1968 im Tagesspiegel : Die neue Spielzeit hat schön begonnen - Bauspielplätze für Berlin

"Vielleicht sollte man den Kindern gar keine Spielzeuge geben, gar keine!

Karin Preuß

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 15. September 1968 stellte der Tagesspiegel die Spielplatzkpläne für die Stadt vor.


"Vielleicht sollte man den Kindern gar keine Spielzeuge geben, gar keine! Hingegen aber Materialien, um sich selber welche zu machen. Wie das Spielzeug heute ist, das gekaufte, über und über fertige, damit lehret Ihr den Kindern nichts als Zerstören. Das Schaffen lernen sollen sie - deshalb habe ich gesagt: gebt ihnen Materialien, damit sie ihr Spielzeug selber machen können." Zitat von Peter Rossegger (1843-1918).

 

Material bearbeiten, Kräfte daran erproben, eigene Erfahrungen sammeln und sich so spielend mit der Umwelt auseinandersetzen - diese Voraussetzungen schöpferischen Spiels werden Jungen und Mädchen auf den 684 öffentlichen Berliner Spielplätzen kaum geboten. An kritischen Stimmen unter Psychologen und Sozialpädagogen fehlt es nicht: Die Anlage der Plätze und die vorgefertigten Spielgeräte zwingen die Kinder, sich so zu verhalten, wie die Erwachsenen wünschen, daß sie sich verhalten. Kindliche Aktivitäten werden eingeschränkt. Auf das Stichwort "Bauspielplatz" reagieren die Mitarbeiter der Jugendämter allerdings sehr unterschiedlich: "neumodische Ideen, viel zu riskant" sagen die einen, "wir haben schon einen" sagen die anderen. Die Idee, Entdeckerlust bei den Kindern amtlich zu fördern, ist nicht nur bei Behörden, sondern auch bei Eltern noch umstritten. Mit dem Abenteuerspielplatz im Märkischen Viertel hat die neue Spielart aber auch in Berlin begonnen. Wir befragten deshalb Fachleute beim Senator für Familie, Jugend und Sport zu aktuellen Spielplatz-Problemen, die in einem Satz so beantwortet wären: "Wir haben zu wenig Spielplätze und noch lange nicht die richtigen." Scheuklappen bei den Behörden, unzulängliche Vorschriften und Kinderfeindlichkeit mancher Bürger erschwerten die Situation.

 Größe nach Belieben

 Besonders vordringlich und problematisch sei die Planung in den großen Neubausiedlungen wie dem Märkischen Viertel, Berlin-Buckow-Rudow und dem Falkenhagener Feld. So schreibt die Bauordnung zum Beispiel privaten Bauherren vor, für Gebäude mit mehr als drei Wohnungen auf dem Grundstück einen Spielplatz anzulegen, "die Größe aber kann vom Bauträger beliebig bestimmt werden, denn es gibt keine festgesetzten Meßzahlen". Folglich fallen die Spielplätze meist zu klein aus. Sowohl die Bauordnung als auch die Richtlinien über die Förderung des sozialen Wohnungsbaus sichern zudem nur die Ansprüche des Kleinkindes, "also baut man meist nur Buddelkisten statt zweckmäßiger Spielplätze. Es wird extra darauf hingewiesen, daß die Spielflächen nicht so groß sein dürfen, daß Ballspiele sportlicher Art möglich sind."

 Gerade in Großraumsiedlungen mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte seien aber Tummelplätze für die größeren Kinder und Heranwachsenden aus soziologischen Gründen dringend erforderlich. Erfahrungen im Ausland hätten gezeigt, daß sich in dichtbesiedelten Gebieten ohne genügende Freiflächen leicht jugendliche Banden bilden, die ernsthafte Sorgen bereiten.

 Zwischen den Behörden

 Die Vorschläge der Jugendverwaltung an die Spielplatzplaner der Bauverwaltung gehen von pädagogischen und soziologischen Aspekten aus:

  • Generell mehr Freiflächen zum Spielen
  • Spielplätze für alle Altersstufen (bis 17 Jahre)
  • Spielplätze, die die Aktivitäten der Kinder fördern
  • Wasserspielflächen (in Karlsruhe z.B. sogar im Schloßpark verwirklicht)
  • Spielplatzheime: Häuser auf dem Spielgelände (mit Aufenthalts-, Werkzeugraum und Toiletten), die eine ganzjährige Nutzung ermöglichen und die Kindertagesstätten entlasten könnten. Stützpunkt des Spielplatzleiters.
  • Bessere Nutzung von Schulhöfen, Sportplätzen und Flächen der Jugendfreizeitheime als Spielgelände.
  • "Die Planung sollte auf eine breitere Basis gestellt werden, und nicht nur Architekten und Gartengestaltern überlassen bleiben. Pädagogen, Soziologen, Psychologen und auch interessierte Bürger sollten beteiligt werden."
  • Ein Modellspielplatz müßte eingerichtet werden. Die Erfahrungen, die man dort macht, sollte eine Planungskommission auswerten.

 

Bei der Bauverwaltung hat man andere Spielplatz-Sorgen. "Für uns ist das eine Frage des Baurechts und der Finanzen. Wir haben in Berlin zu wenig freie Grundstücke. Die von den Eigentümern angebotenen sind zu teuer."

Vorläufig stehen Berliner Kindern folgende Typen öffentlicher Spielplätze offen:

 Der landesübliche Spielplatz in Park- und Grünanlagen, überwiegend nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet, dient mehr der passiven als der aktiven Beschäftigung (Schaukel, Drehpilz, Kletterturm, Sandkiste). Er eignet sich vor allem für Kleinkinder und bietet kaum Möglichkeiten für Spiele älterer Kinder.

 Haus- und Hof-Spielplätze: meist Buddelkisten für die Kleinen. Als "Tummelplätze" (Bolz- oder Ballspielplätze) für die Größeren werden vielfach Baulücken (Höfe, Ruinengrundstücke) verwendet. Mit Rücksicht auf den Straßenverkehr und die Fensterscheiben der Nachbarn werden sie mit fünf Meter hohen Drahtkäfigen umgeben.

 Abenteuerspielplatz: ein Bau- und Werk-Spielplatz, entstanden nach dem Prinzip ausländischer Vorbilder "Mit der Gefahr aufwachsen". Der einzige Berliner Abenteuerspielplatz entstand im Märkischen Viertel. Statt vorgefertigter Spielgeräte gibt es hier fast nur Baumaterial und Werkzeug. Der Platz muß pädagogisch geleitet werden, ein Spielplatz-Haus ist erforderlich.

 Robinson-Spielplatz: ein Begriff mit vielfältigen Auslegungen. Nach Schweizer Art, ist er, wie der. Abenteuer-Spielplatz ein pädagogisch geleiteter Bau-Spielplatz. Dem Hausbau folgt dann die Gründung; einer Dorfgemeinschaft, die sich ihre eigenen Gesetze gibt und sich selbst verwaltet. Robinson-Plätze unterschiedlicher Arten gibt es in einzelnen Bezirken Berlins. In Neukölln entstand ein Pfahlbau-Dorf, die Häuser wurden aber nicht von den Kindern gebaut, in der Charlottenburger Zillestraße wurde aus dem geplanten Robinson-Platz schließlich doch keiner, weil die Behörde Bedenken hatte wegen der Unfallgefahr. Dem Charakter nach blieb der Platz aber ein bißchen Wilder Westen mit Cowboy-Hütten aus Stein, einer Schmiede und einem Sheriff-Büro.

 Experiment mit dem Polier

 In Tempelhof hat man dagegen keine Angst vor dem Risiko, und aus dem Personalproblem machte man ein Experiment. "Da es uns bisher nicht gelungen ist, einen Spielplatzleiter mit pädagogischen und handwerklichen Fähigkeiten zu finden, haben wir vor zwei Monaten einen Polier angestellt." Auch ohne pädagogische Ausbildung habe sich dieser Mann bewährt. "Er hat schnell gelernt, daß er die Kinder nur beraten und ihre Aktivität fördern soll. Außerdem ist er der richtige Mann bei der Holzbeschaffung." Durch die Existenz eines alten Feuerwehrautos, einer ausgedienten Straßenbahn und eines Eisenbahnwaggons, die als Turngeräte benutzt werden, wird der Platz zusätzlich attraktiv.

Ein Spielgelände, auf dem möglichst viele "moderne Gesichtspunkte" verwirklicht werden sollen, ist auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern des Falkenhagener Feldes geplant. Günstig gelegen soll hier schon bald ein "Bauspielplatz" entstehen, kombiniert mit einem Bolzplatz für größere Kinder, auch einer Skatecke für ältere Herren, einer asphaltierten Fläche zum Rollschuh- und Eislaufen. Als Baumaterial auf diesem Bauplatz werden die Kinder aber keine Holzlatten und -klotze erhalten, sondern zusammensteckbare Plastik-Bausteine, die jedes Risiko ausschließen und die Verwendbarkeit vorschreiben.

 Hauptsache Holz!

 Ob mehr Risiken auf den Bauspielplätzen auch mehr Unfälle bedeuten, läßt sich nach den ersten Versuchen in Berlin noch nicht sagen. Vorläufig baut man auf die Erfahrung der Engländer: "Das Wichtigste ist, daß ein Bauspielplatz pädagogisch und zugleich handwerklich gut geführt wird, und daß die Kinder ausreichend Baumaterial in die Hand bekommen. Solange genug Holz da ist, kommen sie nicht auf die Idee, sich gegen die Köpfe zu hämmern."

 Bei der Planung dieses oder jenes Spielplatzes wird der Standort immer eine entscheidende Rolle spielen. "Bei aller Rücksichtnahme auf Anwohner", argumentiert man bei der Jugendverwaltung, "muß aber mehr als bisher klar gemacht werden, daß Spielplätze nicht Tobeplätze für ungezogene Kinder sind, sondern ein für ihre Entwicklung unbedingt notwendiger Lebensraum."

 

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