1968 im Tagesspiegel : Schüler lernen immer besser

Tests widerlegen Vorurteil - Frühere Generationen waren dümmer

Schulkinder auf dem Weg zur Schule in den 60er Jahren
Schulkinder auf dem Weg zur Schule in den 60er JahrenFoto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 2. März berichtete die Zeitung über Schulleistungstests.

Die Schüler werden von Jahrgang zu Jahrgang dümmer, so besagt es eine weitverbreitete Vorstellung, die vor allem in den Köpfen von Lehrern, Eltern und Erziehern herumspukt. Doch das, Gegenteil ist der Fall: Die Schüler von heute leisten mehr als ihre Altersgenossen früherer Generationen. Mit einem Schulleistungstest gelang dem in Fachkreisen als "Testpapst" gerühmten Berliner Psychologen Dr. Karlheinz Ingenkamp der Nachweis, daß die Schüler in den letzten zwanzig Jahren keineswegs dümmer geworden sind.

Ein glücklicher Umstand, wie er einem Forscher nicht alle Tage begegnet, ermöglichte es ihm, das Können von mehr als tausend Schülern des Berliner Bezirks Tempelhof mit den Leistungen ihrer Vorgänger aus dem Schuljahr 1949 zu vergleichen. Damals waren sämtliche Schüler der sechsten Klassen dieses Bezirks mit drei Schulleistungstests untersucht worden. Nur durch Zufall gelangte jetzt Dr. Ingenkamp in den Besitz der Ergebnisse.

Wie er in der zweiten Probenummer der modern aufgemachten Lehrerzeitschrift "betrifft: erziehung" (Verlag Julius Beltz) berichtet, wiederholte er vor kurzem die gleichen Tests - wiederum an allen sechsten Klassen desselben Bezirkes. Geprüft wurden diesmal wie damals die Fähigkeiten im Rechtschreiben, im Lesen und im Rechnen. Bevor er jedoch die Schüler in Klausur schickte, befragte Ingenkamp deren Lehrer, ob ihrer Meinung nach die Leistungen der Schüler gegenüber der früheren Schülergeneration besser oder schlechter geworden oder ob sie gleich geblieben seien. Die meisten Lehrer erklärten, die Leistungen der Schüler hätten sehr stark nachgelassen…

Um so erstaunlicher klingen die Ergebnisse der Tests. Im Rechtschreiben und im Rechnen waren die durchschnittlichen Leistungen im Vergleich zu 1949 um fast ein Zehntel, im Lesen sogar ungefähr um ein Viertel gestiegen. Zwar wurden bei der Groß- und Kleinschreibung, mit der selbst Erwachsene selten ohne Duden fertig werden, keine Verbesserungen erzielt. Aber ohne diese Klippe wären die Rechtschreibleistungen der heutigen Schüler noch um weit mehr als nur zehn Prozent besser geworden.

Mit den Ergebnissen konnte der Forscher sehr zufrieden sein. Denn den Anstoß dazu, die - nun widerlegte - Frage zu untersuchen, ob die Schüler immer dümmer werden, hatten vor allem von ihm gelesene historische Werke gegeben. "Wenn diese sich ständig wiederholenden Klagen berechtigt wären, so dürfte heute im Vergleich zum Status von 1820 niemand von uns mehr eine Universität besuchen oder eine leitende Funktion ausüben können," schreibt Dr. Ingenkamp. Daß solche Unkenrufe nicht berechtigt sind, darf nunmehr als wissenschaftlich untermauert gelten.

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