Auf Fontanes Fährte (3): Kreuz und quer durch den Spreewald : Lagunenstadt im Taschenformat

Im August 1895 bereiste Theodor Fontane den Spreewald - selbstverständlich im typischen Holzkahn. Seine eindrucksvolle Tour ist noch immer möglich.

Belebtes Wasser. Wohin man im Spreewald auch kommt, irgendein Gewässer, auf dem Kähne oder Kanuten unterwegs sind, ist immer in der Nähe. Hier ein Bild aus dem Lübbenauer Ortsteil Lehde.
Belebtes Wasser. Wohin man im Spreewald auch kommt, irgendein Gewässer, auf dem Kähne oder Kanuten unterwegs sind, ist immer in...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Spreewald? Hat sich nicht gelohnt, wie Theodor Fontane bekennen musste. Die Reise habe ihn „10 Rtl. gekostet und 21 Rtl. eingebracht, geschäftlich genommen also ein ziemlich trauriges Business, denn acht Tage Zeit waren nötig, um die vier Kapitel zu schreiben“. Aber er müsse „solche Aufsätze als Visitenkarten ansehen, die ich bei den Redaktionen abgebe“. Auch seien „alle diese Dinge Vorstudien für meine große Arbeit“.

Für die Gegend waren Theodor Fontanes Schilderungen ein Segen

Vom 6. bis 8. August 1859 war Fontane aus Berlin mit drei Freunden in den Spreewald gefahren, Wochen später erschien sein Bericht in der „Neuen Preußischen Zeitung“. Überarbeitet und gekürzt fand er 1882 im „Spreeland“-Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ Aufnahme, ein glänzender literarischer – nun auch finanzieller – Erfolg.

Für den Spreewald waren Fontanes Schilderungen ohnehin ein Segen, hatten erheblichen Anteil am Aufstieg zum beliebten Ausflugsziel.

Spreewald-Idyll in Lübben.
Spreewald-Idyll in Lübben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Fontane hatte Lübben morgens mit der Nachtpost erreicht und nutzte Rast und Pferdewechsel für einen Bummel durch die Stadt. Sie sei rot und grün, wegen der Uniformen der Lübbener Jäger und der vielen Oleanderbäume, schwärmte er. Heute würde er die Stadt kaum wiedererkennen: Rund 45 Prozent des Zentrums wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Postkutschenfahrtzeit nach Berlin: 18 Stunden

So wirkt die Altstadt fast neu, vollgestellt mit durchschnittlichen Nachwendebauten, immerhin mit hübschen historischen Solitären hier und da: die Reste der Stadtmauer; das Stadtschloss mit seiner Renaissancefassade, an das die Parklandschaft der neu gestalteten Schlossinsel grenzt; die Postmeilensäule aus der Postkutschenzeit (Fahrtzeit nach Berlin: 18 Stunden); und vor allem die Paul-Gerhard-Kirche aus dem 16. Jahrhundert, letzter Wirkungs- wie auch Begräbnisort des Kirchenlieddichters.

Man kann ihren Turm erklimmen, 115 Stufen steil hinauf, geführt von Türmerin Vera Städter. Oben klappt sie erst mal die Fensterläden auf, preist die in der Tat fantastische Fernsicht, erzählt von der Geschichte des 1945 ebenfalls ausgebrannten Turms, verrät auch das uralte Rezept für den Putz: „Natürlich Kalk, dazu Ochsenblut, 400 Kilo Quark und für zusätzliche Stabilität zehn Säcke Haare.“

Lübbenau war für den Dichter "die unbestrittene Spreewaldresidenz"

Kahnfahren kann man in Lübben auch, wie eigentlich überall im Spreewald. Aber Fontane hatte sich dieses Vergnügen für Lübbenau aufgespart, für ihn „die unbestrittene Spreewaldresidenz“. Dem dürften sich angesichts des fast intakten historischen Stadtbildes auch heutige Gäste anschließen.

Fontanes Reisegruppe fuhr in die Altstadt durch das backsteinerne Torbogenhaus ein, heute Sitz des Spreewaldmuseums. Wer sehen will, wie das (seit Fontane kaum veränderte) Lübbenauer Stadtleben um 1900 aussah – hier ist er richtig. Ein Kaufmannsladen mit dem Sortiment einer vergangenen Warenwelt, Bäcker, Fleischer, Schneider, Schuhmacher, Kürschner, ein Webstuhl im Original und ein winziger für Kinder zum Ausprobieren, im angeschlossenen Neubau eine Dampflok der alten Spreewaldbahn – alles da. Die Präsentation mag auf liebenswürdige Weise selbst etwas museal wirken, ist aber höchst publikumsfreundlich, mit viersprachigen Texttafeln – und Kurzversionen für die Kleinen, die auch ältere Gäste oft bevorzugen.

Leckere Mitbringsel - gesehen in Lehde.
Leckere Mitbringsel - gesehen in Lehde.Foto: Kitty Kleist Heinrich

Zu sehen sind auch Erinnerungsstücke an das „Hotel zum Braunen Hirsch“, in dem Fontane Quartier nahm. Heute steht an seiner Stelle das moderne Rathaus, Seite an Seite mit der Nikolaikirche aus dem 18. Jahrhundert.
Geschmückt im Stil des Dresdner Barocks, steht sie Besuchern in der Sommersaison offen. Wiederholt stößt man auf Wappen und Gedenktafeln der seit dem 17. Jahrhundert in Lübbenau ansässigen Grafen zu Lynar, darunter ein Kreuz, das an Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar erinnert, nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet in Berlin-Plötzensee.

Über das Lübbenauer Schloss mokierte sich der Besucher

Schon durch ihren Ahnherrn, den aus der Toskana stammenden Rochus Guerrini zu Lynar, ist die Familie eng, wenn auch ganz anders mit Berlin verbunden. Der Baumeister, dessen Bildnis am Eingang zum Lübbenauer Schloss wacht, vollendete im späten 16. Jahrhundert die Spandauer Zitadelle. Fontane ließ dies unerwähnt, mokierte sich lieber über das damals noch recht neue Schloss, das erst gewinnen werde, wenn es „ein paar hundert Jahre auf dem Rücken trägt“.

Den Schlosspark dagegen pries er als „ein Reisedessert“, das ihn an den von Warwick-Castle erinnere. Heutige Besucher dürften eher dem als Hotel genutzten Schloss den Vorzug geben, auch der Blick von der „großen Steinbank“ in einem abgelegenen Parkwinkel, auf der schon Fontane saß, hat nicht mehr ganz den von ihm gerühmten Reiz. Gegenüber liegt nun statt grüner Wiesen ein Campingplatz.

Traditionsbewusst. Im Freilandmuseum lehde trägt das Personal Tracht.
Traditionsbewusst. Im Freilandmuseum lehde trägt das Personal Tracht.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Holzkahn, in dem Fontanes Gruppe Platz nahm, hatte anders als die meisten heutigen Spreewaldkähne nur drei Sitzbänke. Die Fahrt ging zunächst nach Lehde, für Fontane „ein bäuerliches Venedig, die Lagunenstadt im Taschenformat“ – noch heute kann man da zustimmen. Mehr noch: Zwei der Häuser, die heute im Freilandmuseum Lehde alte Lebensart erlebbar machen, standen dort schon damals. Die übrigen hat man aus anderen Orten des Spreewalds hierher verpflanzt und mit Museumspersonal in historischer Tracht bevölkert. Wer will, kann sich hier sogar als Melker am Gummi-Euter versuchen, Kunstkuh „Herta“ wedelt garantiert nicht mit dem Schwanz.

Stets ist irgendein Fließ, Kanal oder Tümpel in der Nähe

Die Rundtour von 1859 ist noch immer weitgehend nachzufahren, sogar im beschriebenen Kahntyp. Aber sich den vom Dichter beschriebenen Orten per Auto, Rad oder gar zu Fuß zu nähern, ist kaum weniger romantisch. Enge Sträßlein, schon sie ein Erlebnis, führen durch eine Szenerie voll saftiger Wiesen und friedlich grasender Rinder, dazwischen immer wieder urwaldhafte, wie verwunschen wirkende Vegetation, und stets ist irgendein Fließ, Kanal oder Tümpel in der Nähe.
Zum Beispiel am abgeschieden gelegenen „Waldhotel Eiche“ in Burg-Kauper. Schon Fontane erwähnt ein Gasthaus „Die Eiche“, ein Blockhaus „im echten Spreewaldstil“. Lokalhistoriker bezweifeln aber, dass es sich um den Vorgänger des Hotels handelte, in dem Fontane eingekehrt war. Sie favorisieren die nahe Blockhausruine des alten Forsthauses, das 1859 noch die „Eichschänke“ gewesen sei.

Natur zum Durchatmen. Solche Refugien findet man überall im Spreewald.
Natur zum Durchatmen. Solche Refugien findet man überall im Spreewald.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Gesichert ist dagegen der Ort von Fontanes zweiter Einkehr, auch dies ein Haus im Spreewaldstil, versteckt im hinteren Teil des Grundstücks Waldschlößchenstraße 35 in Burg-Kauper gelegen. Die Reisegruppe lud sich dort selbst beim Kätner Post auf einen Kaffee ein.

Den Kahnfahrern steckte eine kleine Havarie in den Knochen

Die Kahnfahrer konnten eine Pause gut gebrauchen, lag doch noch der ganze Rückweg über Leipe („ein zweites Dorf-Venedig“) bevor, zudem steckte ihnen eine kleine Havarie in den Knochen. Sie waren im Schlick stecken geblieben, aus der Ferne angelockt durch die Reste einer Slawenburg, ähnlich der bei Raddusch rekonstruierten Wehranlage.

Allerdings wäre ohnehin, wie der Bootsführer versicherte, nichts zu sehen gewesen als „ein Grasplatz“. Heute beeindruckt dort der Bismarckturm mit seiner Fernsicht, zwischen 1915 und 1917 zu Ehren des Reichskanzlers erbaut. Höher kommt man im Spreewald kaum hinaus – es sei denn, man besteigt einen der beiden Türme der Schinkel-Kirche in Straupitz. Aber so weit ist Fontane nicht gekommen.

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