1968 im Tagesspiegel : Wie man für 1000 DM zur Dame wird und was man damit anfangen kann

Vor 50 Jahren wurde ein Institut für Persönlichkeitsbildung junger Frauen vorgestellt

Ein Ausriss aus der Tagesspiegel-Ausgabe vom 20. Juni 1968
Ein Ausriss aus der Tagesspiegel-Ausgabe vom 20. Juni 1968Foto: screenshot

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 20. Juni berichtete der Tagesspiegel über die erste deutsche WIS-Akademie.

Als "kreatives Team eines jungen Dienstleistungsunternehmens" stellte sich gestern der WIS (Welcome International Service) vor: 250 Mädchen im schmucken Alter zwischen 21 und 30 Jahren haben sich bereits in der ersten deutschen WIS-Akademie (weitere folgen in Düsseldorf, München und Frankfurt) zu vielseitig dienstbaren "Damen von heute" ausbilden lassen. Am Kurfürstendamm 59/60 in einer feudal hergerichteten Etage bekamen sie für den Gegenwert von baren tausend Mark 60 Stunden Unterricht - jetzt können sie von jedermann einzeln oder gruppenweise beim WIS zu einer Mindestleihgebühr von sechs Mark pro Stunde gemietet werden. Und zwar als Stadtführerinnen, Dolmetscherinnen (in 16 Sprachen), Sekretärinnen, Gesellschaftsdamen, Fotomodelle, Filmkomparsen, Babysitter und - nun wird's heikel - als "Abendbegleitung und Freizeitpartner".

Kundendienst nur bis Mitternacht

Was die Freizeitpartnerschaft anbelangt, so wollten die WIS-Herren gleich allen möglichen Mißverständnissen vorbeugen: "Also wir sind kein verkappter Call-Girl-Ring, die Dienstleistungen unserer Damen enden punkt Mitternacht - wer es dennoch tut, muß tausend Mark Konventionalstrafe bezahlen und fliegt raus!"

Dieses Risiko wird keine der so teuer Ausgebildeten ohne weiteres auf sich nehmen wollen, denn sonst wäre sie ja vergebens bei Susanne Erichsen „der Grazie ihres Schreitens bewußt geworden" (so drückte sich der Geschäftsführer aus), sie hätte vergebens die Schminkkünste für ein "ausdrucksvolles Antlitz", Tischmanieren sowie das Anlegen künstlicher Haarteile erlernt und sie hätte sich die Vorlesung über "Museen, in denen ich noch nicht war" ersparen können. Schließlich hätte auch "Madame Schindler" ihr nicht zur "Sicherheitserlangung in der Gesellschaft" verholten und darauf verzichtet, ihr die "Kunst des Zuhörens" beizubringen.

In Anbetracht dessen haben denn auch alle 250 hoch und heilig gelobt, ihren WIS-Kundendienst stets tugendsam auszuüben. Man kann dies alles freilich auch nur zum Spaß, also nicht zur Berufsausübung beim WIS-Lady-Service mitmachen - es wird versichert, es hätten schon zwei Ehefrauen "hochgestellter Persönlichkeiten" an den Tausend-Mark-Kursen teilgenommen, "nur, um sich als Damen zu vervollkommnen". Falls die Sache mit den Leih-Mädchen Erfolg verspricht, ist auch daran gedacht, dasselbe mit Herren zu machen; 60 Bewerber stehen schon in der WIS-Kartei und warten ungeduldig auf Gentleman-Unterweisung.

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