Zwischenruf aus dem Gästeblock : Dirk, dein Herzilein ist weinrot!

Schriftsteller und BFC-Fan Andreas Gläser beschreibt für Tagesspiegel.de den Berliner Blues der Achtziger, und wie er bis heute an der Alten Försterei in Köpenick nachklingt.

Andreas Gläser
Union-Präsident Dirk Zingler steht derzeit in der Kritik - hält die aber (noch) aus.
Union-Präsident Dirk Zingler steht derzeit in der Kritik - hält die aber (noch) aus.Foto: dpa

"Union-Präsident war beim Stasi-Wachregiment", "Einspruch gegen Strafbefehl", "Sommertheater in drei Akten". Negativschlagzeilen über den 1. FC Union. Für derartiges Wortgeklingel sind einige Anhänger des Lokalrivalen BFC Dynamo 1989 auf die Straße gegangen. Trotzdem, Sportsfreunde dieser Stadt, Völker der Welt, wir müssen ehrlich zueinander sein, in uns gehen, ganz persönlich, jeder für sich.

Ich war 1983 18 Jahre alt, BFC-Fan, die Musterung für die Nationale Volksarmee der DDR stand an. Mir waren die dortigen Dienstgrade und Einheiten zwar nicht geläufig, aber ich wusste, dass ich keine drei Jahre absolvieren würde, schon gar nicht in Berlin. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass man mich an die Mauer abkommandieren würde, wenn ich es bei der Musterung an ihrer Version des Klassenbewusstseins mangeln ließ.

Was musste ich eigentlich anstellen, um nur 18 Monate als Spatensoldat dabei zu sein, als welcher ich seltener in moralische Zwiespalte geraten würde? Im Freundeskreis war klar: Wer seine NVA-Zeit in Berlin verbringen wollte, lief Gefahr, auf Menschen schießen zu müssen. Und wer entgegen seiner beachtlichen Übungstrefferquote im Ernstfall völlig daneben zielte, und sei es auf die Hertha-Tulpen vom Großonkel in der Weddinger Parterrewohnung, würde mit den Genossen diesseits richtigen Ärger bekommen.

Für uns war der NVA-Dienst in Berlin eher was für linientreue Popper, die wir auf dem Schulhof geärgert hatten, oder für die Anscheißer aus der Provinz, die vom Zusammengehörigkeitsgefühl der Berliner keinen blassen Schimmer hatten. Bei meinem Musterungsgespräch wurde ich von einem vorwitzigen Apparatschik per vager Behauptung begrüßt, er habe gehört, ich wolle drei Jahre dienen, und zwar in Berlin. Mir wurde es binnen dieser Begrüßungsminute schon zu doof. Nein, sagte ich, ich wäre ein halbwegs zufriedener Arbeiter aus der Hauptstadt, und allenfalls für anderthalb Jahre bei der NVA, wahrscheinlich irgendwo an der Küste, und als solcher ja garantiert bald wieder in Berlin. Ein klarer Lebensplan, wie ich fand.

Unser Gespräch verlief nicht so politisch, wie ich befürchtet hatte. Es wäre sogar voreilig gewesen, hätte ich mich als angehenden Spatensoldat enttarnt. Der Apparatschik komplimentierte mich mit der Bemerkung hinaus, man würde mich in fünf Jahren ziehen. Wahrscheinlich hatte ich weiterhin eine weiße Weste, zumindest wurde ich Monate später zur Klärung eines Sachverhalts in ein müffelndes Neubaubüro unweit des Sportforums vom Serienmeister der Herzen eingeladen.

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Mein Gegenüber gab sich für meinen Geschmack nicht flott genug zu erkennen. Ziviler Polizist oder politisierender Hausmeister, ich verhielt mich in diesem Quiz abwartend, sportlich und fair. Ob ich mit oder ohne Uniform den Staat schützen wolle? Oh je. Wenn er vom Ministerium für Staatssicherheit war, musste er mir das zwar nicht auf dem Alexanderplatz per Megaphon erklären, aber bitte doch wenigstens laut und deutlich im persönlichen Gespräch. Diese Apparatschiks hatten oft kommunikative und intellektuelle Defizite. Für einen jungen kritischen Menschen, der noch halbwegs an die DDR zu glauben wagte, regelrecht erschreckend.

Bei der Stasi war ich dann doch drei Jahre, und zwar alle zwei Wochen im Rat des Stadtbezirks für Innere Angelegenheiten, für jeweils eine Stunde, um meinem Ausreiseantrag Nachdruck zu verleihen. Das Thema NVA hatte sich somit für mich unvermittelt erledigt, was wohl untypisch war. Ich hielt die Füße still. Ja, ich bin mitschuldig an Tschernobyl. Während der Wende funktionierten die alten Tricks. Viele Apparatschiks wurden erfolgreiche Glasperlenhändler. Meinetwegen.

Immer wieder haarsträubend ist aber, wer wem was vorwirft. Dieser Tage steht die Frage im Raum, ob der amtierende Präsident des 1. FC Union weiterhin tragbar sei. In meinen Augen ist Dirk noch der volksnahe Unterfeldwebel. Sein Verein, ich meine jetzt den Köpenicker Fußballclub, steht meinem Verein nicht nur geografisch sehr nahe. Warum das dauernde Gezeter? Wahrscheinlich ist unter hunderten von Fußballclubs und Betriebsportgemeinschaften der DDR der 1. FC Union derjenige, der am meisten am Erfolg des BFC Dynamos partizipierte.

In den ´80ern sicherten die Ex-BFCer Seier, Sträßer, Hirsch und Trieloff dem 1. FC Union nicht nur aus sportlicher Fairness den Klassenerhalt, sondern sorgten bald auch für deren erfolgreichste Saison des Jahrzehnts. 1986 zogen Sträßer und Co. mit Union in das FDGB-Pokalfinale ein, in fünf aufeinander folgenden Spieljahren wurden ehemalige BFCer die erfolgreichsten Torschützen bei Union. Ja, ich weiß, 1973 wechselte Lauck vom Absteiger Union zum Hoffnungsträger BFC, und 1977 stahl ein Jugendlicher aus Prenzlauer Berg einem Kind aus Köpenick eine Club Cola.

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Bitte, verzeiht! Aber es passt einfach nicht, wenn die Unioner vom gestern bis ins heute alles Weinrote ausblenden wollen. Viele Episoden gehen ja noch als Fußballfaxen durch, aber wenn, wie im Januar 2010, einige Dutzend Randalierer von Union erst vor der Dynamo-Halle das familiäre Fan-Volk verschiedener Vereine attackieren, und danach weiter ins Olympiastadion ziehen, kann es nicht sein, dass der Ex-Unterfeldwebel sich bei Hertha entschuldigt, nicht aber beim BFC.

Dieses Verhalten scheint in Köpenick zur Politik zu gehören. Einmal wird vor dem Derby an der Alten Försterei die Aufstellung des BFC nicht durchgesagt, ein anderes mal wird Dynamo zwecks der dreitausend Gästekarten um Vorkasse gebeten. Zum nächsten Oberligaspiel bei Union II wird man wohl fordern, dass wir Hausschuhe mitbringen, um ihr zubetoniertes Areal betreten zu dürfen. Bei Union geht die Phobie vor dem Stasi-Weinrot so weit, dass man vorsichtshalber die eigenen internationalen Gäste entfärbt.

Zum besseren Verständnis: Ich besuchte vor Jahren das schottische Edinburgh, mir gefiel sofort der Kiez der Hearts Of Midlothian, mitsamt dem weitestgehend in weinrot gehaltenen Stadion, der ähnlich eingefärbten benachbarten Brauerei, und den vielen entsprechend gestrichenen Haustüren. Deshalb zog es mich vor Wochen auch zum Testspiel der Unioner gegen die Hearts. Es war unterhaltsam. Die Sonne lachte, der Wald knisterte und von einer Werbebande zur anderen schallte "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen..." Zu meiner Überraschung wurden im Programmheft die Gäste als die roten Fußballer aus dem eher grauen Viertel vorgestellt. Schade, dass die Hearts nur ihre blaue Auswärtskollektion trugen.

Jedenfalls fühle ich mich beim BFC Dynamo wohl. Die Zeiten scheinen überwunden, in denen sich unter unseren 3.000 Zahlenden zwei Drittel vereinsferne Krawallbrüder tummelten. Im letzten Berlin-Pokalfinale gegen Stern Steglitz befanden sich unter den 5.200 Zuschauern etwa 4.500 BFC-Anhänger, vor allem auch viele vorübergehend Verschollene. Inzwischen schauen auch Freunde von Hertha oder Pauli vorbei, ohne dass ich sie extra von Zuhause abholen muss. Am 30. Juli wird es im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Rahmen der ersten DFB-Pokalrunde gegen den 1. FC Kaiserslautern ein Fest geben, unabhängig vom sportlichen Ausgang. Und zu Weihnachten erscheint das Buch "Union unterm roten Stern".

Andreas Gläser, 1965 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren, hat unter anderem das Buch "Der BFC war schuld am Mauerbau. Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt" geschrieben.

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