Unterwegs im östlichen Barnim : Wandern im Moor, kalte und warme Pausen – und ein Blick auf die Alte Oder

Die Tage werden wieder länger, die Sonnenstrahlen wärmer. Zeit, sich gebührend vom Winter zu verabschieden: mit romantischen Spaziergängen im Barnim.

Lydia Brakebusch
Malerisch. Die eingeschneite Dorfkirche in Brodowin.
Malerisch. Die eingeschneite Dorfkirche in Brodowin.Foto: TMB Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Raureifbedeckte Wiesen und durch neblige Moorlandschaften, gutes Essen, heißer Kaffee, ein bisschen Musik und viel Natur: An diesen Ausflug in den Ostzipfel Barnims und ins malerische Brodowin (oben die eingeschneite Dorfkirche) werden wir im nächsten Hitzesommer wehmütig zurückdenken.

Verlassene Filmkulisse

Die Wintertour startet mit einer Wanderung im ältesten Naturschutzgebiet Brandenburgs: Das Plagefenn nahe Chorin ist ein von Wäldern umringtes, weitläufiges Moorgebiet. Wenn die Temperaturen es zulassen, dass die Füße nicht einfrieren: einfach mal stehen bleiben, innehalten und den Blick auf dem Moor ruhen lassen. All die aus der weiten Wasserfläche ragenden Stämme und Stümpfe bilden ein abstraktes Stillleben. Ein Baum ragt schräg in den Himmel, einer liegt moosbewachsen da, einer trägt die Spuren eines Biberbesuchs. Eine friedliche Armee im Winterschlaf. Vielleicht liegt etwas Nebel über dem Moor. Dann fühlt man sich in Tolkiens Saga „Der Herr der Ringe“ versetzt und meint, gleich strecke einem Gollum aus dem Moor die knöchrige Hand entgegen.

Möglicher Start für eine Plagefenn-Wanderung: Bei Liepe in die Brodowiner Straße biegen – dort, wo der Asphalt in Kopfsteinpflaster übergeht, halten und links in den Waldweg laufen. Mit dem Auto fährt man rund 80 Minuten von Berlin-Mitte nach Liepe. Per Zug geht es vom Hauptbahnhof mit dem RE3 nach Eberswalde (35 Min.) und von dort per Rad oder Bus 916 nach Liepe.

Zwei Zwischenstopps – warm und kalt

Der Hofladen im Ökodorf Brodowin ist die ideale Anlaufstelle für einen Kaffee oder eine Suppe im Bauernstuben-Ambiente.
Der Hofladen im Ökodorf Brodowin ist die ideale Anlaufstelle für einen Kaffee oder eine Suppe im Bauernstuben-Ambiente.Foto: PR

Wer nach der mystischen Moorwanderung eine Stärkung braucht, der fährt weiter auf der Brodowiner Straße. Der holprige Kopfsteinpflasterweg führt direkt in das bei Berlinern beliebte Ökodorf, und der dortige Hofladen ist die ideale Anlaufstelle für einen heißen Kaffee oder eine Suppe in gemütlichem Bauernstuben-Ambiente. Regionales Gemüse oder Obst als Tagesration wandert in Kofferraum oder Fahrradtasche – und die Tour setzt sich fort. Zweiter Zwischenstopp: der wunderschöne Parsteiner See. Romantische Menschen studieren die Reflektionen der Wintersonne auf dem Wasser – Verrückte springen rein. Klingt nach einem absurden Vorschlag? Nicht unbedingt. In ihrem Buch „Mein Jahr im Wasser“ beschreibt die kanadische Kulturwissenschaftlerin und Wahl-Berlinerin Jessica J. Lee, warum es im Winter nicht nur an, sondern vor allem in den Brandenburger Seen am allerschönsten ist.

Der Hofladen Brodowin ist bis Ende März die ganze Woche von 9 bis 17 Uhr geöffnet – ab April bis 18 Uhr.

„Mein Jahr im Wasser“ von Jessica J. Lee ist im Piper Verlag erschienen, kostet 18 Euro und erscheint am 2. März auch als Taschenbuch, für 12 Euro.

Auerochsen, Findlinge und eine Landkommune

Muh. Im Naturpark Unteres Odertal weiden Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen wilden Auerochsen.
Muh. Im Naturpark Unteres Odertal weiden Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen wilden Auerochsen.Foto: Ökologix/CC 3.0

An der nächsten Station angekommen – in Lunow – , parken Auto-Ausflügler an der Fischerstraße, vor der Brücke über die Alte Oder. Zu Fuß oder per Rad geht es über weite Wiesen bis ans Ufer des Grenzfluss. Hier, im südlichsten Ausläufer des Naturparks Unteres Odertal, weiden Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen wilden Auerochsen (oben ein Sommerbild), und Koniks, Nachfahren der Wildpferde Tarpane. Mittels der ganzjährigen Beweidung durch diese kleinen Herden von Pflanzenfressern will man dem ursprünglichen Landschaftscharakter der Gegend wieder möglichst nahekommen. Die Spaziergänger wiederum kommen der Oder möglichst nahe und gehen an deren Ufer entlang – oder wandern bis nach Stolzenhagen.

Im dortigen Geologischen Garten werden zwar erst ab April wieder Führungen angeboten – der Findlingspfad aus vielen Millionen Jahre alten Steinen kann aber auch im Winter besichtigt werden. Weiter oben liegt das Gut Stolzenhagen: Auf dem historischen Gelände ist Ende der 90er-Jahre ein genossenschaftlich organisiertes Wohnprojekt von Kreativen entstanden. Übernachtungsgäste können nach dem Marsch im Gästehaus Terezas ins Bett fallen: Der ehemalige Pferdestall des Guts ist heute ein farbenfroher Coworking-Coliving-Space – hier kann man auch einen kreativen Kurzurlaub einlegen.

Das Gästehaus Terezas ist ab zwei Nächten buchbar. Die Preise liegen je nach Unterkunft und Aufenthaltsdauer zwischen 28 und 56 Euro.

Musik im Hier & Jetzt

Im Café Hier & Jetzt in Oderberg gibt es Kuchen und vegetarische und vegane Gerichte, im Winter brennt oft der Kamin.
Im Café Hier & Jetzt in Oderberg gibt es Kuchen und vegetarische und vegane Gerichte, im Winter brennt oft der Kamin.Foto: PR

Die letzte Station vor dem Rückweg nach Berlin liegt in Oderberg: Im Café Hier & Jetzt gibt es Kuchen und vegetarische und vegane Gerichte. Der Blick durch die bodentiefen Fenster fällt direkt auf den Wasserstrom der Alten Oder. Handwerk aus der Region steht in den Regalen zum Verkauf, im Winter brennt oft der Kamin – und gelegentlich finden auch Veranstaltungen statt. Am 14. Februar, Valentinstag, spielt die Eberswalderin Frollein Neumann ab 20 Uhr Gitarre und singt und erzählt von der Liebe – in eigenen Worten und in denen Erich Kästners. Ganz Romantische kommen schon um 18.30 Uhr, zum „aphrodisischen Valentinsmenü“. Ein fließender Übergang am Ufer der Alten Oder: Kaum ist der Winter gebührend verabschiedet, kommen Frühlingsgefühle auf.

Das Café ist freitags bis sonntags von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Konzert 14.2.: Eintritt frei, Spenden für die Künstlerin erbeten. Für verbindliche Plätze bei Veranstaltungen empfiehlt sich eine Reservierung über die Homepage.

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Auch nächste Woche fahren wir wieder raus vor die Tore Berlins und freuen uns über Ausflugsziele, Geheimtipps und Lieblingsorte da draußen. Gerne per Mail: berliner-draussen@tagesspiegel.de

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Viel Vergnügen da draußen & herzliche Grüße vom Tagesspiegel BERLINER

Lydia Brakebusch