Auto : Bloß nicht erwartbar sein

Peugeot will auf neuen Wegen zurück zu alter Stärke: Das Spitzenmodell 508 soll in Deutschland wieder mehr Lust auf französische Autokultur machen

Hier kommt der Säbelzahntiger. Die Front des 508 wird von der LED-Taglichtsignatur bestimmt.
Hier kommt der Säbelzahntiger. Die Front des 508 wird von der LED-Taglichtsignatur bestimmt.Foto: Promo

Da geht doch noch mehr. Glaubt jedenfalls Peugeot mit Blick auf die mageren zwei Prozent Marktanteil in Deutschland. Der nun vorgestellte Peugeot 508 soll dafür sorgen, dass der zuletzt vorhandene Aufwärtstrend mit steigenden Verkäufen und einem positiven Imagewandel weitergeht. Nicht mit einem SUV, der bei den Konkurrenten läuft wie geschnitten Brot, sondern ausgerechnet mit einer Mittelklasse-Limousine will Peugeot auf dem deutschen Markt angreifen. Man will sich dabei durchaus nach oben an den kleineren Mercedes oder BMW orientieren und setzt auch darauf, bei den Dienstwagenflotten berücksichtigt zu werden. Die Peugeot-Strategen trauen sich was, kann man da nur sagen.


Aggressiv und elegant

Aber, das merkt man schon beim ersten Einsteigen, das Selbstvertrauen der Franzosen kommt nicht von ungefähr. Die verstecken sich nicht, wollen nicht graue Maus im Mainstream spielen, sondern auffallen. Mit einer „radikalen Limousine“, so die Entwickler, will man die deutschen Kunden locken. So wie einst, als der hierzulande enorm erfolgreiche Peugeot 504 Autogeschichte schrieb. Nicht das solide und erwartbare will Peugeot mit dem 508 bringen, sondern mit „Aggressivität, Dynamik und Eleganz“ punkten, sagt der Konzernchef über das neue Topmodell: „Die Leute sollen den Kopf verdrehen, wenn sie den 508 sehen.“

Breite Schultern. Der integrierte Spoiler und das durchgehende Lichtband betonen das Heck.
Breite Schultern. Der integrierte Spoiler und das durchgehende Lichtband betonen das Heck.Foto: Promo

Voilà, den Anspruch merkt man dem 4,75 Meter langen Wagen an. Die tief heruntergezogene Motorhaube und ein kräftiger Kühlergrill geben zusammen mit den sehr flachen Scheinwerfern eine kräftige Portion Dynamik. Vor allem im Verbund mit der fast senkrecht gestellten LED-Taglicht-Silhouette, die wie die Zähne eines Sabelzahntigers wirken, sowie den ausgestellten Radkästen wirkt der 508 ziemlich aggressiv. Fast wie ein sportliches Coupé. Der stolze Peugeot-Löwe, der am Kühlergrill prangt, kann auch brüllen. Die stark abfallende Dachlinie mit einer tief gezogenen Heckscheibe setzt hinten auf ziemlich breite Rad-Schultern auf. Mit dem integrierten Kofferraum-Spoiler und dem breiten LED-Lichtband macht der 508 auch von hinten auf ziemlich dicke Hose, ohne zu überziehen. „Elegant, aber nicht prahlerisch“ zu wirken, sei das Ziel der Designer gewesen. Zur angestrebten Leichtigkeit des 508 passen auch die rahmenlosen Fenster.

Kleines Lenkrad und Pianotasten

Auch im Innenraum wird der Anspruch sichtbar, neue Wege zu gehen. Vieles, aber nicht alles ist dabei gelungen. Auffällig ist sofort das ungewöhnlich kleine Sportlenkrad vor dem digitalen Cockpit, das knuffig in der Hand liegt und gut zu der durchaus straffen Lenkung passt. Auch das Fahrwerk zeigt sich allen Herausforderungen gewachsen; das adaptive Luftfederungssystem braucht es nicht unbedingt. Gewöhnen muss man sich aber daran, dass links hinter dem Lenkrad auf engstem Raum gleich drei Hebel positioniert sind – neben dem Licht- und Blinkerhebel auch die Tasten für die manuelle Gangauswahl und der Hebel, mit dem man etwa die cruise-control-Funktion einstellt. Angenehm für ein konzentriertes Fahren ohne Ablenkung ist, dass man die Navi-Karte auf das sehr hoch und damit im Blickbereich sitzende Cockpit laden kann - dafür werden Drehzahlmesser und Tacho an den Screen-Rand gequetscht.

Sportliches Cockpit. Das kleine Lenkrad passt gut zur straffen Lenkung.
Sportliches Cockpit. Das kleine Lenkrad passt gut zur straffen Lenkung.Foto: Promo


Mächtige Mittelkonsole

Die Mittelkonsole ist derartig mächtig und nach oben ausladend ausgefallen, dass man sich daneben als Fahrer und Beifahrer fast ein wenig beengt vorkommt. Dafür aber gibt es unter der Konsole zusätzliche Ablagemöglichkeiten und auch eine Ladeschale für das Smartphone. Der Gestaltungsdrang ist überall zu spüren, etwa beim ungewöhnlich geformten Schalthebel. Nicht jedem wird der ziemlich zerklüftete Frontbereich zusagen; zurückhaltend kann man die wilden Sprünge und Kanten nicht gerade nennen. Aber man scheut sich bei Peugeot offenbar nicht, auch andere Wege zu gehen als etwa Audi mit einer eher puristischen Designsprache. Ein Beispiel dafür ist auch die Steuerung der Fahrzeugfunktionen in Kombination mit dem leicht zum Fahrer zugewandten Touchscreen über der Mittelkonsole. Während andere Hersteller sich bemühen, möglichst alle Knöpfe einzusparen, kontert Peugeot bewusst mit sieben Pianotasten, mit denen man auf Knopfdruck direkt ins jeweilige Menü gelangt, etwa für Navigation oder Klima.

Ausdrucksstarke Sprünge im Frontbereich, ein markanter Schalthebel und eine dominant-massive Mittelkonsole prägen den Innenraum.
Ausdrucksstarke Sprünge im Frontbereich, ein markanter Schalthebel und eine dominant-massive Mittelkonsole prägen den Innenraum.Foto: Promo

Das ist ungemein praktisch, weil dem Fahrer das sowohl nervige als auch vom Blick auf die Straße ablenkende herumfingern auf dem Touchscreen erspart bleibt - bei dem man auf holprigen Straßen am Ende oft genug bei einer anderen Funktion landet als eigentlich beabsichtigt.


Und hinten gibt es viel Beinfreiheit

Auf der Rückbank gibt es für einen Mittelklasse-Wagen erstaunlich viel Beinfreiheit. Durch die stark abfallende Dachlinie werden sich größere Menschen auf der Rückbank aber nicht unbedingt wohlfühlen. Auch für den Fahrer ist der Blick durch den Rückspiegel wegen der sehr flachen Scheibe erst einmal gewöhnungsbedürftig. Der Kofferraum unter der langen Ladeklappe fasst 487 Liter; wird die Rückbank umgeklappt, wächst das Ladevolumen auf respektable 1537 Liter.

Direktzugang. Mit den Pianotasten unterm Touchscreen werden zentrale Funktionen direkt angesteuert.
Direktzugang. Mit den Pianotasten unterm Touchscreen werden zentrale Funktionen direkt angesteuert.Foto: Promo


Der Peugeot 508 setzt ausschließlich auf Vierzylinder-Motoren. Die beiden Benziner mit 1,6 Litern Hubraum und Turbolader entwickeln 180 oder 225 PS. Die Diesel mit 1,5 oder 2 Litern Hubraum bringen 130, 160 oder 180 PS auf die Straße. Alle Diesel erfüllen die neue Euro 6d-Temp-Schadstoffnorm. Der kleinste Diesel mit 130 PS meldet sich beim Gas geben hörbar knurrend und kommt bei starken beschleunigen des über 1,5 Tonnen schweren Wagens naturgemäß an seine Grenzen. Wer aber vornehmlich in der Stadt unterwegs ist oder auf entspannten Landpartien, der wird vollauf zufriedengestellt. Fast alle Motorisierungen haben serienmäßig ein achtstufiges Automatikgetriebe, nur für den kleinsten Diesel ist serienmäßig eine Sechsgang-Handschaltung vorgesehen. Der große Benziner mit 225 PS präsentiert sich dagegen mit kultivierter Laufruhe und in hervorragender Kombination mit der weich schaltenden Achtgang-Automatik. Das Fahrwerk bewältigt selbst ambitionierte Bergfahrten mit heftigen Kurven. Wer es noch besser haben möchte, kann gegen Aufpreis ein elektronisch gesteuertes Fahrwerk wählen.


Bald auch als Kombi

Peugeot hat schon angekündigt, dass der 508 ab Anfang 2019 auch als Kombi zu haben sein wird. In naher Zukunft soll dann auch ein Hybrid folgen, der 50 Kilometer rein elektrische Reichweite haben soll, und insgesamt zwei Liter Kraftstoff verbrauchen soll. Bei der Testfahrt mit dem stärksten Benziner wurden 8,3 Liter verbraucht. Peugeot gibt 5,6 Liter an.

Elegant und bissig: Das viertürige Coupé kann beides.
Elegant und bissig: Das viertürige Coupé kann beides.Foto: Promo


Ausgestattet ist der 508, der ab Mitte Oktober bei den Händlern stehen soll und in der Basisversion 31 250 Euro kosten soll, auch mit zahlreichen Fahrerassistenzsystemen von der aktiven Spurhalte-Funktion über Verkehrsschild-Erkennung bis zum automatischen Einparken. Bemerkenswert ist darüber hinaus die auf einer Infrarotkamera basierende Nachtsichtfunktion, mit der etwa in der Dunkelheit bis zu 200 Meter Entfernung Tiere und Menschen auf der Fahrbahn erkannt werden. Vor dreißig Jahren reichte beim Peugeot 504 der berühmteste Kofferraumknick der Automobilgeschichte, um für Furore zu sorgen. Ungewöhnlich zu sein, gelingt auch diesmal - und dazu gibt es jetzt viele innere Werte.

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