1968 im Tagesspiegel : Schütz tritt bei Stoph für Passierscheinregelung zu Ostern ein

Brief an den "Vorsitzenden des Ministerrates der DDR" bestätigt

Bis 1966 gab es vier Passierscheinabkommen, die den Berlinern Verwandtenbesuche zu den Feiertagen möglich machten. Erst das Viermächteabkommen über Berlin von 1971 ermöglichte den Bewohnern von West-Berlin danach wieder regelmäßig den Besuch des Ostteils der Stadt. Der Vorstoß von Bürgermeister Klaus Schütz vor Ostern 1968 blieb erfolglos. Auf dem Foto der Grenzübergang Oberbaumbrücke im Jahr 1964.
Bis 1966 gab es vier Passierscheinabkommen, die den Berlinern Verwandtenbesuche zu den Feiertagen möglich machten. Erst das...Foto: dpa

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 3. März wurde die Initiative zur Passierschein-Regelung zu Ostern 1968 von Bürgermeister Klaus Schütz bestätigt.

Das Senatspresseamt hat gestern mittag bestätigt, daß der Regierende Bürgermeister Schütz ein Schreiben an den "Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Herrn Willi Stoph" gerichtet hat, in dem sich Schütz für eine neue Passierschein-Regelung zu Ostern verwendet.

In einer Mitteilung des Senatspresseamtes heißt es, der Brief sei "dieser Tage" geschrieben worden. Es werde darin der Wille des Berliner Senats unterstrichen, den Menschen in der geteilten Stadt das Leben zu erleichtern. Dieses Ziel solle ungeachtet aller unterschiedlichen Auffassungen so rasch und so unbürokratisch wie möglich angestrebt werden.

Am Sonnabendmorgen hatte das Senatspresseamt die Meldung des Tagesspiegels über den Brief von Schütz an Stoph noch dementiert, dann jedoch das Dementi zurückgezogen, aber zunächst weiterhin jeden Kommentar verweigert.

Schütz hatte kurz nach seinem Amtsantritt an den Ost-Berliner Oberbürgermeister Fechner geschrieben und darin seine Bereitschaft erklärt, mit den zuständigen Behörden in Ost-Berlin Passierschein-Gespräche zu führen. Gleichzeitig hatte er ein Schreiben an den "Stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Heim Abusch", gerichtet, in dem er diesen von seinem Schritt unterrichtete und um Unterstützung dieser Initiative durch die zuständigen Behörden bat. Fechner hatte den Brief von Schütz als angeblich unzuständiger Empfänger zurückgehen lassen; Abusch hatte nicht geantwortet. Diesmal wendet sich Schütz als erster Regierender Bürgermeister an den sowjetzonalen Ministerpräsidenten Stoph direkt.

Die ursprüngliche Initiative von Schütz war von einem gleichzeitigen Briefwechsel zwischen Kiesinger und Stoph begleitet worden, in dem der Bundeskanzler jedoch nur die Anrede "Vorsitzender des Ministerrats" gebrauchte.

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