1968 im Tagesspiegel : Ein halbes Eigentor schlug den Torso des Weltmeisters - Franz Beckenbauers Schuß in der 81. Minute von Labone in das eigene Tor abgefälscht

Vor 50 Jahren gewann Deutschland gegen Weltmeister England - erstmals im 13. Länderspiel

Eberhard Willig
Franz Beckenbauer schoß das entscheidende Tor gegen Englands Torwart Gordon Banks.
Franz Beckenbauer schoß das entscheidende Tor gegen Englands Torwart Gordon Banks.Foto: Sven Simon/imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 2. Juni 1968 beschrieb der Tagesspiegel den Fußballerfolg des Vortages.


Ausgerechnet im 13. Länderspiel hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fertiggebracht, was sie seit 1908 vergeblich versuchte: Den ersten Sieg über England. Er steht mit 1:0 zu Buche, und schon bald wird niemand mehr danach fragen, wie er zustande kam und wie schlecht das Spiel vor 80 000 Zuschauern im Niedersachsen-Stadion gewesen ist. Neun Minuten vor Schluß eines der klasseärmsten Länderspiele der letzten Jahre schoß der bis dahin stark enttäuschende Münchener Franz Beckenbauer das Tor des Tages. Der englische Verteidiger Labone verfälschte die Flugbahn des Balles so, daß Torhüter Banks, einer der vier verbliebenen Spieler aus der Weltmeisterelf von 1966, nichts mehr zu halten hatte. Eigentlich dauerte das Länderspiel nur neun Minuten - eben die neun Minuten der Schlußphase, in der die Zuschauer jetzt "Ri-ra-ro - England ist K.o." und "Deutschland vor - noch ein Tor" rieten, nachdem sie vorher lange Zeit grabesstill gewesen waren und sogar "Aufhören - aufhören" angestimmt hatten. Doch im Endeffekt zählt nur das Resultat. Ob es den Engländern recht ist, mit diesem 0 :1 in der kommenden Woche in die Endrunde der Europameisterschaft nach Italien zu gehen, muß bezweifelt werden.

Die drohenden Gewitterwolken rings um das Niedersachsenstadion konnten die Stimmung der 80 000 Zuschauer nicht trüben. Schon vier Stunden vor Spielbeginn hatte man die ersten Tore geöffnet, und ein temperamentvolles Schülerspiel unterhielt die Menge, bis schließlich eine britische Militärkapelle einmarschierte, in geschickten Formationen den Beifall der Zuschauer herausforderte und dann gemeinsam mit einem Bundeswehrmusikzug erst die britische und dann die deutsche Hymne spielte. Der britische Musikmeister dirigierte die britische und der deutsche die deutsche Hymne, gewiß nicht alltäglich bei einem Fußball-Länderspiel.

Wolfgang Overath gewann die Platzwahl, und die Diskussionen der Zuschauer ebbten ab. Man sah Uwe Seeler neben Helmut Schön auf der Auswechselbank sitzen, und als während der ersten 45 Minuten ein paarmal Sprechchöre "Uwe, Uwe" aufkamen, da winkte der Hamburger ab, wenngleich es ihm gewiß in den Füßen juckte. Ginge es nach seinen Kameraden, soll er doch noch einmal im Nationaltrikot spielen.

Der Schalker Fichtel war als Ausputzer letzter Mann, der Bremer Max Lorenz konnte sich nach Herzenslust austoben, denn er hatte praktisch keinen direkten Gegenspieler. Schade, daß in den ersten 45 Minuten der Tatendrang des Bremers so selten ausgenutzt wurde.

Nach sieben Minuten ergab sich eine große Chance für Bernd Dörfel nach einer Flanke von Löhr, aber der Hamburger hatte den Ball nicht richtig auf den Fuß bekommen und so wurde nichts aus der, genau genommen, einzigen Chance der Deutschen vor der Pause.

Härte statt Format

 Es zeigte sich sehr bald, daß diese ersatzgeschwächte englische Auswahl keinesfalls weltmeisterliches Format hatte, so wie die Deutehen nicht die Qualität eines Vize-Weltmeisters mit auf den Rasen brachten. Vier Weltmeister und drei Deutsche vom Wembley-Finale 1966 waren ja nur noch dabei. So litt das Spiel unter vielen Fehlpässen, unter schlechtem Zuspiel und, das muß leider auch gesagt werden, unter zeitweilig recht rücksichtsloser Härte der Briten. Manchmal dachte ich an Göttingen 05-Hertha, als speziell der ruppige Hurst kein Pardon kannte und oft hinter dem schützenden Rücken des Schiedsrichters sich Dinge erlaubte, die normalerweise zu Feldverweisen hätten führen müssen. Der Holländer van Ravens, in Cardiff beim Europapokalspiel des HSV ein souveräner Leiter, ließ sich auch diesmal nicht die Butter vom Brot nehmen. Die unberechtigten Pfiffe der Zuschauer zeigten ihre mangelnde Regelkenntnis und wenig Sachverständnis.

Besonders, als deutsche Spieler verletzt am Boden lagen, erregte sich die Menge, weil van Ravens eben nur den Masseur und sonst niemanden auf das Spielfeld ließ. Das ist bei ihm so üblich und damit hat er sich überall, wo er bisher pfiff, Respekt verschafft.

  Dörfel zu sehr vernachlässigt

 Der Schalker Fichtel riskierte einige Vorstöße nach vorn, aber entwertete dieses blitzschnelle Einschalten in den Angriff durch eigenes schlechtes Zuspiel. Erste Erregung in der 13. Minute nach einem üblen Foul an Weber; man glaubte schon, nun müßte Heidemann einspringen, aber Weber biß die Zähne zusammen und spielte weiter. Die Deutschen ließen den Ball nicht laufen, sie dribbelten zuviel, sie suchten zu spät den freien Mann zum Abspiel, wenn sich überhaupt einer anbot. Und sie vernachlässigten fast die gesamte erste Halbzeit hindurch den rechten Flügel, vor allem Dörfel. Die Zuschauer wurden schon ungeduldig, denn der Hamburger bekam selten einen Ball zugespielt. Erst in den letzten zehn Minuten änderte sich das etwas, und wieder war es Dörfel, der wie schon zu Anfang eine gute Torchance nicht verwerten konnte.

Die einzige echte Chance der Briten nach einer prächtigen Kombination von Ball über Hurst zu Bell, der jedoch knapp am Tor vorbeikötifte. In der 44. Minute noch ein Schuß von Löhr, aber er konnte Torhüter Banks nicht erregen.

 Overath bremste Angriffsspiel

 „Hoffentlich wird das Spiel in der zweiten Halbzeit besser", meinte unser Londoner Kollege Desmond Hackett. „Im Wembley-Stadion hätte es längst schon den „Slow handclap“ als Mißfallenskundgebung gegeben!" Doch es besserte sich nichts. Zwar begannen unsere Spieler etwas temperamentvoller, aber Overath war der Mann, der das Angriffspiel bremste. Es wurde weiterhin viel zu sehr in die Breite gespielt und das Flügelspiel vernachlässigt. Und die Engländer blieben dabei, wenig ehrgeizig zum Teil sogar aus dem Stand zu spielen.

 Da war Banks machtlos

 So schliefen die Zuschauer fast ein. Doch dann kam die 81. Minute. Franz Beckenbauer erlief sich im Mittelfeld den Ball, wurde überhaupt nicht angegriffen und stürmte in den englischen Strafraum. Als er abschoß, flog Gordon Banks in seinem kanariengelben Sweater in die richtige Ecke, doch der Verteidiger Labone bekam ein Bein an den Ball und von dort flog die Kugel unhaltbar für den englischen Schlußmann ins Netz.

Riesenjubel, jetzt wachten die Zuschauer auf und die deutsche Mannschaft mit ihnen. Aber so sehr der Nürnberger Ludwig Müler, der neben Lorenz, Weber und Dörfel zu den besten Deutschen zählte, noch einmal das Angriffsspiel ankurbelte, ein zweiter Treffer blieb ebenso aus wie der Ausgleich, den die geschockten Engländer nun doch noch zu erkämpfen versuchten.

Alt-Bundestrainer Sepp Herberger meinte: „Wir haben gewonnen, was will man mehr. Auf welche Art und Weise der Sieg errungen wurde, davon spricht später niemand mehr. Die deutsche Elf kämpfte in der zweiten Halbzeit bravourös."

 

Deutschland: Wolter; Vogts, Lorenz, Ludwig Müller, Fichtel; Weber, Bernd Dörfel; Beckenbauer, Löhr, Overath, Volkert. England: Banks; Newton, Knowles, Hunter, Labone; Bobby Moore, Ball; Bell, Summerbee, Hurst, Thompson. Schiedsrichter: Lou van Ravens (Holland), Zuschauer: 80 000. Torfolge: 81. Minute 1 : 0 Labone (Eigentor)  

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