1968 im Tagesspiegel : Erste Kernspaltung in Berlin - Zum Tode des Nobelpreisträgers Otto Hahn

Vor 50 Jahren starb der Nobelpreisträger Otto Hahn

Ernst H. Haux
Lise Meitner mit Otto Hahn im Labor des Kaiser Wilhelm Institutes für Chemie 1925.
Lise Meitner mit Otto Hahn im Labor des Kaiser Wilhelm Institutes für Chemie 1925.Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 30. Juli 1968 veröffentlichte der Tagesspiegel den Nachruf auf den Berliner Wissenschaftler Otto Hahn.

"Von allen Präsidenten, die unsere Gesellschaft gehabt hat, wird Otto Hahn gewiß derjenige bleiben, der am meisten geliebt worden ist!" Diese Worte aus dem Munde seines Amtsnachfolgers Adolf Butenandt  gesprochen auf der Hauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft im Mai 1960 in Bremen  charakterisieren treffend die Persönlichkeit eines Forschers, dessen Erkenntnisse wie kaum andere unser 20. Jahrhundert und die Zukunft der Menschheit beeinflußt haben.

Liebe mehr noch als Sympathie, Achtung und Verehrung schlug dem Menschen Otto Hahn entgegen, wo immer er sich zeigte in den letzten Jahren: auf Kongressen und Tagungen, bei wissenschaftlichen Ausstellungen und Feierlichkeiten, bei Empfängen in der Vaterstadt Frankfurt a. M. oder an seinem Göttinger Wohnsitz. Am glücklichsten fühlte er sich wohl, alle Jahre wieder, in Lindau am Bodensee: 16mal hat er an dem sommerlichen "Familienfest" der Nobelpreisträger teilgenommen, im Mittelpunkt, umdrängt von jungem Forschernachwuchs  stets mit einer guten Zigarre im Mund, mit einem wohlgefälligen Auge bei hübschen Mädchen und mit einem freundlichen Wort auch für die aufdringlichsten Fragesteller.

Und was ist Otto Hahn, der bescheidene, fröhliche und väterlich-gütige Mensch, in seinem langen Leben nicht alles gefragt worden! Vor allem wohl das eine: Ob er nicht an der Atombombe gearbeitet habe? Hunderten von interviewenden Ignoranten hat er lächelnd erklärt: Nein, man tue ihm unrecht, er sei wirklich nicht der "Großvater der Atombombe". Er habe überhaupt niemals an so etwas gedacht.

Unwägbar-winzige Substanzen

 Ja, an was dachte er denn, damals vor bald 30 Jahren, als seine vertraute Mitarbeiterin Lise Meitner außer Landes gegangen war und er allein mit Fritz Straßmann in seinem Laboratorium saß, tage und nächtelang schwierige Meßreihen unternahm, um unwägbar winzige radioaktive Substanzen zu erfassen? Die bei den Forscher hatten Uran mit Neutronenstrahlen bombardiert und erwarteten nun, überschwere „transuranische" Elemente zu finden, die durch Kernumwandlung aus dem Uran entstanden sein sollten. Doch die minuziös genaue chemische Analyse zeigte etwas ganz anderes - etwas, das anscheinend allen physikalischen Vorstellungen widersprach: Barium, ein mittelschweres Element. Zunächst reserviert, dann immer sicherer folgerte Hahn: Der Uran-Kern „zerplatzte" in zwei ungefähr gleichgroße Hälften. Lise Meitner, von dem Befund brieflich unterrichtet, interpretierte zu treffend: "Nuclear fission" - Kernspaltung! Die große, epochemachende Entdeckung der neueren Naturwissenschaft war getan, wenige Monate vor dem Ausbruch des Krieges.

Seit der ersten Ingangsetzung eines Kernreaktors vier Jahre später, seit dem Feuerblitz von Hiroshima und Nagasaki wissen wir, was die Technik aus der Forschertat - im Guten wie im Bösen - gemacht hat. Otto Hahn ging  es niemals darum, als „Prometheus des Atomzeitalters" gefeiert oder verdammt zu werden. Er war ein Gelehrter, den — wie er selbst sagte — „Zufall und Glück bei seiner Arbeit begleitet haben". Sehr genau wußte Max Planck, wie es darum stand. Nach Hahns Antrittsrede vor der Berliner Akademie sagte er ihm von seinem Präsidentensitz: „Wenn Sie beim Rückblick auf ihren Entwicklungsgang gerade dem glücklichen Zufall eine bedeutsame Rolle für den Forscher zuschreiben möchten, so meine ich: Es gibt in der Wissenschaft wohl gelegentlich Verdienst ohne Glück, niemals aber Glück ohne Verdienst!"

 Beginn in einer Werkstatt

 Solche Verdienste hat Otto Hahn, der am 8. März vor 89 Jahren geboren wurde, sich schon als junger Mensch erworben. Kurz nach der Jahrhundertwende in Marburg promoviert, machte er in London, im Laboratorium Sir William Ramsays, die erste Bekanntschaft mit dem Phänomen der Radioaktivtät. In Montreal wurde er Mitarbeiter des großen Physikers Sir Ernest Rutherford, entdeckte dort neue aktive Elemente, kehrte in die Heimat zurück und habilitierte sich 1907 bei Emil Fischer in Berlin. In einer Werkstatt im Keller des Institutsgebäudes begann seine mehr als dreißig jährige gemeinsame Arbeit mit der Physikerin Meitner.

Im Jahre 1912 - Straßmann besuchte gerade die Sexta - wurde das Kaiser-Wihelm Institut für Chemie in Berlin-Dahlem eröffnet, Hahn übernahm die Leitung der Radium Abteilung und wurde 1928 Direktor des Instituts. Mit der Entdeckung des Elements Nr. 91 Protactinium" und der Entwicklung wichtiger neuer radiochemischer Methoden wurde diese Forschungsstätte bald weltbekannt. Dem Nazi Regime stand Hahn stets ablehnend gegen über, er hatte für unwissenschaftliche Doktrinen und Rassenideologien nur Verachtung. Nach dem "Anschluß" mußte die Österreicherin Lise Meitner nach Schweden emigrieren. Hahns Institut, soweit es nicht in die Schwäbische Alb verlagert wurde, zerstörten die Bomben.

 Nachricht im Internierungslager

 Im Herbst 1945, in einem streng bewachten Internierungslager in England, erreichte ihn die Nachricht von der Verleihung des Chemie Nobelpreises für 1944. Doch erst im Dezember 1946 konnte er in Stockholm die höchste Auszeichnung der Wissenschaft entgegennehmen. Schon damals war er in Göttingen spontan zum Präsidenten der wiedererstandenen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gewählt worden, die ihren Namen in "Max-Planck-Gesellschaft" änderte. Hahn hat dieses angesehene und verantwortungsschwere Amt bis in sein 82. Lebensjahr hinein bekleidet. Auch späterhin, als Ehrenpräsident, bemühte er sich mit Erfolg um die Wiederherstellung des Ansehens, das die deutsche Wissenschaft seit je in der Welt genoß. Ihm ist auch wesentlich die Wiedergeburt der Forschung in der Bundesrepublik zu verdanken. Im In und Ausland überhäufte man ihn mit Ehrungen: Der erste Bundespräsident Heuss überreichte ihm das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, Hahn wurde mehrfacher Ehrendoktor und Ehrenbürger von Berlin, Göttingen und Frankfurt. Doch am schwersten wiegt das bleibende Andenken unter den Menschen unserer Zeit - Wissenschaftlern wie Laien - an den Menschen Otto Hahn, der das Feuer der Atomkerne in die irdische Freiheit setzte.

 

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