1968 im Tagesspiegel : Senat hält an Ausbau des Flughafens Tegel fest

Dem Ausbau des Flughafens Tegel galt vor 50 Jahren die Zukunft

Hans von Przychowski
Das Foto zeigt Besucher einer Ausstellung auf dem Flughafen Tegel 1977
Das Foto zeigt Besucher einer Ausstellung auf dem Flughafen Tegel 1977Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 7. Februar 1968 ging es um den Ausbau des Flughafens Tegel.

Der Berliner Senat hält an den Ausbauplänen für den Flughafen Tegel fest und wird die Abfertigungsanlagen auf dem Zentralflughafen Tempelhof nicht grundlegend erweitern. Dies geht aus dem gestern vom Senat gebilligten Bericht von Senator König über die Berliner Flughafen-Situation hervor, der im Auftrag der drei im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien erarbeitet worden ist. Der Beschluß kommt nicht überraschend, da der Berliner Flughafen-Direktor Loebermann bereits vor der Fertigstellung des Berichts am 30. Januar mitgeteilt hatte, daß Ende dieses Jahres der erste Spatenstich für das Projekt Tegel-Süd gemacht werden solle.

Der Tagesspiegel hatte am 22. Oktober 1967 eine Neuorientierung der Berliner Flughafen-Planung gefordert. Am 6. Dezember 1967 hatten die drei Parteien gemeinsam den Senat aufgefordert, einen Bericht über die Flughafen-Planung vorzulegen. Dieser gestern vom Senat gebilligte Bericht prophezeit, daß im Jahre 1972 im Berliner Flugverkehr 4,2 bis 4,7 Millionen Flugpassagiere zu erwarten seien. In dem Bericht wird erklärt, es beständen auf dem Zentralflughafen Tempelhof, auf dem etwa 3,5 Millionen Passagiere maximal abgefertigt werden könnten, "keine Erweiterungsmöglichkeiten". Wörtlich heißt es: "Die Abfertigungsanlagen im Flughafengebäude bilden einen Engpaß, der nicht erweitert werden kann."

Der Senat bestätigt, daß in Tegel-Süd eine neue Abfertigungsanlage errichtet werden soll, deren erste Ausbaustufe im Jahre 1973 betriebsbereit sein werde und in der maximal drei Millionen Passagiere abgefertigt werden konnten. Für diese Ausbaustufe würden Finanzmittel in Höhe von 123 Millionen DM benötigt. Ferner sei eine zweite Ausbaustufe bis zu einer Kapazität von maximal sechs Millionen Passagieren geplant, für deren Fertigstellung jedoch noch kein Termin genannt wurde. Der gesamte Flughafen Tegel-Süd werde 230 Millionen DM erfordern.

Wie sich der Senat die Funktionsverteilung unter den beiden Berliner Flughäfen vorstellt, geht aus folgenden Sätzen hervor: "Da Tempelhof weiteren Verkehrszuwachs nicht ohne Störung aufnehmen kann, ist vor allem für neue Kapazität zu sorgen, die allerdings erst 1973 zur Verfügung steht. Unter diesen Umständen kann die Planung nicht verschoben werden, bis vorab die Frage der Funktionsverteilung zwischen Tempelhof und Tegel geklärt ist. Die Luftverkehrsgesellschaften werden unter dem Druck wachsender Enge in Tempelhof in den kommenden Jahren zur Verlagerung von Verkehr nach Tegel gezwungen sein."

In dem Senatsbericht wird schließlich zur Lärmsituation Stellung genommen und erklärt, daß der Flughafen Tegel hinsichtlich der Lärmbelästigung günstiger liege als Tempelhof. Neue Maßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung des Flughafens Tempelhof werden nicht angekündigt.

 Stellungnahmen von BEA und PAA

 Die Deutschland-Direktion der britischen Fluggesellschaft BEA hat gestern auf Anfrage erneut bestätigt, daß ein Teilumzug der BEA von Tempelhof nach Tegel nicht in Frage komme. Die BEA könne, so wurde versichert, ihren gesamten Flugbetrieb nach Tegel nur dann verlegen, wenn auch die PAA Tempelhof verlasse. Die Deutschland-Direktion der PAA betonte, es sei zu früh, heute Pläne zu machen für Maßnahmen, die 1973 zur Diskussion ständen. Auch über einen Teilumzug habe sich die Gesellschaft bisher keine Gedanken gemacht. Aus dieser Formulierung läßt sich schließen, daß die PAA zumindest bis 1973 voll in Tempelhof bleiben wird.

Der Senatsbericht ist widersprüchlich und hält an längst überholten Vorstellungen fest.

1. Der Senat erklärt, in Tempelhof könnten maximal 3,5 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Nach alliierten Schätzungen lassen sich maximal vier Millionen Passagiere abfertigen.

2. Der Senat erklärt, in Tempelhof beständen keine Erweiterungsmöglichkeiten". Nach Ansicht von Luftfahrtexperten läßt sich die Kapazität der Abfertigungshalle jedoch durch Umbauten erheblich vergrößern.

3. Nach den Berechnungen des Senats müßte der Zentralflughafen Tempelhof bereits im nächsten Jahr überfüllt sein. Die Anlage in Tegel-Süd soll aber erst 1973 betriebsbereit sein. Die Frage, wo die Passagiere abgefertigt werden können, die nach Ansicht des Senats in Tempelhof keinen Platz mehr finden, bleibt unbeantwortet .

4. Das Kardinalproblem ist, welche Fluggesellschaft von Tempelhof nach Tegel umziehen soll. Die Feststellung des Senats, die Fluggesellschaften würden „unter dem Druck wachsender Enge in Tempelhof" zu einer Verlagerung nach Tegel gezwungen, ist naiv und erschreckend. Soll hier auf dem Rücken sich drängelnder Flugpassagiere die Durchsetzung der Senatspläne erzwungen werden? Die BEA hat bereits erklärt, sie denke nicht an einen Teilumzug nach Tegel und werde so lange in Tempelhof bleiben, wie es auch die PAA tue. Die PAA hat ebenfalls keine Umzugspläne. Beide Gesellschaften aber bewältigen rund 93 Prozent des gesamten Linienflugverkehrs. Unberücksichtigt bleibt in dem Senatsbericht ferner die Feststellung der in Tempelhof verantwortlichen Amerikaner, daß niemand gegen seinen Willen aus Tempelhof ausquartiert werde. Damit wäre der Plan des Senats, bis 1973 „Verkehr nach Tegel zu verlagern" bereits gescheitert.

5. Selbst wenn BEA und PAA ihren Flugbetrieb nach Tegel verlegen, wäre dieser Flughafen nicht in der Lage, den Betrieb beider Gesellschaften zu bewältigen. Die Liniengesellschaften kämen dann — wie es jetzt mit der Flugtouristik geschieht — in Tegel vom Regen in die Traufe, und die Enge wäre noch qualvoller als in Tempelhof. Denn, wenn die PAA ganz nach Tegel umzieht, folgt auch die BEA. Andererseits kann die PAA aus Konkurrenzgründen nicht einen Teil des Betriebes nach Tegel verlegen, wenn die BEA voll in Tempelhof bleibt.

6. Die Tatsache, daß der Flughafen Tempelhof gegenwärtig mit einem Millionenaufwand von den Amerikanern technisch erweitert wird, ist indem Senatsbericht unerwähnt geblieben. Fazit: Die Frage, wer den schönen neuen Flughafen Tegel-Süd einmal benutzen wird, ist weiter völlig offen. Die Abgeordneten werden in der Debatte über den Senatsbericht Antwort verlangen müssen, warum nicht der Flughafen Tempelhof mit erheblich geringerem finanziellem Aufwand erweitert wird, damit er den Berliner Flugverkehr auf absehbare Zeit bewältigen kann. Dann gäbe es bis 1973 keine Engpässe, und in den folgenden Jahren sicherlich auch nicht, da sich der Berliner Markt seiner Sättigungsgrenze nähert.

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