Audi Q8 : Einen drauf gemacht

Das Beste aus zwei Welten: Audi macht beim Q8 vor, wie aus der Kombination von SUV und elegantem Coupé-Aufbau ein aufregendes Auto werden kann

Achtkantig. Der mächtige Kühlergrill prägt zusammen mit den seitlichen Lufteinlässen das Gesicht des Q8.
Achtkantig. Der mächtige Kühlergrill prägt zusammen mit den seitlichen Lufteinlässen das Gesicht des Q8.Foto: Audi

Zweifellos gehört die Frage, ob es SUVs geben sollte, zu einem der großen unbeantworteten Streitpunkte der Menschheitsgeschichte. SUVs verschrecken andere Verkehrssteilnehmer mit ihrem protzig-ausgreifenden Raumbedarf, beanspruchen unmäßig viel der knappen Verkehrsfläche und ihre Fahrer tun so, als sei die Endlichkeit fossiler Brennstoffe und die CO2-Problematik eine kryptokommunistische Verschwörung. Der Streit wird bleiben. Zumindest aber bei der Frage, ob SUVs klobig und hässlich sein müssen, wie auf Grund gelaufene Schlachtschiffe, gibt Audi mit dem jetzt vorgestellten Q8 eine Antwort: Nein, müssen sie nicht.
Der Q8 könnte SUV-Allergiker durchaus zu einem zweiten Blick bewegen. Was da nun auf der Straße steht, ist jedenfalls ein gezielter Angriff auf die Konkurrenz, die mit dem brutal-großen Karossen protzen, egal ob der BMW X5, Mercedes GLS oder auch Volvos Schwedenstahl-Monster XC90. Nicht, dass der Q8, der immerhin respektable fünf Meter lang ist und über zwei Tonnen wiegt, nun ein Kleinwagen wäre und sich verstecken würde – aber die Audi-Designer haben dem Blechkleid eine gewisse Leichtigkeit und harmonische Proportionen geschneidert, der die Konkurrenz neidisch machen wird. Unten standfester SUV, oben leichter Coupé-Aufbau, lautet die Formel. Gut, das haben BMW und Mercedes auch schon im Angebot, aber längst nicht so ansehnlich.

Der Q8 schafft Konkurrenz im eigenen Haus

Der Q8 ist ein weiterer Schritt in der Modelloffensive, mit der Audi gegenüber den etwas erfolgreicheren Konkurrenten BMW und Mercedes aufholen will – nach dem völlig neu konzipierten Oberklasse-Flaggschiff A8, dem sportlichen Luxus-Coupé A7 und der A6-Limousine. Wie wichtig für Audi dabei China für die Vermarktung des Q8 ist, hat die Weltpremiere in Peking unterstrichen. Das Zielpublikum dort sind junge, erfolgreiche Chinesen, die sich für Technik begeistern und an der ausgeprägten Scheinwerfergrafik mit senkrechten LED-Segmenten mit raffinierten Leuchtkaskaden beim Ein- und Aussteigen erfreuen. Die Lichteffekte kann man sogar mit einer eigenen App in Gang setzen. Insgesamt, so erwartet Audi, werden zwei von drei Fahrzeugen des Oberklassen-SUVs außerhalb Europas verkauft werden. Für Audi, gegenwärtig mächtig unter Druck wegen der Diesel-Manipulationen, bei denen nun auch Audi-Chef Rupert Stadler in Untersuchungshaft sitzt, kommt die Vorstellung des Q8 deshalb zu einem wichtigen Zeitpunkt.
Der Q8, der das Modellangebot von Audi nach oben abrunden soll, macht dabei dem Q7 aus dem eigenen Hause durchaus Konkurrenz. Gegenüber dem riesigen Q7 wirkt der Neue deutlich flacher und ist auch sechs Zentimeter kürzer. Seine weit nach hinten gezogene Dachlinie, die in einem langen Dachkantenspoiler endet, verleihen dem von Audi-Chefdesigner Mark Lichte verantworteten Wagen eine ansprechende Eleganz, was von den rahmenlosen Seitenscheiben noch unterstrichen wird. Die spannungsreichen Seitenflächen laufen hinten in sehr betonten Radschultern aus.

Berühr mich! Über die zwei großen berührungsempfindlichen Displays werden alle Funktionen gesteuert.
Berühr mich! Über die zwei großen berührungsempfindlichen Displays werden alle Funktionen gesteuert.Foto: Audi

Aggressiv von vorne, elegant von der Seite

Von vorn dagegen zeigt der Q8 ein ganz anderes Gesicht: Ein extrem markanter achteckiger Kühlergrill dominiert die Front; zusammen mit den großen Lufteinlässen geben sie dem Wagen einen nahezu aggressiven Look. Die LED-Scheinwerfer wirken sehr flach, weil sie zweigeteilt sind und der Fernlicht-Bereich abgedunkelt ist. Insgesamt wirkt der eh schon zwei Meter breite Q8 dadurch noch breitschultriger. Diesen Eindruck verstärken die muskulös ausladenden Radgehäuse.
Standardmäßig wird der Q8 mit 19 Zoll-Rädern ausgeliefert. In den riesigen Radkästen wirkt das etwas unproportioniert; zur elegant-kraftvollen Linie passen die wählbaren 22-Zoll-Räder eindeutig besser. Das Heck prägt das durchgezogene flache Leuchtenband und der darüber liegende Spoiler, wodurch die Breite des Fahrzeugs betont wird.

Elegante Linien und konsequente Digitalisierung

Elegante Linien außen, konsequente Digitalisierung innen, das sind die Trümpfe gegenüber den Mitbewerbern. Und natürlich eine hohe Sicherheitsarchitektur mit bis zu 39 Fahrerassistenzsystemen und hochwertiger Technik vom permanenten Allradantrieb bis zur lenkbaren Hinterachse. Der Fahrer kann nahezu alle Funktionen, wie schon in den Topmodellen A8 und A7, über zwei Touchscreens über der wuchtigen Mittelkonsole steuern. Es wirkt fast wie ein ironisches Augenzwinkern, dass es daneben nur noch einen einzigen Knopf gibt – um die Lautstärke der Musikanlage zu regeln.

Platz da! Durch den langen Radstand gibt es sehr viel Beinfreiheit.
Platz da! Durch den langen Radstand gibt es sehr viel Beinfreiheit.Foto: Audi

Dadurch wirkt der mit sehr klaren, horizontalen Linien designte Frontbereich vor Fahrer und Beifahrer sehr aufgeräumt und ruhig. In der Dunkelheit lässt die indirekte Kontur-Beleuchtung das quer über die Front gezogene schlanke Panel scheinbar im Raum schweben. Die leichte haptische Rückmeldung und ein leises Klickgeräusch, wenn eine Funktion auf dem berührungsempfindlichen Display angewählt wird, ist nicht nur technisch beeindruckend, sondern erleichtert es dem Fahrer auch, auf den Verkehr konzentriert zu bleiben.

Sprachsteuerung als intelligenter Dialogpartner

Wie es euch gefällt – viele Wege führen bei Audi dabei ans Ziel. Eine Funktion kann entweder auf dem Touchdisplay ausgewählt werden, oder auch, indem der entsprechende Befehl mit dem Finger auf dem Display geschrieben wird. Eine dritte Möglichkeit ist der direkte Sprachbefehl - von „mir ist kalt“, um die Heizung hochzufahren, bis zu „ich habe Hunger“ – was sofort mit einer Liste der nahegelegenen Restaurants beantwortet wird. Alle drei Wege funktionieren reibungslos. Die Spracherkennung reagiert dabei allein auf den Fahrer, selbst wenn im Innenraum die Nachrichten im Radio laufen oder Beifahrer laut miteinander sprechen. Wer einsam ist, findet hier also einen verlässlichen Gesprächspartner.

Elegante Linie. Hohlkehle und ausdrucksvolle Flächen - und dazu rahmenlose Scheiben.
Elegante Linie. Hohlkehle und ausdrucksvolle Flächen - und dazu rahmenlose Scheiben.Foto: Audi

Hervorragender Sitzkomfort ist bei Audi selbstverständlich. Für den Q8 spricht auch, dass es für die Passagiere im Fonds deutlich mehr Beinfreiheit gibt als bei der Konkurrenz. Da merkt man, was der enorme Radstand von drei Metern ausmachen kann. Bemerkenswert auch, dass es trotz der abfallenden Dachlinie sehr viel Kopfhöhe selbst für großgewachsene Insassen gibt. Wird die Rückbank umgelegt, vergrößert sich der Kofferraum übrigens von 605 Liter auf 1755 Liter. Das reicht, um einiges zu verstauen. Anders als beim Q7, der mehr auf Familien zielt, gibt es beim Q8 keine optionale dritte Sitzreihe. Vermissen wird das bei der angepeilten Zielgruppe der Q8-Käufer wohl niemand.

Verbundglas dämpft Lärm und schützt bei Steinschlag

Im Innenraum tragen zusätzliche lärmdämpfende Maßnahmen dazu bei, die Außengeräusche und das Motorengeräusch noch weiter zu verringern. Neben der serienmäßigen doppelt verglasten Frontscheibe gibt es für die Seitenscheiben optional eine Zweischichten-Verglasung. Nicht unwichtiger Nebeneffekt: Bei der Testfahrt blieb die Verbundglas-Frontscheibe stabil, nachdem ein heftiger Steinschlag die erste Glasschicht splittern ließ.
Richtig schmutzig kann der Q8 auch. Im ruppigen Offroad-Gelände überzeugt er durch enorme Zugkraft selbst auf steiler Piste durch tiefen Sand. Im Offroad-Bereich und auf Schlaglochpisten zeigt die optionale Luftfederung dabei ihre große Qualität. Die schon erhebliche Bodenfreiheit von 22 Zentimetern kann dabei notfalls noch einmal um 3,5 Zentimeter vergrößert werden. Die Fahrer freilich, die nur auf gut ausgebauten Straßen und in der Stadt unterwegs sind, werden mit der serienmäßigen mechanischen Dämpferreglung gut bedient. Die einzigartige Allradlenkung gibt dem Q8 im Stadtverkehr und beim Parken enorme Wendigkeit und verkleinert den Wendekreis, während sie bei höherer Geschwindigkeit zusätzlich das Fahrzeug stabilisiert.

Diesel oder Benziner – kaum zu hören

Der Q8 kommt anfänglich mit einem Drei-Liter-Diesel mit 286 PS und der neuen Euro 6D Temp-Grenzwerten in den Handel; es folgt ein Benziner mit ebenfalls drei Litern Hubraum und 340 PS. Beim Fahrtest erwiesen sich beide Motoren als mehr als ausreichend kraftvoll, den 2,1 Tonnen schweren Wagen auch durch schwieriges Gelände zu bewegen – zusammen mit dem permanenten Allradantrieb, der die Kraft nach Bedarf auf die Achsen verteilt, und der extrem sanften Achtgang-Schaltautomatik. Ob Benziner oder Diesel, die Laufruhe ist bei beiden Aggregaten so gut, dass im Blindvergleich nur der Blick auf den Drehzahlmesser den Diesel durch dessen niedrigere Drehzahlen entlarvt.

Der macht sich breit. Die durchgehende Lichtleiste unter dem Spoiler betont das Heck.
Der macht sich breit. Die durchgehende Lichtleiste unter dem Spoiler betont das Heck.Foto: Audi

Eine Mogelpackung ist die Mild-Hybrid-Technologie. Auch wenn solches mit Hinweis auf die vorhandene Lithium-Ionen-Batterie suggeriert wird – rein elektrisch fährt der Q8 nicht einen Meter weit. Die Batterie hilft nur, dass der Q8 bei Geschwindigkeiten zwischen 50 bis 160 Stundenkilometern mit deaktiviertem Motor „segeln“ kann und beim erneuten Gas geben die Maschine schnell neu startet. Damit soll man bis zu 0,7 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer sparen können. Beim Fahrtest erreichte der Q8 übrigens einen Durchschnittsverbrauch von 12,5 Liter – allerdings auf größtenteils sehr holprigen und nicht asphaltierten Straßen. Wann ein Plug-In-Hybrid kommt, ist offen; das gilt auch für einen rein elektrisch fahrenden Q8.

Navigation mit Schwarmintelligenz

Beim vollvernetzten Q8 bietet die Navigationssystem intelligente Zielvorschläge unter Berücksichtigung von Uhrzeit und Verkehrsbelastung auf Echtzeit-Basis. Zurückgegriffen wird dabei, so der Hersteller, auch auf die Schwarmintelligenz" der Audi-Flotte. Der noch für 2018 angekündigte On-street-Parking-Dienst, der auf Grundlage gemeldeter Aus- und Einparkvorgänge des Fahrzeugschwarms die Parkplatzsuche erleichtern soll, wird datensensible Menschen möglicherweise die Stirn runzeln lassen. Die Datenerfassung, so versichert Audi, erfolge aber völlig anonymisiert.

Lichtbalken. Senkrecht stehende LED-Elemente dominieren die Optik der Front- und Heckleuchten.
Lichtbalken. Senkrecht stehende LED-Elemente dominieren die Optik der Front- und Heckleuchten.Foto: Audi

Der Q8 prunkt daneben mit vielen Fahrerassistenz-Systemen, die ihre Daten je nach Ausstattung von bis zu fünf Radarsensoren, sechs Kameras, zwölf Ultraschallsensoren und einem Laserscanner beziehen. Hilfreich sind gerade im Stadtverkehr der Kreuzungsassistent, der Ausstiegswarner - und vor allem der Parkpilot, der den Wagen auch ohne Fahrer am Steuer in enge Parklücken lotst. Auf schnellen Strecken funktioniert der adaptive Fahrassistent hervorragend, der bei auftauchenden Hindernissen selbsttätig bremst und danach wieder beschleunigt, die Spur hält und auch durch Kurven steuert.
Der Q8, der im slowakischen Bratislava gebaut wird, soll im dritten Quartal in den Handel kommen. Der Einstiegspreis für das Modell mit dem Drei-Liter-Diesel liegt bei 76 000 Euro. Angesichts der vielen nützlichen Extras wird es dabei wohl kaum bleiben.

Der Fahrtest des Q8 wurde ermöglicht mit Unterstützung der Audi AG. Auf die unabhängige Bewertung und Beurteilung des Fahrzeugs hatte das keinen Einfluss.

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