1968 im Tagesspiegel : Die Unruhen unter Deutschlands Studenten aus französischer Sicht

Auch in Frankreich regten sich vor 50 Jahren de Studenten

Karl Puhlmann
Studenten demonstrieren in Paris im November 1967
Studenten demonstrieren in Paris im November 1967Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 14. März 1968 wurde über die Sicht der Franzosen auf die Unruhen an deutschen Universitäten berichtet.


Nicht nur die Deutschen quälen sich mit einem überalterten Universitätssystem herum, und nicht nur in der Bundesrepublik rebellieren die Studenten gegen die Gesellschaftsordnung. Wenn es eine europäische Gemeinsamkeit gibt, so liegt sie im geistigen Werdegang der Völker Europas, in ihren Bildungsformen und ihrem Erziehungssystem. Auch in Frankreich ist deshalb die Universitätsreform eine Notwendigkeit und ein Wagnis zugleich. Und selbstverständlich benutzen auch die französischen Studenten jede Gelegenheit, um ihre Ablehnung der Welt, wie sie ist, lärmend kundzutun.

Sie haben ihre anarchistischen und ihre leninistischen Klubs, sie prügeln sich mit der Polizei, sie hissen auf der Pariser Sorbonne die Fahne der Vietcong und sie besetzen die Studentenwohnheime, wenn sich die Verwaltung ein Aufsichtsrecht über die Lebensgewohnheiten der minderjährigen Studentinnen vorbehält. Aber niemand würde hier auf den Gedanken kommen, in den Äußerungen der Auflehnung oder der revolutionären Demagogie studentischer Minderheiten die Symptome einer Staatskrise zu sehen.

Hingegen war es für die Franzosen etwas Ungewohntes, die Studenten in Deutschland zur Kritik aufgelegt zu sehen. Interessiert blickte man hier auf, vielerorts mußte man sogar an sich halten, um den jungen Deutschen nicht offen Beifall zu klatschen, und auf jeden Fall verbarg man anfangs nicht die Sympathie für den jungen deutschen Mut zur Auflehnung.

Frankreich hatte der Ära Adenauers zwar diplomatischen Respekt gezollt, aber die Tonlosigkeit der öffentlichen Meinung in der Bundesrepublik war den Franzosen stets etwas unbehaglich. Und die unbekümmerten Töne der Studenten erschienen ihnen zunächst als das Zeichen, daß die Bundesrepublik eine richtige Demokratie geworden ist.

Dem wachsenden Extremismus der studentischen Meinungsäußerung in Westdeutschland und West-Berlin haben einige französische Beobachter in letzter Zeit allerdings weniger wohlwollende Betrachtungen gewidmet. Man möchte nicht gleich tadeln, was man gestern noch gelobt hat, doch beginnt mancher zu befürchten, daß in Deutschland auch die Kritiker wieder übertreiben könnten. Und zwar sind die zurückhaltenden Urteile über die westdeutschen Studentenkrawalle jetzt keineswegs nur von der politischen Rechten, sondern auch von Vertretern der politischen Linken zu hören.

Ein linksliberaler Publizist, der die Demokratisierung der studentischen Bewegung in Deutschland stets ermuntert hat und der auch weiß, daß die deutsche Universitätsverfassung unvergleichlich fortschrittlicher ist als die französische, meinte kürzlich, die deutsche Jugend steigere die Kritik an der Bundesrepublik bis zur Karikatur.

Nach anfänglicher Sympathie leises Unbehagen

Die Franzosen sind selbst leidenschaftliche Karikaturisten, aber nie tragen ihre Karikaturen das Merkmal der absoluten Verdammung, fast immer bleiben sie eine Form des Spiels. Dagegen scheint das Auftreten Dutschkes manche Franzosen wieder daran erinnert zu haben, daß die Deutschen das Volk sind, das noch stets versucht hat, mit allen Ideologien ernst zu machen.

Kein Land hat der faschistischen Ideologie wesentlichere philosophische Elemente geliefert als Frankreich, doch haben sich die Franzosen gehütet, die faschistischen Ideen in der Praxis massiv auszuprobieren. Und lange bevor die westlichen Mythen maoistischer Revolutionstechnik die deutschen Universitäten erreicht haben, waren sie in Paris eine intellektuelle Mode.

Der Philosoph und Revolutionär Régis Debray ist in seinem bolivianischen Gefängnis für die liberale Pariser Gesellschaft ein Nationalheld geworden. Aber das südamerikanische Revolutionsfeld, auf dem sich der Philosoph seine Umsturztheorien in der Praxis ansehen wollte, ist von Paris so weit entfernt, wie die östlichen Kampfräume, auf denen einst der junge André Malraux seine ersten Umsturzvisionen hatte; und in den Pariser Salons zweifelt man nicht, daß Debray nach seiner Rückkehr aus Bolivien dem großen Vorbild Malraux nacheifern und gleichfalls eine glänzende Pariser Schriftstellerkarriere machen wird. Alles scheint in Frankreich in der Literatur zu beginnen und zu enden.

Aber in Deutschland? Das Absurdeste und Monströseste sei dort schon Wirklichkeit geworden. Es gebe keinen Nihilismus, der von den Deutschen nicht ausprobiert worden sei. Und schließlich sei das heutige Deutschland kein normaler Staat, es befinde sich in einer Ausnahmesituation, es sei gespalten und politisch abhängig.

In der Zeitung "Le Monde" konnte man so in den vergangenen Wochen eindringliche Mahnungen an die Adresse der westlichen und östlichen Alliierten lesen, nicht allzu schroff mit den Deutschen umzuspringen. De Gaulles Herrschergewohnheiten wurden dabei nicht übergangen; und die Analyse der gaullistischen Diplomatie, die nach der jüngsten deutsch-französischen Konferenz von "Le Monde" veröffentlicht wurde, kann in ihrer Schonungslosigkeit für das Selbstgefühl der Bonner Regierung kein Balsam gewesen sein. Nicht wenige Franzosen fürchten eben, daß sich außenpolitische Demütigungen rächen. Und nichts könne Deutschland weniger gebrauchen als das Erstarken der nationalistischen Rechten.

Die jungen intellektuellen Linksstürmer auf den Universitäten mögen allein ungefährlich bleiben. Doch ihr mögliches indirektes Zusammenwirken mit dem anderen Extrem läßt manchen Franzosen nichts Gutes ahnen.

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