Italien will eine Ausnahme für die "Biotüte" - die nicht wirklich bio ist

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Lobby höhlt EU-Plastiktütenverbot aus : Sauber eingetütet

Vor dem Kompromiss zwischen den Mitgliedstaaten wird noch um weitere Ausnahmen gerungen. Was passiert etwa mit jenen dünnen Tüten, in die der Metzger das Fleisch einpackt? Würde er es sonst nicht vielleicht in eine Schaumstoffschale einschweißen? „Wir wollen nicht eine umweltschädliche Verpackung durch eine noch umweltschädlichere ersetzen“, sagt ein EU-Diplomat. Das Parlament fordert eine Ausnahme für „hygienische Zwecke“.

Die Deutschen haben sich schon bereit erklärt, heißt es, auch einer geringfügig dickeren „Wandstärke“ zuzustimmen – die aber Papier-Mettler immer noch nicht wirklich gefährlich werden würde.

Umweltorganisationen sind über die deutsche Lobbyarbeit nicht glücklich. „Dann wird eben die Wandstärke leicht erhöht und die Probleme bleiben die gleichen“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. „Sie werden sich sogar noch verstärken, weil so mehr schädliches Material produziert wird.“ Eigentlich helfe nur, wie in vielen deutschen Supermärkten schon üblich, die Tüten nicht kostenlos rauszugeben. Das sollte dann aber auch für den restlichen Einzelhandel wie etwa Klamottenläden gelten.

Ganz gelassen kann der deutsche Tütenhersteller das Gefeilsche unter den Mitgliedstaaten trotzdem nicht sehen. Das liegt an den Sonderwünschen der Italiener. Das italienische Morbach heißt Novara. Hier sitzt Novamont, einer der größten Hersteller von sogenanntem Bioplastik. Die italienische Regierung, die derzeit auch den EU-Ratsvorsitz innehat, will die „Biotüte“ unbedingt ebenfalls vom neuen Gesetz ausnehmen. Das EU-Parlament hat in seiner Position auf Drängen italienischer Abgeordneter bereits dafür votiert.

Die EU-Kommission hatte bei ihrem Vorschlag bewusst keine Entscheidung zugunsten der „Biotüte“ getroffen, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse dürftig sind. Eine voll biologisch abbaubare Tüte gibt es noch nicht, sie besteht bisher nur zu etwa 30 Prozent aus Maisstärke, der Rest ist wie gehabt unverrottbares Plastik. Viele Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland, sind deshalb gegen die Ausnahme.

Bei Papier-Mettler in Morbach fürchten sie, dass der Konkurrent die Tüte auch ohne Sonderstatus auf den Markt wirft und Italiens Regierung nichts dagegen unternimmt. Dann hätte den Deutschen die Plastiktütenoffensive weniger genutzt, als erhofft.

Sicher ist in jedem Fall: Das „Plastiktütenverbot“, das Umweltschützer glücklich machen sollte und für EU-Kritiker schon jetzt als neuer Übergriff aus Brüssel herhalten muss, wird wohl mehr Ausnahmen als Regeln beinhalten.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 14. Oktober 2014 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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