Zweite Goldmedaille bei der Bahnrad-WM : Emma Hinze lebt ihren rasanten Traum

Gold im Team, Gold im Einzel – bei der Bahnrad-WM in Berlin überrascht die Cottbuserin Emma Hinze alle. Und ein drittes Gold ist sogar noch möglich.

Vielen Dank für die Blumen: Für Emma Hinze gibt es in Berlin einiges zu gewinnen.
Vielen Dank für die Blumen: Für Emma Hinze gibt es in Berlin einiges zu gewinnen.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Das Velodrom hatte sich weitgehend geleert. Doch in der ersten Reihe auf der Geraden harrten einige Zuschauer aus. Sie schmetterten begeistert die Lieder aus den Lautsprecherboxen mit und hielten Plakate hoch. „Emma“ stand auf einem, „Go for Gold, Emma Hinze“ auf einem anderen.

Die Adressatin stand einige Meter vor ihrem ganz persönlichen Fanblock, nur durch die Bahn getrennt. Emma Hinze sollte erklären, was gut 30 Minuten vorher passiert war. Direkt nach dem Gold-Lauf bei der Bahnrad-WM hatte die neue Weltmeisterin im Sprint unter Tränen gerade noch Folgendes herausgebracht: „Ich kann es nicht glauben. Ich habe noch nie geweint, wenn ich etwas gewonnen habe. Aber es ist so etwas Besonderes.“

Tage wie im Traum für Emma Hinze

Nun sagte sie mit fester Stimme und in Anspielung auf den Triumph im Teamsprint zwei Abende vorher: „Ich kann es wieder nicht fassen. Es ist wieder ein Traum.“ Dann hatte die Cottbuserin doch noch eine Erklärung parat: Ihr Heimtrainer Alexander Harisanow, mit dem sie seit Ende 2017 zusammenarbeitet, habe einen sehr großen Anteil. „Wir haben das Training gut gesteuert und ich habe auf meinen Körper gehört.“ Ohne Harisanow, ist Hinze sicher, hätte sie nicht die Goldmedaille in Empfang genommen, sondern „auf der Tribüne gesessen und zugeguckt“. 

Überraschungs-Gold im Team, Gold im Einzel, obwohl Hinze noch keinen Weltcup in dieser Disziplin gewonnen hat – die Tage von Berlin sind für sie in der Tat ein einziger rasanter Traum. Nach Christa Luding-Rothenburger 1986 und Kristina Vogel, die vier WM-Titel holte, ist sie erst die dritte deutsche Sprintweltmeisterin.

Was war das auch für ein Abend für Emma Hinze! Im Halbfinale traf sie auf Wai Sze Lee (32) aus Hongkong, die Weltmeisterin von 2019, gegen die sie bislang stets verloren hatte. Erster Lauf: kein bisschen taktisch, stattdessen von vorn weg, mit klarem Vorsprung zum Sieg. Zweiter Lauf, noch einmal das Gleiche. „Vorher haben mir alle gesagt, dass ich sie diesmal schlagen kann. Ich war richtig nervös“, sagte Hinze. Davon war auf der Bahn nichts zu spüren. Für solche Auftritte könnte das Wort souverän erfunden worden sein.

Siegerinnenfaust: Emma Hinze holt sich auch im Einzel die Goldmedaille.
Siegerinnenfaust: Emma Hinze holt sich auch im Einzel die Goldmedaille.Foto: Kacper Pempel/REUTERS

Spätestens da wusste Hinze, dass etwas Großes möglich ist. Im Finale gegen die auch deutlich erfahrenere Russin Anastasija Woinowa wiederholte die 22-Jährige den Vortrag aus dem Halbfinale noch zweimal. „Emma, Du bist einfach die Schnellste hier im Velodrom“, rief der Hallensprecher in die Jubelstürme der 4000 Zuschauer hinein. Bundestrainer Detlef Uibel sagte: „So deutlich hat, glaube ich, noch nie eine Sprinterin ein Finale gewonnen.“ Und der 60 Jahre alte Uibel hat schon einiges auf den Bahnen dieser Welt erlebt.

Hinzes WM-Wahnsinn könnte noch eine Fortsetzung erleben, am Sonntag (Beginn 11 Uhr, Entscheidungen ab 14 Uhr) startet sie im Keirin. Natürlich ist sie jetzt auch in dieser Disziplin eine der Favoritinnen. Drei Titel bei einer WM hat zuletzt Kristina Vogel im Jahr 2014 geholt. Vogel glaubt durchaus daran, dass Hinze dies ebenfalls gelingen kann: „Auch im Keirin soll sie erst mal eine schlagen.“

Rückenwind für Emma Hinze vor den Olympischen Spielen

Aber Keirin ist eine Sache für sich. In diesem Kampfsprint genannten Rennen aus Japan „ist alles möglich“, sagt Bundestrainer Uibel. In alle Richtungen. Das musste bei der WM schon Maximilian Levy erfahren, der mit Medaillenhoffnungen angetreten war. Nach dem letzten Platz im Hoffnungslauf war er raus.

Ein Satz Medaillen: Emma Hinze (Mitte) posiert neben Natalya Antonova (links) und Wai Sze Lee.
Ein Satz Medaillen: Emma Hinze (Mitte) posiert neben Natalya Antonova (links) und Wai Sze Lee.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Hinze ist von Mittwoch bis Freitag täglich gefahren, die Tage spielten sich quasi komplett in der Halle ab. Daher freute sie sich für Samstag unter anderem „auf ein bisschen frische Luft“.  Völlig unabhängig davon, was am Sonntag passiert, sind ihre bisherige Leistungen eine Ansage für die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio. Vom Riesentalent zur Doppel-Weltmeisterin – gibt das Rückenwind oder ist es eine Bürde? „Das kann eine Bürde sein. Aber Emma ist mental sehr stark, für sie wird es eher Antrieb sein“, sagte Uibel. „Momentan gibt es Rückenwind“, sagte Hinze lachend.      

Nach dem Rennen war sie direkt zu ihren Unterstützern gefahren und hatte ausgiebig Glückwünsche entgegengenommen. „Es sind viele, viele Leute von mir da“, erzählte Hinze. Ihre Eltern, Freunde, radsportbegeisterte Kinder aus Cottbus. Einige ihrer Fans standen weiterhin auf der Tribüne.

Nach der Siegerehrung und Interviews auf Deutsch folgte nun noch eine Runde auf Englisch. Der Fangemeinde dauerte das ganze Prozedere wohl etwas zu lange. Ein langgezogenes „Emma“ erklang irgendwann aus der ersten Reihe der Geraden. Hinze drehte sich um, winkte kurz. Und lachte einmal mehr an diesem denkwürdigen Abend im Velodrom. 

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!