1968 im Tagesspiegel : Angriff auf die Hauptstadt und sieben Provinzstädte - Erbitterte Straßenkämpfe

Am 31. Januar 1968 berichtet der Tagesspiegel über den Beginn der Tet-Offensive in Vietnam

Der Angriff auf Saigon stellte die zweite Phase der bisher umfangreichsten kommunistischen Offensive seit Beginn des Vietnam-Krieges dar. Sie wurde mit dem Überfall von Vietcong-Verbänden und nordvietnamesischen Truppen auf insgesamt sieben südvietnamesische Städte eingeleitet. Das Foto zeigt Saigon unter einer schwarzen Rauchwolke.
Der Angriff auf Saigon stellte die zweite Phase der bisher umfangreichsten kommunistischen Offensive seit Beginn des...Foto: Afp

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Die militärischen Angriffe zum Tag des buddhistischen Neujahrsfestes in Vietnam waren Thema am 31. Januar 1968.

Saigon (AP/UPI/dpa). Zum Tag des buddhistischen Neujahrsfestes, der zunächst auf beiden Seiten mit einer Waffenruhe begangen werden sollte, haben am Dienstag nordvietnamesische und Vietcong- Streitkräfte eine Großoffensive eingeleitet, die am Mittwochmorgen (Ortszeit) auch die südvietnamesische Hauptstadt Saigon erreichte. In der Stadt, die unter Artilleriefeuer liegt, kam es zu Gefechten mit den eingedrungenen Kommunisten. Der Sender von Saigon stellte seine Tätigkeit ein.

Der Angriff auf Saigon stellte die zweite Phase der bisher umfangreichsten kommunistischen Offensive seit Beginn des Vietnam-Krieges dar. Sie war am Dienstag früh mit dem Überfall von Vietcong-Verbänden und nordvietnamesischen Truppen auf insgesamt sieben südvietnamesische Städte eingeleitet worden. In mehreren Städten wurde den ganzen Tag über erbittert gekämpft. Das alliierte Oberkommando sagte angesichts der Offensive auch für die übrigen Provinzen die Neujahrswaffenruhe ab und rief die Urlauber zu ihren Einheiten zurück.

Der Geheimsender der Vietcong hat am Dienstagabend (MEZ) die Offensive als "Strafe für die US-Imperialisten" bezeichnet, weil sie die Waffenruhe abgesagt hätten. Das alliierte Oberkommando vermutet jedoch, dass mit der Offensive die alliierten Truppen zersplittert werden sollen, damit eine Verstärkung der Garnisonen im äußeren Norden, vor allem bei Khe Sanh, verhindert werden kann. Dort stehen seit Tagen mehrere nordvietnamesische Divisionen zum Angriff bereit. 

Die Lage in Saigon

 Die Vietcong hatten überraschend am frühen Mittwochmorgen Um 2 Uhr 55 (Ortszeit) in Uniformen der südvietnamesischen Regierungstruppen den Präsidentenpalast und das amerikanische Botschaftsgebäude im Zentrum Saigons angegriffen. Nach Mitteilung eines Polizeisprechers schössen die Vietcong Granat-Werfersalven in das Zentrum Saigons. Auch die Rundfunkstation wurde angegriffen, über der Hauptstadt flogen Flugzeuge Vom Typ Dakota. Zum Teil erhellten Leuchtkugeln Den Himmel. Nach unbestätigten Berichten sollen in der südvietnamesischen Hauptstadt auch Wohngebiete der Amerikaner angegriffen worden sein.

 Der Sturm auf die Städte

 Die groß angelegte Offensive der Kommunisten auf sieben Städte hatte am frühen Dienstagmorgen in dem Augenblick begonnen, da die südvietnamesische Bevölkerung mit Böllerschüssen und Feuerwerk das buddhistische Neujahrsfest Tet einleitete. Das Feuerwerk vermischte sich mit den Explosionen der einschlagenden Granaten, die kommunistische Artillerie zur Einleitung des Angriffs verschossen hatte. Unter der Bevölkerung und den alliierten Truppen, die von der Offensive völlig überrascht wurden, kam es zu Panik und Verwirrung.

Von Vietcong und Nordvietnamesen gestürmt wurden die Provinzhauptstädte Pleiku, Kontum, Hoi An, Da Nang und Qui Nonh im nördlichen und mittleren Südvietnam, sowie die Städte Ban Me Thuot und Nha Trang Im südlichen Teil des Landes.

Nach letzten Meldungen aus Saigon wurde am Dienstagabend (MEZ) in Pleiku, Hoi An, Nha Trang, Kontum und Da Nang noch immer gekämpft. In Nha Trang gelang es den Kommunisten, den örtlichen Sender zu besetzen.

Bis zum Dienstagabend, (MEZ) meldete das alliierte Oberkommando, die Angreifer hätten 546 Mann an Toten verloren. Die alliierten Verluste wurden Als gering bezeichnet.

Die heftigsten Kämpfe, in die südvietnamesische, amerikanische und südkoreanische Truppen verwickelt wurden, fanden in Da Nang, Ban Me Thuot und Kontum statt.

Am schwersten betroffen war am Dienstag die Küstenstadt Da Nang. Die Vietcong griffen das in der Stadt gelegene Hauptquartier für die fünf Nordprovinzen Südvietnams an, wurden jedoch in erbitterten Straßenkämpfen In die Vororte zurückgeworfen. Nach Augenzeugenberichten sind auch viele Zivilisten ums Leben gekommen. Wie es in diesen Berichten heißt, sind in einigen Häusern ganze Familien tot aufgefunden worden. Viele Häuser brannten.

Das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes hat am Dienstag vom Chefarzt des Hospitalschiffes "Helgoland" ein Telegramm erhalten, demzufolge die Lage in Da Nang für Schiff und  Besatzung "ohne jede Besorgnis" sei.

Zur selben Zeit, als die sieben Städte überfallen wurden, griffen die Kommunisten auch zahlreiche alliierte Stützpunkte, darunter die Basis Da Nang, mit Artillerie an. Sechs Flugzeuge und 30 Hubschrauber fielen den Granaten und Raketen zum Opfer.

Der von mehreren nordvietnamesischen Divisionen umzingelte amerikanische Stützpunkt Khe Sanh im Norden Südvietnams lag gestern unter schwerem nordvietnamesischem Artilleriefeuer. Zeitweilig war der Flugplatz nicht benutzbar.

Präsident Johnson ließ sich den Dienstag über ständig über die Lage in Vietnam unterrichten.

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