetzte, quer auf Lukas Podolski legte – und der musste nur noch einschieben. Diese drei waren neben Bremens Tim Wiese die besten Spieler auf dem Platz.

Vor allem Schweinsteiger spielte so gelöst wie lange nicht. Er ist der nächste Bayer, der unter Hitzfeld aus der Versenkung findet. Schweinsteiger sorgte für den Unterschied in der ersten Hälfte. In der zweiten aber waren Podolski und Hasan Salihamidzic nicht in der Lage, für einen größeren Unterschied an Toren zu sorgen, als sie alleine vor dem Tor auftauchten. Die Bayern hatten gute Chancen, beherrschten die Partie und hätten gewinnen müssen. Als Mark van Bommel nach dem Spiel verärgert sagte: „Wir haben heute zwei Punkte weggeschmissen“, da hatte er einfach nur Recht.

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