Arbeitgeber suchen Präsidenten : Wer kommt, wenn Kramer geht?

Der Präsident der Deutschen Arbeitgeberverbände ist amtsmüde. Große Hoffnungen ruhen auf Arndt Kirchhoff. Doch der Unternehmer aus NRW hat einen Konkurrenten.

Ingo Kramer ist seit sechs Jahren Präsident der Arbeitgeberverbände und wird derzeit bedrängt weiterzumachen.
Ingo Kramer ist seit sechs Jahren Präsident der Arbeitgeberverbände und wird derzeit bedrängt weiterzumachen.Foto: promo

Mehr Deutschland AG in einer Person geht nicht. Arndt Kirchhoff, global tätiger Unternehmer aus dem Sauerland, mischt überall mit. In Berlin als Vizepräsident von BDA (Arbeitgeberverband) und VDA (Autoverband) sowie als Präsidiumsmitglied des BDI (Industrie). In Nordrhein-Westfalen als Präsident der Metallarbeitgeber, der mit der IG Metall Tarifverträge abschließt. Kirchhoff, gleichermaßen geschätzt von Gewerkschaftlern und Arbeitgebern, ist ein Traummann der Sozialpartnerschaft. Im Januar wird der Sauerländer 65 Jahre, zieht sich aus der operativen Unternehmensführung zurück und hat noch mehr Zeit für die Verbände. Einsatzmöglichkeiten gibt es reichlich – doch was will Kirchhoff?

Kramer ist seit sechs Jahren im Amt

Zur Beantwortung der Frage braucht man Ingo Kramer. Der Metallunternehmer aus Bremerhaven, ein paar Jahre älter als Kirchhoff, ist Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), die sich um Sozial-, Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik kümmert. Kramer ist ein netter Kerl und versteht sich gut mit dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. Am BDA-Sitz im Haus der Wirtschaft in Berlin- Mitte hält sich der Hobbysegler Kramer eher selten auf. Er hat genug von dem Job – eigentlich. Nach sechs Jahren als Arbeitgeberpräsident wollte Kramer das Ehrenamt im November an einen Nachfolger übergeben – idealerweise an Kirchhoff. So war der Plan. Doch da ist noch Rainer Dulger, Präsident von Gesamtmetall und BDA-Vize. Ein Mann mit wenig Fortüne, dafür mit Ambitionen.

Arndt Kirchhoff ist beliebt bei Arbeitgebern wie Gewerkschaftlern -gute Voraussetzungen für den Job an der Verbandsspitze.
Arndt Kirchhoff ist beliebt bei Arbeitgebern wie Gewerkschaftlern -gute Voraussetzungen für den Job an der Verbandsspitze.Foto: dpa

Verbalattacken von Dulger

In diesem Sommer ist Dulger die schrillste Figur auf dem Personalkarussell der Verbände. Der Pumpenhersteller aus Heidelberg führt seit sieben Jahren Gesamtmetall, den Dachverband der Metallindustrie. Dulger würde gerne auf die große Berliner Bühne wechseln, wo man als Arbeitgeberpräsident repräsentiert, ein paar Reden hält und sich wichtig fühlen darf. Dulgers Ansprüche werden zwiespältig gesehen wird: Die Tarifpolitiker aufseiten der Arbeitgeberverbände und der IG Metall wären ihn gerne los, denn als Koordinator der Regionalverbände der Metallindustrie taugt Dulger nicht. Und als Tarifpolitiker auch nicht. Gewerkschaftler nehmen den 54-Jährigen schon lange nicht mehr ernst, und Arbeitgeber ärgern sich über den teuren und komplizierten Tarifabschluss 2018. Das Kalkül der Kritiker: Im repräsentativen Amt des Arbeitgeberpräsidenten könnte Dulger weniger Schaden anrichten als bei Gesamtmetall.

Vor zwölf Jahren hat Kirchhoff abgesagt

Doch ist ein Mann als die Stimme der Arbeitgeber vorstellbar, der gerade den CDU-Wirtschaftsminister und Merkel-Vertrauten Peter Altmaier als „schwächsten Minister“ in der Bundesregierung disqualifiziert hat? In der Berliner Verbändewelt, vor allem auch in der BDA, war man fassungslos ob Dulgers Attacke. Den Heidelberger will man auf keinen Fall ins Haus der Wirtschaft einziehen lassen. Im Mittelpunkt der Abwehrstrategie: Arndt Kirchhoff. Aber der Schalke-Fan aus Iserlohn zögert. Ähnlich wie vor zwölf Jahren – damals hatte er zugesagt, als Nachfolger von Dieter Hundt kandidieren zu wollen. Und sagte dann doch ab wegen unternehmerischer Belastung.

Der Herbst wird turbulent

Wenn Kirchhoff jetzt wieder nicht kommt, dann muss Kramer weitermachen. Zumal der Herbst heiß wird: Das Ende der Koalition ist möglich. Löst dann AKK Merkel ab? Wohin führt der Erfolg der Grünen? Und wie schlimm kommt es am 20. September, wenn die jetzige Regierung ihr Klimaschutzpaket vorstellt? Die Anspannung ist groß in der Wirtschaft. Und die Unzufriedenheit mit den eigenen Lobbyisten auch.

Die Arbeitgeber sind nervös

Über Rolle und Relevanz der Spitzenverbände wird in regelmäßigen Abständen diskutiert. Je schlechter die Geschäfte laufen, desto größer das Getöse. In den vergangenen Jahren war das Verhältnis von Funktionären und Politikern unauffällig und entspannt – zehn Jahre Aufschwung und Gewinnrekorde ließen den Bundesverband der Industrie (BDI) und die BDA steigende Sozialausgaben und hohe Strompreise verkraften. Jetzt hat sich der Wind gedreht. Donald Trump gefährdet das deutsche Exportmodell, und Robert Habeck steht vor der Tür. Die Nervosität steigt, der Ton wird schärfer. „Die Regierungspolitik schadet den Unternehmen“, rief BDI-Präsident Dieter Kempf im Juni beim Tag der Industrie der Bundeskanzlerin zu. „Es fällt uns schwer, in der Arbeit der Bundesregierung einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs zu erkennen. Die Regierung hat einen großen Teil des in sie gesetzten Vertrauens verspielt.“ Die Schärfe kam vor allem im Mittelstand gut an, dem die Interessenvertretung der Verbände gegenüber der Groko „zu weich gespült“ rüberkommt.

Rainer Dulger ist Präsident von Gesamtmetall - und würde gerne Arbeitgeberpräsident werden.
Rainer Dulger ist Präsident von Gesamtmetall - und würde gerne Arbeitgeberpräsident werden.Foto: picture alliance/dpa

Kampeters "Kuschelkurs"

Zum Beispiel Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer und dessen Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter – CDU-Politiker aus NRW und ehemals Finanzstaatssekretär, dem ein „Kuschelkurs“ gegenüber der Koalition vorgeworfen wird. Wenn Kramer die Regierung kritisiert und sich um die Höhe der Abgabenquote von 40 Prozent sorgt, dann klingt das so: „Die große Koalition beschließt aber leider zurzeit einiges in Sachen Renten-, Pflege- und Sozialpolitik, was dazu führen könnte, dass dieser Wert in künftigen Legislaturperioden wieder überstiegen wird.“ Und dann spannt der Mann aus Bremerhaven die Muskeln an. „Da sagen wir: Stopp – das darf so nicht passieren“, so Kramer kürzlich in der „Hannoverschen Allgemeinen“. Harte Kante eines Arbeitgeberpräsidenten, der Unmut und Ungeduld der Unternehmen artikuliert, klingt anders.

Gesamtmetall hat Geld

Deshalb hat der Gesamtmetaller Dulger mit seinen verbalen Ausfällen gegen Altmaier und gegen das Flächentarifsystem sowie die böse IG Metall versucht, sich als Bewerber um die BDA-Spitze zu profilieren. Dulger ist qua Amt jetzt schon einer der mächtigsten Funktionäre hierzulande. Gesamtmetall inklusive der Regionalverbände gehören mit zu den größten Spendenzahlern der Parteien und finanzieren mit einem dreistelligen Millionenbetrag die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, mit der die Industrie Einfluss auf die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Debatte nimmt.

Entscheidung am 25.9.

Dulger zu verhindern, ist nicht einfach – zur Not muss Kramer verlängern. Vielleicht auch nur um ein Jahr, bis klar geworden ist, wohin die politische Reise geht. Am 25. September fällt die Entscheidung im BDA-Präsidium. „Jetzt ist Sensibilität gefragt und nicht die Fähigkeit, auf den Tisch zu hauen“, beschreibt ein langjähriger BDA-Funktionär die Anforderungen in den kommenden Monaten.

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