1968 im Tagesspiegel : Wachsendes Verständnis für kritische Studenten

Vor 50 Jahren bekamen die Demonstrationen von Studenten immer mehr Zuspruch aus der Bevölkerung

Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten wie 1967 bei der Anti-Schah-Demo vor dem Schöneberger Rathaus wurden weniger
Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten wie 1967 bei der Anti-Schah-Demo vor dem Schöneberger Rathaus wurden wenigerFoto: dpa

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 10. März 1968 wurde über das wachsende Verständnis für Demonstrationen von Studenten berichtet .


Nach der Vietnam-Demonstration vom 18. Februar und der Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg am 21. Februar ist die Toleranz der Bevölkerung gegenüber demonstrierenden Studenten gewachsen. Repressive Einstellungen haben abgenommen. Zu diesem Ergebnis kam eine Blitzumfrage, die das Institut für angewandte Sozialwissenschaft - "infas" - im Auftrage des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin vorgenommen hat. Das Institut befragte in der Zeit vom 23. bis 26. Februar insgesamt 301 repräsentativ ausgewählte West-Berliner über 18 Jahre nach ihrer Meinung über die Vietnam-Demonstration und die Schöneberger Kundgebung.

Unterstützung aus dem Volk steigt

Auf die Frage, was man tun sollte, wenn Studenten auf den Straßen demonstrieren, sprachen sich dreißig Prozent der Befragten dafür aus, die Studenten zu unterstützen, wenn sie recht hätten. Im November vorigen Jahres hatten nur 18 Prozent eine solche Meinung vertreten. Auch nahm die Zahl derjenigen zu, die die Studenten demonstrieren lassen wollen. Sie betrug 23 Prozent gegenüber 20 Prozent Ende 1967. Für harte Maßnahmen, wie die Studenten zu "verprügeln", sprachen sich zwei Prozent aus (entgegen fünf Prozent im vorigen Jahr). Lediglich neun Prozent (21) wollten noch den Studenten "das Studium verbieten" und sieben Prozent (14) möchten die Demonstrationen untersagen.

Über die Beweggründe politisch aktiver Studenten sind die Berliner der Umfrage zufolge geteilter Meinung. 37 Prozent der Befragten glauben - genausoviel wie voriges Jahr -, daß es den Studenten eher um "politischen Radau" gehe, während 35 Prozent ernsthafte Meinungsäußerungen vermuten. Eine solche Absicht hatten im vorigen Jahr nur 30 Prozent der Befragten den Studenten zubilligen wollen.

Nach Auffassung von "infas" haben sich die Berliner über die Vietnam-Demonstration gut informiert. Zwei Drittel der Interviewten hätten gewußt, daß der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) die Demonstration veranstaltet habe. Acht von jeweils zehn aller Befragten wußten, daß die Demonstration erst auf Grund der Entscheidung des Verwaltungsgerichts stattfinden konnte, nachdem der Senat sie zuvor untersagt hatte.

Lob für Verhalten von Polizei und Demonstranten

Daß die Demonstration ohne nennenswerte Zusammenstöße verlief, erklärten sich 52 Prozent mit dem disziplinierten Verhalten der Polizei und 49 Prozent mit dem disziplinierten Verhalten der Demonstranten.

Auch das Verhalten der Polizei bei der Vietnam-Demonstration wird günstiger beurteilt als bei den schweren Zwischenfällen vor der Deutschen Oper beim Schah-Besuch am 2. Juni 1967. Während das Vorgehen der Polizei im Sommer 1967 von 21 Prozent als völlig richtig bezeichnet wurde, waren es 54 Prozent, die diese Aussage bei der Frage nach dem polizeilichen Verhalten während der Vietnam-Demonstration machten.

Das Verhalten der Studenten wurde ebenfalls günstiger beurteilt. Während nur ein Prozent für das Verhalten vor der Deutschen Oper die Bezeichnung "völlig richtig" wählte, waren es für die Vietnam-Demonstration 16 Prozent. Die Zahl derjenigen, die das Verhalten der Studenten für "im Grunde genommen verständlich" hielten, stieg von 10 Prozent für die Ereignisse vor der Oper auf 28 Prozent für die Vietnam-Demonstration. Diese Toleranz ist der Umfrage zufolge weniger auf eine Identifikation mit den Demonstranten als auf den ordentlichen Ablauf der Demonstrationen und die "demokratische Gelassenheit" der Bevölkerung zurückzuführen.

Die Entscheidung, vor dem Rathaus eine Kundgebung abzuhalten, wurde von 72 Prozent der Befragten für richtig befunden. 21 Prozent meinten, man hätte besser darauf verzichten sollen, während sieben Prozent keine Meinung äußerten. Dazu stellt das Institut fest: "Die Notwendigkeit, auf die Vietnam-Demonstration am Sonntag wegen ihrer anti-amerikanischen und prokommunistischen Prägung eine Antwort der Berliner zu geben, wurde also auch nach den Ausschreitungen am Rande der Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg bejaht." Vergleiche mit Umfragen aus dem übrigen Bundesgebiet, die allerdings vom Sommer 1967 stammen, zeigen, daß die Bevölkerung Berlins stärker geneigt ist, den aktiven Studenten Toleranz entgegenzubringen.

Alle Artikel der Themenseite 1968 im Tagesspiegel finden Sie hier.