Boxen : Kernkraftwerk Rheinsberg verschwindet Stück für Stück

Die ferngesteuerten Zerlegearbeiten nähern sich dem Brennstabbehälter Sein Abtransport ist für Oktober geplant. Ein Rundgang über die Baustelle

Thomas Loy

Wie ein Gefängnis sieht es aus, mit Gitterschleusen und Wachpersonal, dann wie ein Atom-U-Boot mit wulstigen Armaturen, dickwandigen Schotten und schweren Dieselaggregaten. Tief im Innern ist es ein Labor zur Erprobung ferngesteuerter Zerlegetechnik. Fünf Männer sitzen konzentriert vor einem Pult aus Joysticks und Flachbildschirmen. Sie zersägen das Kernkraftwerk Rheinsberg. Dort, wo es wie ein U-Boot aussieht, unter Wasser steht und stark radioaktiv strahlt.

Projektplaner Jörg Möller treibt zur Eile. Ein Rundgang durch ein Kernkraftwerk dauert immer zu lange, auch wenn es längst abgeschaltet ist. Sicherheitscheck, Umziehen, Dosimeter einstecken, das die Strahlenbelastung misst. Beim Rausgehen die ganze Prozedur zurück. Zwischendurch splitternackt in die Messkabinen. Wer „kontaminiert“ ist, muss zum Duschen.

Möller plant den Rückbau von Rheinsberg schon seit 1995. Eine tolle Aufgabe, sagt er, wegen der hochentwickelten Technik, die hier erprobt wird. „Man bestimmt den Weltmarkt mit, setzt Akzente für die Stilllegung von Kernkraftwerken.“ Wo früher riesige Wassertanks standen, reihen sich Schaltschränke für die Robotertechnik aneinander. Unangenehm wird es für die Mitarbeiter erst 2010. Dann sollen alle sensiblen Bauteile weggeschafft sein und das Kraftwerk auf dem 40 Hektar großen Gelände aus der Atomaufsicht entlassen werden. Die restlichen Sicherheitssysteme werden stillgelegt, und viele Rheinsberger brauchen einen neuen Job.

Was er dann machen wird, weiß Möller noch nicht. Vielleicht nach Obrigheim gehen. Dort wird bald das nächste Kernkraftwerk zurückgebaut. Sein Vater kam in den 1960er Jahren als Physiker nach Rheinsberg. Möller studierte Maschinenbau und ging dann auch ins Kraftwerk. Atomkraft klang damals noch nach Fortschritt.

Vor 17 Jahren wurde das Kraftwerk abgeschaltet, seit 12 Jahren läuft die Demontage. Jede Phase muss detailgenau geplant, dokumentiert und genehmigt werden. Bevor ein Bauteil den Standort verlässt, wird es „freigemessen“. Insgesamt geht es um 330 000 Tonnen Material, ein Prozent davon sind verstrahlt.

Der Rückbau hat jetzt die sensible Zone erreicht, den 130 Tonnen schweren Reaktorbehälter aus massivem Stahl. In seinem Inneren entfalteten die Uranbrennstäbe einst ihre ungeheure Kraft. Die verstrahlten Einbauten des elf Meter hohen Behälters werden in Einzelteile zerlegt und mit Greifarmen in Spezialgefäßen verstaut. In Container verpackt, kommt später alles per Bahn ins Zwischenlager Greifswald.

Das Unterwasser-Sägen ist eine Geduldsprobe. Die Videokameras verharmlosen die stählerne Unterwasserwelt. Es fehlen die Geräusche und das unmittelbare Erleben, wenn das Material unter dem Druck der Säge zerspringt. Zentimeterdicke Stahlwände scheinen wie aus Pappe. Die Männer an den Joysticks tasten sich vorsichtig an ihr Objekt heran. Alles ist ferngesteuert und vollelektronisch, aber letztlich nur ein Zusammenspiel von Auge und Hand, wie bei jedem Handwerk. Ein halbes Jahr haben die Männer geübt.

Der Reaktorbehälter selbst wird nicht zersägt, wie ursprünglich geplant, sondern im Ganzen nach Greifswald gebracht. Seine Stahlwände sind fast ausschließlich mit dem Nuklid Kobalt-60 belastet, Halbwertszeit: 5,3 Jahre. In 50 Jahren ist die Strahlung praktisch abgeklungen. Dann kann der Stahl wiederverwertet werden. Der Spezialtransport ist für den Oktober vorgesehen.

Dass das Kraftwerk tatsächlich bis zur grünen Wiese abgerissen wird, glaubt kaum jemand. Möller zeigt auf eine Wandöffnung, in der die armdicken Stahlarmierungen der Reaktorhalle zu sehen sind. Da braucht es schon einige Energie, die Wände zum Einsturz zu bringen.

Die zentrale Kontrollwarte mit ihren schwarzen Schaltern und der Blinklichter-Schautafel wirkt wie eine ScienceFiction-Kulisse von einst. Die meisten Messgeräte sind mit einem weißen Zettel überklebt, als Zeichen ihrer ewigen Ruhe. Früher waren 20 Mann rund um die Uhr um das große geschwungene Pult versammelt, jetzt sind es pro Schicht noch drei.

Einst gab es ein „Endlager“ auf dem Gelände. Davon sind jetzt nur noch Betonstümpfe zu sehen. Der Inhalt wurde ins Atommüllager Morsleben gebracht. Bagger wühlen sich durch den sandigen Boden. Auf dem Weg zum Ausgang passieren wir zwei Fichten, die Möller schon kannte, als sie noch den Eingang der Forschungsabteilung rahmten. Jetzt stehen sie allein da, und nur Möller spürt, dass hinter ihnen etwas fehlt. Selbst wenn die grüne Wiese kommen sollte, wird er hier immer ein Kernkraftwerk sehen.