Ausflug in den Neuen Garten : Königlich spazieren, Churchills Schreibtisch und 60er-Avantgarde

In der Berliner Vorstadt können Sie in Villen speisen und kritische Kunst betrachten. Das Schönste ist gratis: der ehemals königliche Neue Garten.

Blick auf das Marmorpalais im Neuen Garten
Blick auf das Marmorpalais im Neuen GartenFoto: Jonas Bickelmann

In der Berliner Vorstadt reiht sich eine Villa an die nächste. Die größte unter ihnen ist, ich stichele jetzt, Schloss Cecilienhof, das von hinten trotz aller Anleihen beim englischen Fachwerk ein wenig nach zu groß geratenem Bungalow aussieht. Es ist dieses Schloss, in dem die Hohenzollern jetzt gerne wieder ein Wohnrecht hätten. Derzeit ist es allerdings Museum und die vormals königlichen Privaträume können besichtigt werden. Falls der gestürzte Herrscher-Clan Erfolg haben sollte, könnte sich das ändern. Also schnell nach Potsdam!

Hinkommen: Aus Berlins Mitte braucht man mit den Öffentlichen eine knappe Stunde zur Station Glienicker Brücke. Von dort ist es nicht weit in den Neuen Garten. Mit dem Auto dauert es ähnlich lange. Parkplätze gibt es am Schloss Cecilienhof. Empfehlung: die Route über die geschichtsträchtige Glienicker Brücke.

Foto: Jonas Bickelmann

Wer ist Millionär?

Wie schön ist es jedes Mal, wenn die reiche, stilbewusste Tante in ihre Villa am See zum Essen einlädt! Da weder Sie noch ich wirklich so eine Tante haben, bleibt als Alternative das Restaurant Villa Kellermann. Denn wie ein solcher Besuch fühlt es sich an, wenn man hier isst.

Der Koch Tim Raue und der Moderator Günther Jauch taten sich zusammen, um hier gutbürgerliche deutsche Küche mit überraschenden Twists zu versehen. Die Königsberger Klopse überzeugen vielleicht auch diejenigen, die bisher keine Anhänger*innen des Gerichts waren. An den Nachbartischen hört man Plauderei über Weihnachten im Adlon und die Kadewe-Gastronomie. Erfreulich: Es gibt eine Kinderkarte.

Geöffnet Mi-So 18 bis 21.30 Uhr, am Wochenende zusätzlich 12 bis 14 Uhr. Unbedingt reservieren. Da die Tische online auf Wochen ausgebucht sind, lohnt sich eine Nachfrage per Mail:

Feudalialand

Der Neue Garten um den Heiligen See entstand, als den preußischen Königen der barocke Park um Sanssouci nicht mehr genügte. Nach und nach kauften sie Grundstücke hinzu, sodass der heutige Garten die gesamte Länge des Heiligen Sees einnimmt. Auch wenn alles durchgestaltet ist, fühlt sich der Spaziergang durch den englischen Landschaftspark wie ein Ausflug aufs Land an. Die hochadligen Vorbesitzer haben reichlich Attraktionen geschaffen, etwa das Marmorpalais (Bild oben), Küchenräume, die wie eine römische Tempelruine aussehen und eine falsche Muschelgrotte. Und natürlich: Schloss Cecilienhof.

Der Park ist von 8 Uhr bis Sonnenuntergang frei zugänglich.

Foto: Jonas Bickelmann

Konferenzraum

Nachdem es den Hohenzollern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu ungemütlich in Cecilienhof wurde, flohen sie und die Rote Armee nahm die 176 Zimmer in Besitz. Für die Beratungen über die Zukunft des von den Nazis befreiten Deutschlands erhielten die drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien jeweils 12 Zimmer. Sie berieten an einem Tisch mit drei Metern Durchmesser, der extra aus Moskau gebracht wurde. Die Stühle, auf denen Churchill, Stalin und Truman saßen, sind etwas höher als die ihrer jeweiligen Teams.

Das Museum im Schloss öffnet von 10 bis 16.30 Uhr, Montags geschlossen. Führungen durch die Räume der Potsdamer Konferenz finden in schneller Taktung statt. Die durch die privaten Räume der Hohenzollern immer zur geraden Stunde ab zehn Uhr. Kombiticket für beides 12, ermäßigt 8 Euro.

Kunst am Kachelofen

Nicht weit vom Marmorpalais liegt das traditionsreiche Potsdamer Café Matschke. Nach der Wende wurde es zu einem Treffpunkt für Künstler*innen. Marina Matschke kochte Rezepte aus ihrer russischen Heimat. Ausstellungen gibt es bis heute, auch Pelmeni, Borschtsch und Zupfkuchen. Und die verwinkelten zwei Etagen mit Kachelofen bilden einen angenehmen Kontrast zu all den Villen und Schlössern der Umgebung.

Das Café hat Dienstag bis Donnerstag von 15 bis 22 Uhr offen, Freitag bis Sonntag schon ab 12.

Im Fluss

Unter dem Schlagwort „Fluxus“ versammelten sich in den 1960er Jahren einige namhafte Künstler*innen von Yoko Ono bis Joseph Beuys; ihr Ziel: Kunst davon befreien, bleibende Werke produzieren zu müssen. Im Museum Fluxus+ gibt es (dieser Devise zum Trotz?!) vor allem Werke des bis 1998 in Berlin lebenden Wolf Vostell zu sehen.

Aktuell stellt das Museum Installationen von Constantino Ciervo aus, der sich kritisch mit Themen wie Flucht und Globalisierung befasst. Da näht zum Beispiel eine Singer-Maschine die Daten von Schiffshavarien im Mittelmeer in ein digitales Gewässer.

Das Museum Fluxus+ öffnet Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr. Tageskarte 7,50 Euro; frei bis 13 Jahre.

Wir freuen uns über über Ausflugsziele, Geheimtipps und Lieblingsorte da draußen und überall rund um Berlin. Gerne per Mail: berliner-draussen@tagesspiegel.de

Unsere bisherigen Tipps können Sie hier nachlesen.

Mehr vom Tagesspiegel BERLINER? Gibt es auf Instagram!
Und wer uns weiterempfehlen mag, kann das gerne mit diesem Link tun.


Viel Vergnügen da draußen & herzliche Grüße vom Tagesspiegel BERLINER –
Jonas Bickelmann