Ausflug nach Eberswalde : Waldstadt mit Industrie-Charme und Kreuzberg-Gefühl

Der Januar ist lange her, die Neujahrsvorsätze sind weit weg. Wir erinnern an drei: weniger Auto fahren, früher aufstehen, mehr bewegen! Auf nach Eberswalde!

Lydia Brakebusch
Eberswalde boomt. Immer mehr Berliner*innen ziehen in die Kreisstadt im Barnim.
Eberswalde boomt. Immer mehr Berliner*innen ziehen in die Kreisstadt im Barnim.Foto: Felix Strosetzki

Eberswalde boomt. Immer mehr Berliner*innen ziehen in die Kreisstadt im Barnim, rund 50 Kilometer nördlich von Berlin. Einer der Gründe: Sie ist an die Hauptstadt perfekt angebunden. Wir lassen also das Auto stehen und springen ohne Frühstück, aber mit dem Fahrrad in die Bahn. Nach rund einer halben Stunde Fahrt geht es vom Eberswalder Bahnhof erst einmal direkt zum Marktplatz – frühstücken! Das Kaffeehaus Gustav ist nach Gustav Louis Zietemann, dem Erfinder des Eberswalder Spritzkuchens, benannt. Neben Spritzkuchen gibt es hier Torten, köstlich-handwerkliche Brote, herzhafte Speisen und: eine prall gefüllte Frühstückskarte. Der stadtbekannte Bäcker Björn Wiese beschäftigt ein international gemischtes Team, auch aus dem syrischen Krieg Geflüchtete sind darunter. Deshalb gibt es morgens neben Eggs Benedict, Strammem Max oder dem Candlelight-Frühstück für zwei auch das Frühstück aus dem Morgenland, Shakshuka oder Shish Tahouk. Kennen Sie nicht? Probieren Sie’s!

Multikulturell geht es weiter: Um 10.30 Uhr spielt im Paul-Wunderlich-Haus das Jazz-Duo Feincost eine Mischung aus weltweit gesammelten Stilen. Das aktuelle Programm: Songs des südafrikanischen Komponisten und Pianisten Abdullah Ibrahim. Der Eintritt ist frei – wie jeden Samstag seit dreizehn Jahren, wenn Veranstalter Udo Muszynski mit „Guten Morgen, Eberswalde“ zu Konzert, Lesung oder Theater lädt. Mehr über die einzigartige Veranstaltungsreihe im Speziellen und Eberswalde im Allgemeinen kann man hier nachlesen.

Die Fahrt vom Bahnhof Gesundbrunnen mit dem Regionalexpress RE3 dauert rund 25 Minuten. Vom Bahnhof Eberswalde zum Marktplatz fahren diverse Busse (910, 862, 861), mit dem Rad dauert es fünf, zu Fuß circa zehn Minuten. Das Kaffeehaus Gustav öffnet schon um 7 Uhr – viel Zeit für ein ausgedehntes Frühstück!

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Das frisch eröffnete Café Alte Post bietet den obligatorischen Hafermilch-Kaffee zum Kuchen.
Das frisch eröffnete Café Alte Post bietet den obligatorischen Hafermilch-Kaffee zum Kuchen.Foto: Lydia Brakebusch

Alte Hülle, neuer Kern

Unweit vom Marktplatz, im ältesten Fachwerkhaus der Stadt, der Adler-Apotheke, residiert das Museum Eberswalde. Tausende Exponate, wie die Nachbildung des Eberswalder Goldschatzes, zeigen die Geschichte der Stadt, aber auch die industrielle Vergangenheit des Finowtals. Ganz oben, unterm hölzernen Spitzdach des alten Hauses, werden die Werke heimischer Künstler gezeigt, und eine Ausstellung zum Thema Nachhaltigkeit schlägt den Bogen zur HNEE, der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung. Ihre Ursprünge reichen bis 1830 zurück, als Eberswalde zum Standort für Forstwissenschaften auserkoren wurde. Seither entwickelte sich, mit Unterbrechungen durch Kriege und das DDR-Regime, aus der Forstakademie eine moderne Hochschule, die in Zeiten des Klimawandels immer mehr an Relevanz gewinnt.

Welche Relevanz wiederum die Studierenden und die zuziehenden Berliner*innen für die Stadt haben, zeigt sich in den vielen Neueröffnungen. Unverputzte Wände, nackte Glühbirnen, zusammengewürfelte Secondhand-Möbel: Viele der Cafés und Restaurants wecken optisch Kreuzberg-Gefühle und bieten inhaltlich HNEE-kompatible Nachhaltigkeit. In der Braterei Brandenburger gibt es neben Fleisch aus der Region allein vier vegane Varianten. Im wunderbaren Café Kobamugasmus (leider nur dienstags bis freitags geöffnet) treffen sich Uni-Leute und junge Familien zu vegan-vegetarischen Speisen. Und auch das gerade frisch eröffnete Café Alte Post bietet den obligatorischen Hafermilch-Kaffee zum Kuchen (Foto oben). Der Berliner Videoproduzent und Kameramann Kristian Raue hat das alte Postgebäude gemietet, saniert die historische Substanz und will bald neben dem Café auch eine Bar, Coworking-Spaces und Raum für Start-ups bieten. Flohmärkte, Yogakurse, Konzerte … die Zuzügler können kommen!

Die Alte Post in der Eisenbahnstraße 101 hat montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr und samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Brandenburger in der Michaelisstraße gibt es dienstags bis donnerstags und sonntags von 11.30 bis 20 Uhr und freitags und samstags von 11.30  bis 21 Uhr Burger mit und ohne Fleisch.

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Der "Treidelweg" am Ufer des Finowkanals ist zwischen Finowfurt und Niederfinow durchgehend befahrbar.
Der "Treidelweg" am Ufer des Finowkanals ist zwischen Finowfurt und Niederfinow durchgehend befahrbar.Foto: Felix Strosetzki

Trödeln und treideln

Frisch gestärkt geht es aufs Fahrrad – und direkt auf den Treidelweg. Der Rad- und Wanderweg ist zwischen Finowfurt und Niederfinow durchgehend befahrbar. Der Finowkanal, an dessen Ufer er entlang führt, war die erste künstliche Wasserstraße Deutschlands. „Treideln“ hieß es, wenn Menschen oder Pferde die Kähne vom Ufer aus übers Wasser zogen. Heute wird hier nur noch geradelt: auf einer wunderschönen Strecke, rechts Wald, links Wasser, vorbei an Industriedenkmälern: Eisenspalterei, Papierfabrik, Kraftwerk, Messingwerk – verwunschene Backsteinruinen erinnern an die Hochphase der Produktivität.

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In einem leerstehenden Gebäude in der Plattenbausiedlung Brandenburgisches Viertel laufen seit dem vergangenen Jahr wechselnde Ausstellungen.
In einem leerstehenden Gebäude in der Plattenbausiedlung Brandenburgisches Viertel laufen seit dem vergangenen Jahr wechselnde...Foto: Lydia Brakebusch

Kunst im Plattenbau

Wer bei all dem alten Charme ein bisschen lebendige Kultur der Gegenwart braucht, schert auf Höhe des Familiengartens Eberswalde (auch schön, öffnet aber erst im April wieder!) aus und macht einen Abstecher in die Finower Plattenbausiedlung Brandenburgisches Viertel. In einem leerstehenden Gebäude werden seit dem vergangenen Jahr wechselnde Ausstellungen gezeigt. Am 8. März startet in der Galerie Fenster die neue Ausstellung „Tourist – Wir sind überall“. Filmemacher, Komponist, Autor und Fotograf Mario Schneider hat Menschen auf Reisen porträtiert. Zur Vernissage ist er vor Ort – und ein Saxophon-Konzert gibt es dazu.

Die Galerie Fenster in der Brandenburger Allee 19 ist samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Obacht: Wegen des Aufbaus der neuen Ausstellung ist die Galerie ausnahmsweise am Samstag, 7. März, geschlossen! Die Vernissage am 8. März beginnt um 14 Uhr.

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Pause und Heimreise

Aus dem Brandenburgischen Viertel geht es zurück an den Kanal und weiter bis nach Finowfurt. Das Restaurant Teutoburg hat gerade seine Winterpause beendet – auf der Terrasse mit tollem Wasserblick wird wieder gute Hausmannskost serviert, von der Pilzpfanne bis zum Wildschweinbraten. Danach noch ein Mirabellenschnaps, ab aufs Fahrrad und auf dem Treidelweg zurück – bis zum Bahnhof Eberswalde.

Achtung, hier sind zwar viele Berliner – aber wir sind eben doch nicht in Berlin: Die Küche der Teutoburg ist samstags bis 20 Uhr und sonntags nur bis 19.30 Uhr geöffnet. Also nicht zu spät kommen!

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Und was ist mit dem Zoo Eberswalde? Und mit dem Botanischen Garten, dem Familiengarten und diesem schönen Wasserturm? Das heben wir uns alles auf für die nächste Tour in die grüne Stadt im Norden, wenn es wieder heißt: Wecker stellen, Auto zu Hause lassen!


Auch kommende Woche fahren wir wieder raus vor die Tore Berlins und freuen uns über Ausflugsziele, Geheimtipps und Lieblingsorte da draußen. Gerne (wie auch alle anderen Hinweise, Kritik und Wünsche!) per Mail an berliner-draussen@tagesspiegel.de

Alle bisherigen Ausflüge finden sich hier.
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Viel Vergnügen da draußen & herzliche Grüße vom Tagesspiegel BERLINER –

Lydia Brakebusch