1968 im Tagesspiegel : Studenten über ihre Probleme

Vor 50 Jahren gab es die Rubrik "Studenten über ihre Probleme" im Tagesspiegel

der Studentenvertretung der Technischen Universität
Die Technische Universität stand zwischen 1968 und 1978 mehrmals im Mittelpunkt der Studentenbewegung.
Die Technische Universität stand zwischen 1968 und 1978 mehrmals im Mittelpunkt der Studentenbewegung.Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Diese den Studentenschaften zur Verfügung gestellte Rubrik erschien seit 1967 regelmäßig in jeder Dienstagausgabe unserer Zeitung. Für den Inhalt der darin veröffentlichten Artikel übernahm die Redaktion nicht die Verantwortung. Sie lag bei der jeweils unterzeichnenden Studentenvertretung oder Studentengruppe.

Demokratisierung - mit radikalen Methoden?

Die Universität in einem demokratischen Staat als Ausbildungsstätte für Ingenieure, Wissenschaftler, Lehrer muß, will sie ihre Funktion adäquat ausüben und keine isolierte Zelle innerhalb des Staates bilden, dessen demokratische Grundstruktur nicht nur bejahen, sondern auch selbst Demokratie praktizieren. Demokratische Lippenbekenntnisse, bei Politikern gang und gäbe, aber in der Gesellschaft kaum in die Praxis umgesetzt, wurden auch in der Universität seit dem Wiederaufbau nach 1945 abgegeben; bei der Organisation des Wissenschaftsbetriebes und der kooperativen Selbstverwaltung wurde allerdings "Entscheidungsökonomie" und "Leistungsfähigkeit", die sich in der autoritären und hierarchischen Struktur der Universität manifestieren, der proklamierten Demokratisierung vorgezogen.

Wenn wir der Meinung sind, man müsse die Gesellschaft in allen ihren Bereichen demokratisieren, müssen wir logischerweise an dem Ort beginnen, der unser primäres Wirkungsfeld darstellt: an der Universität. Wir fordern daher Beteiligung an den Entscheidungen über Lehre und Forschung, Abbau der noch immer extrem autoritären Universitätshierarchie und Öffentlichkeit von Prüfungen (die eines der wesentlichen Machtmittel der Professoren darstellen, weil sie zur Zeit noch völlig unkontrollierbar sind), Öffentlichkeit ferner von Senatssitzungen - allgemein: Einflußmöglichkeit der Studenten und Assistenten auf Entscheidungen durch vorheriges Offenlegen von Kriterien und Argumenten. Es zeigt sich sehr schnell, daß auch Professoren, die sich als "liberal" bezeichnen (wie der derzeitige Rektor der TU, Weichselberger), dieser Forderung nach Öffentlichkeit ängstlich ausweichen.

Die Deklamationen, zu denen man durch die studentischen Aktivitäten gezwungen wurde, sind zwar zahlreich, aber hohl. Stößt man in Diskussionen in die wortreichen Erklärungen (Godesberger Rektorenerklärung usw.) hinein und verlangt Detailauskünfte, stellt es sich immer wieder heraus, daß die geforderte "Transparenz" und "Kontrolle" nicht praktiziert werden soll. Die Öffentlichkeit, so die Professoren, sei schädlich. Sie sei auch ganz unnötig, denn alle Entscheidungsgründe und -Kriterien würden ja bekannt gegeben - nach der Entscheidung. Liest man dann noch in einer "Motivation" der Rektorenerklärung, verfaßt von Professor Rüegg, daß "die Grenze ... erreicht (ist), wenn die Forderung nach Drittelparität (Professoren-Assistenten-Studenten im Verhältnis 1:1:1 in den Gremien)… überhaupt nur diskutiert wird...", dann  wird klar, was die Professoren wollen: Durch ungefährliche Zugeständnisse an die drängenden Studenten ihre jetzige Position so weit wie irgend möglich halten, weiterhin hinter verschlossenen Türen entscheiden, damit in der Öffentlichkeit keine informierte Kritik möglich ist, und weiterhin ihren "Sachverstand" auf ihrem Fachgebiet als "Objektivität" ausgeben, die sie in die Lage versetze, das "Wohl der Universität" zu kennen und anzustreben. Daß ein hochspezialisierter Sachverstand, so groß er auch sein mag, keinen größeren Überblick über außerhalb des Fachs liegende Gebiete verschafft, sondern in den meisten Fällen den Überblick erschwert und die Objektivität unmöglich macht, wird nicht erkannt. Man sollte sich dann nicht wundern, wenn die Studenten angesichts der Diskrepanz zwischen liberalem Gerede und praktischem Handeln auf die Barrikaden gehen.

Ein Fall an der TU aus der letzten Zeit zeigt ganz deutlich, wie die Professoren zu handeln gedenken: Im Fach Soziologie wurde still, leise und heimlich ein neuer Professor berufen; die Studenten wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und mußten feststellen, daß durch die Berufung eines Spezialisten, der auch noch auf ein ähnliches Gebiet spezialisiert ist wie der bereits vorhandene Professor, das Berufsbild des Soziologen an der TU und das Selbstverständnis der Soziologie einseitig festgelegt wurde. Der Wunsch der Studenten nach einem modernen Soziologen interessierte nicht; was interessierte, war das Eigeninteresse des ersten Soziologen, der nur ein Anhängsel an seinen Lehrstuhl anstrebte, um unerwünschte Konkurrenz auszuschalten. Und all das passiert bei einem Rektor, der sich liberal gibt wie keiner seiner Vorgänger. Und der auch liberal ist. Nur: Er handelt, wie es ihm seine bzw. der Professoren Interessen gebieten, subjektiv, und glaubt dabei, objektiv das Interesse der Universität zu vertreten.

Daß das Interesse der Universität nur durch einen Ausgleich der verschieden gelagerten Interessen von Professoren, Assistenten und Studenten und durch institutionell gleichberechtigte Diskussion entstehen kann und daß dieser Ausgleich ermöglicht werden muß durch ein neues Universitätssystem, das die Entscheidungen demokratisiert durch eine Parität in den entsprechenden Gremien - wie kann das ein Professor begreifen, der gewohnt ist, zu herrschen wie ein absoluter Fürst, hofiert zu werden wie ein solcher und hinter verschlossenen Türen Entscheidungen mit seinen Kollegen auszuhandeln? Wir glauben, daß selbst ein liberaler Professor auf Grund dieser seiner Stellung die objektive Notwendigkeit der Drittelparität nicht erkennen kann. Deshalb müssen wir zu "radikalen" Mitteln greifen, müssen Druck ausüben, um etwas zu erreichen. Die Professoren müssen einen "Gegner" haben, der nicht wie bisher einfach übersehen werden kann.

Die Studentenvertretung der Technischen Universität

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