1968 im Tagesspiegel : Die neue Botschaft der Bundesrepublik in Paris als prachtvolles Symbol deutsch-französischer Geschichte

Vor 50 Jahren berichtete der Tagesspiegel über die bevorstehende Einweihung der deutschen Botschaft in Paris im Palais Beauharnais.

Karl Puhlmann
Bundespräsident Lübke und der französische Staatspräsident de Gaulle bei der feierlichen Einweihung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschlands in Paris.
Bundespräsident Lübke und der französische Staatspräsident de Gaulle bei der feierlichen Einweihung der Botschaft der...Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. In der Ausgabe vom 3. Februar 1968 wurde die neue Botschaft in Paris vorgestellt. Hier ein Auszug aus dem Artikel.

"Mein Sohn, ich kann von Ihren Architekten keine gute Meinung haben; ich habe beide aus dem Hause gejagt. Es ist absurd, 1 500 000 Francs in einem so kleinen Haus wie dem Ihrigen auszugeben, und was man darin gemacht hat, ist nicht ein Viertel dieser Summe -wert. Denken Sie doch immer daran, nie etwas ohne festen Kostenanschlag machen zu lassen. Kümmern Sie sich im übrigen nicht mehr um Ihr Haus, ich habe es gesperrt. Wenn Sie nach Paris kommen, werden Sie in meinem Palais wohnen."

Es besteht nicht die geringste Gefahr, daß jemand im rheinischen Bonn eine in solchem Ton gehaltene Epistel erhalten haben könnte. Vielmehr wurde der zitierte Brief im Januar 1806 nach Italien geschickt, und zwar von Napoleon I. an seinen Stiefsohn, den Prinzen Eugene de Beauharnais. Das Pariser Palais des Prinzen, dessen Umbau und teure Inneneinrichtung des Kaisers Zorn erregt hatten, wurde später das preußisch-deutsche Botschaftsgebäude. Und nach Beendigung der 1964 begonnenen, noch viel kostspieligeren Restaurierungsarbeiten durch die Bonner Bauverwaltung wird hier am Sonnabend Bundespräsident Lübke den französischen Staatspräsidenten de Gaulle empfangen.

Nein, de Gaulle hat wahrhaftig keinen Anlaß, die Herren aus Bonn mit Vorwürfen zu überschütten. Denn er hat die 20 Millionen DM nicht zu zahlen, die für die Wiederherstellung des Palais Beauharnais ausgegeben wurden. Der Bundespräsident kann sogar sicher sein, daß sein Gast die Besichtigung der im Licht prächtiger Kronleuchter funkelnden Empire-Salons mit Ausrufen des Entzückens und der Anerkennung begleiten wird. Vor sieben Jahren hatte er seine ganze Verführungskunst aufwenden müssen, um die Bonner Regierung zur Rücknahme des zerfallenen, 1944 vom französischen Staat beschlagnahmten Botschaftsgebäudes zu bewegen.

Großzügig zu denken und weit in die Zukunft zu sehen, soll de Gaulle den Bonnern seinerzeit geraten haben; wenigstens geht diese Darstellung unter den Franzosen um, die überzeugt sind daß der General damit den richtigen Ton getroffen hat. Und heute ist man in Paris des Lobes voll über das von den Deutschen unter Aufsicht der französischen Verwaltung der Schönen Künste bis in die letzten Details stilgerecht restaurierte Palais Beauharnais. Frankreich ist damit eines der reinsten und reichsten Beispiele des von der Erinnerung an Bonapartes ägyptischen Feldzug geprägten Empire-Stils erhalten geblieben.

Die Bundesrepublik habe jetzt, so versucht man den deutschen Geldgebern ihre Millionenlast zu erleichtern, die schönste Repräsentationsbotschaft in der französischen Hauptstadt. Die schönste - und vor allem die teuerste, so antworten resignierte Deutsche, denen gerade vor dem frisch glitzernden Gold eines Repräsentationsgebäudes im klassischen Großmächtestil bewußt wird, daß es einen Staat, der Deutschland heißt, heute nicht gibt. De Gaulles großmütiges Geschenk mutet so wie eine teuer erkaufte Leihgabe an, gegen deren bedrückende Erinnerungen und verlockende Illusionen sich die neuen Hausherren in gleicher Weise zu wehren haben werden; nicht umsonst löste das Geschenk unter dem Botschaftspersonal zwiespältige Empfindungen aus.

Um die bösen Geister zu bannen und die deutsche Botschaft im versöhnlichsten Licht zu zeigen, hat ein Bonner Diplomat für das französische Publikum einen kurzen historischen Überblick zusammengestellt, in dem der Name des letzten deutschen Bewohners des Botschaftsgebäudes ganz verschwiegen ist. An Abetz, Ribbentrops Pariser Vertreter in der deutschen Besatzungszeit, will man sich besser überhaupt nicht erinnern.

Andererseits möchte niemand behaupten, daß der Anfang der Geschichte des Botschaftsgebäudes vor 150 Jahren dem Geist der Zusammenarbeit zwischen den beiden Völkern mehr entsprochen hat. Nachdem nämlich die alliierten Truppen Napoleon I. geschlagen hatten und als Sieger in Paris einmarschiert waren, bezog der preußische König Friedrich Wilhelm III. als Besatzungsherr im Palais des Prinzen von Beauharnais Quartier. Das Haus gefiel ihm, und drei Jahre später erwarb er es für ein Butterbrot als Gesandtschaftsgebäude.

Es ist deshalb begreiflich, daß man den Franzosen heute in erster Linie jene Leiter der Pariser Botschaft vorstellen möchte, die als Vorbild einer deutsch-französischen Zusammenarbeit gelten könnten, wie man sie in Bonn versteht. Bismarck scheint nur schlecht in diese Ahnengalerie zu passen, er kommt bei der Vorstellung miserabel weg. Dabei hat das alte französische Bismarck-Klischee längst einen Knacks bekommen, und kein ernsthafter Mensch bringt hier Bismarck noch mit Hitler in Verbindung. Offenbar spricht es sich herum, daß de Gaulle zu Bismarcks Bewunderern gehört und daß er ihn bewußter studiert hat, als mancher Leiter der deutschen Außenpolitik.

Man beginne Bismarck nachzutrauern, hieß es kürzlich in einer Sendung des staatlichen Fernsehens, er habe den Sinn für Maß und Gleichgewicht gehabt. Als preußischer Gesandter in Paris hatte er im Sommer 1862 eine lange Unterredung mit Napoleon III. Der Kaiser trug ihm dabei seine Idee einer "intimen und dauerhaften Entente" mit Preußen vor. Natürlich wußte Bismarck, daß ihm Napoleon die Allianz nicht aus Vorliebe für Preußen anbot, sondern aus Mißtrauen gegenüber Österreich; der Mann des Gleichgewichts verleugnete sich nicht.

Bismarck war gewiß der unruhigste und ungeduldigste Bewohner des Palais Beauharnais, war er mit seinen Gedanken doch mehr in Berlin als in Paris. So klagt er, daß er es in dem unbequemen, verbauten Haus nicht aushalte. In den Briefen an seine Frau nennt er die Zimmer Hundelöcher. Vor allem in den Briefen an seine Schwester hält er sich nicht zurück: "Alles riecht dumpfig und kloakig... das Arbeitszimmer, dunkel, stinkt stets... enge, finstere, steile Treppen, die ich nicht geradeaus passieren kann wegen meiner Schulterbreite... So haben Hatzfeldt und Pourtales die ganze Zeit existiert, sind aber auch dabei gestorben, in der Blüte ihrer Jahre, und bleibe ich in dem Haus, so sterbe ich auch früher, als ich wünsche. Dabei würde man den Platz mit dem durchweg baufälligen Hause für 2 Millionen verkaufen können."

Das einzige, was auch Bismarck an dem Haus gefiel, war seine Lage an der Seine und der Blick zu den Tuileriengärten hinüber. Aber gerade die Lage an der Seine wurde dem Bau zum Verhängnis. Er war Anfang des 18. Jahrhunderts zu Spekulationszwecken errichtet worden, und zwar zum Teil auf Schwemmsand. Schon bald nachdem die Preußen das durch den Prinzen von Beauharnais umgebaute Palais erworben hatten, stellten sie Risse an Decken und Innenwänden fest. Das Fundament mußte untermauert, die Deckenkonstruktionen mußten gesichert werden. Doch bei den Ausbesserungsarbeiten wurden immer neue Schäden entdeckt. Und als Bismarck das Haus bewohnte, war es in einem beängstigenden Zustand des Verfalls. Da die politischen Spannungen der nächsten Jahre Reparaturarbeiten wenig günstig waren - und das Restaurieren noch keine Mode war - wurde die Kaiserliche Botschaft erst um die Jahrhundertwende gründlich überholt. Ein nochmaliger Verfall, so warnten die Architekten, werde den "endgültigen Untergang eines großen künstlerischen Wertes bedeuten".

Doch war die Warnung fruchtlos. Und als sich die deutschen Fachleute 1961 de Gaulles Geschenk aus der Nähe besahen, waren einige geneigt, das Haus lieber ganz abzutragen und auf dem Gelände ein neues Botschaftsgebäude zu errichten. Doch war das Palais Anfang der fünfziger Jahre unter Denkmalschutz gestellt worden. Allerdings hinderte diese Maßnahme der Verwaltung der Schönen Künste die französischen Hausherren nicht, das wertvolle Gut weiter mit himmelschreiender Gleichgültigkeit wie eine abbruchreife Baracke zu malträtieren. Die Deutschen, die hier immer noch im Ruf stehen, nichts Halb zu machen, würden schon das Notwendige tun; und sie taten es. "Als erste Sofortmaßnahme wurde der gesamte Baugrund unter dem Palais im chemischen Einspritzverfahren versteinert", die Kellerräume wurden zu Grundwasserwannen umgebaut, und um die Einsturzgefahr abzuwenden, wurden in die alten Stuckdecken neue Stahlbetondecken eingezogen. Das Haus war gerettet…

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