Sofort geht der Chef dazwischen: "Wir sagen nichts dazu"

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Neonazis in Spremberg : Das Schweigen der Mehrheit
Nationalisten aus Spremberg - schwarz verhüllt. "Deutsche Jugend voran" steht auf ihrem Transparent.
Nationalisten aus Spremberg - schwarz verhüllt. "Deutsche Jugend voran" steht auf ihrem Transparent.

„Das ist sicher eine Nachlässigkeit“, sagt am Donnerstag der Sprecher der Stadtverwaltung, Alexander Adam, „aber keine Böswilligkeit“. Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU) will sich nicht äußern. Er hat Termine, außerdem ist der Tagesspiegel unangemeldet aufgekreuzt. Am Freitag schickt Adam eine Mail, in der er betont, Schulze und ein „Fachbereichsleiter“ hätten sich am Montag das beschmierte Redaktionsbüro angeschaut. Es sei jedoch nicht besetzt gewesen. Der Fachbereichsleiter habe später mit Wappler telefoniert.

Schulze ist keiner, der das Problem des Rechtsextremismus verdrängt. Erst im April hat er im Stadtparlament seine Sorgen geäußert. Doch der Mangel an kleinen Gesten, der fehlende Händedruck für einen massiv attackierten Lokalredakteur, ist offenbar kein Zufall. Empathie für Opfer rechter Gewalt scheint in Spremberg unterentwickelt zu sein, auch wenn Wappler inzwischen einige aufmunternde Mails aus der Stadt bekommen hat. Der Redakteur versucht, um Verständnis für verstockte Mitbürger zu werben. „Es steckt die Angst dahinter, ebenfalls Ziel so einer Attacke zu werden.“

Vor dem Juwelier gegenüber dem Büro der „Lausitzer Rundschau“ steht eine Verkäuferin und raucht. Was denkt sie über die Attacken auf den Nachbarn? „Ich kann mir nicht vorstellen, wer das war.“ Nebenan im Sportgeschäft sagt eine Verkäuferin, „das waren die Rechten“. Sofort geht der Chef dazwischen, „wir sagen nichts dazu, bevor die Ursache nicht geklärt ist.“ Im Friseursalon neben dem Redaktionsbüro sagt eine Angestellte, „ich habe gesehen, dass da sauber gemacht wurde. Ansonsten weiß ich nichts.“

Bildergalerie "Die Spur der Neonazi-Mörder"

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: dapd
11.07.2018 11:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Auch zum Treffen von Neonazis auf dem Georgenberg will niemand etwas sagen. Die Frau vom Kulturamt, die im Bismarckturm arbeitet, sagt nur, „bitte wenden Sie sich an die Pressestelle der Stadt.“ Was denkt sie als Bürgerin Sprembergs über die braunen Aktivitäten? „Ich gebe auch als Bürgerin keine Antwort.“ Die Turmtür wird kräftig zugezogen.

Ist das nur Angst? Vor 30 Neonazis? Oder sind die verstockten Antworten Ausdruck einer zementierten Stimmung, die den Mentalitätswandel in anderen Regionen Brandenburgs, hin zu mehr Widerstand gegen Rechtsextremismus, ignoriert? Dafür spricht, dass in der Stadt ein Mann immer noch populär ist, der derb provoziert hat. Egon Wochatz, Mitte 70, Christdemokrat, war Ende der 1990er Jahre Bürgermeister von Spremberg und machte ein Todesopfer rechter Gewalt für die Tat mitverantwortlich. Nach der Hetzjagd von Guben, bei der 1999 Rechtsextremisten den algerischen Asylbewerber Farid Guendoul in den Tod trieben, fragte Wochatz, „was hatte der nachts um diese Zeit auf der Straße zu suchen?“ 2004, Wochatz war nun Chef der CDU-Fraktion im Kreistag von Spree-Neiße, traf er sich in Spremberg mit ehemaligen Soldaten der Waffen-SS-Division „Frundsberg“ und jungen Rechtsextremisten. Beide Affären haben Wochatz kaum geschadet. Er sitzt weiter in Stadtparlament und Kreistag. Im Juli 2011 berichtete die „Lausitzer Rundschau“, Wochatz habe im Kreistag für einen NPD-Antrag gestimmt.

Dass es Spremberg schwerfällt, eine unmissverständliche Grenze zwischen Demokratie und Grauzonen zum Rechtsextremismus zu ziehen, zeigt auch der Georgenberg. Er ist gespickt mit Mahnmalen neben dem rausgeputzten Bismarckturm. Eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus ist mit einem Bauzaun verriegelt, ein Schild warnt vor einem „Erdrutsch“. Das Mahnmal für Soldaten der Sowjetarmee, die hier 1945 gefallen sind, ist auch in Teilen gesperrt. Frei zugänglich ist hingegen ein Rondell mit vier Stelen. Hier gedenkt die Stadt „aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Und dann gibt es noch die Erklärtafel am Bismarckturm. Historische Fotos sind zu sehen, ein Text erläutert Details. Am unteren Ende ziehen sich dünne, schwarz-weiß-rote Streifen entlang. Schwarz-Weiß-Rot waren die Farben des Kaiserreichs, die Weimarer Republik schwenkte zu Schwarz-Rot-Gold. 1935 bestimmten die Nazis im „Reichsflaggengesetz“, die „Reichsfarben“ seien Schwarz-Weiß-Rot.

Die Farben auf der Tafel dürften Neonazis gefallen. Vielleicht kommen sie auch an diesem Sonnabend. Der renovierte Turm wird feierlich wiedereröffnet.

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