Boxen : Zeugen entlasten den Angeklagten „Piepsi“

Im Prozess um die Attacke auf Ermyas M. sagt ein Arzt zugunsten des Hauptverdächtigen aus

Frank Jansen

Potsdam - Er war heiser, er konnte nur flüstern, er habe gekrächzt – im Prozess zu der Gewalttat gegen den Deutschäthiopier Ermyas M. haben vier Bekannte des Angeklagten Björn L. sowie ein Arzt entlastende Aussagen abgegeben. Die Zeugen sagten gestern im Potsdamer Landgericht, auf dem Mitschnitt der Mobilbox des Telefons der Frau von Ermyas M. sei die Stimme von Björn L. nicht zu erkennen. Auf der Mobilbox sind, wie berichtet, Äußerungen wie „Scheiß Nigger“ zu hören, mit denen Ermyas M. in der Nacht zum Ostersonntag 2006 in Potsdam beleidigt wurde, bevor ihn ein wuchtiger Faustschlag am Kopf traf.

Die bulligen vier Bekannten des Angeklagten betonten, selbst wenn Björn L. damals gesund gewesen wäre, hätte seine markant hohe Stimme anders geklungen als das, was auf dem Mitschnitt zu hören ist. Der Angeklagte wird von Freunden wegen seiner Tonlage „Piepsi“ genannt. Der Arzt, der L. vier Tage vor und kurz nach Ostern behandelt hatte, bescheinigte ihm eine Kehlkopfentzündung. Deshalb habe er L. erst krankgeschrieben und ihn dann zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt überwiesen. Dem Arzt wurde im Gerichtssaal der Mitschnitt der Mobilbox vorgespielt. Er könne die Stimme von L. nicht erkennen, sagte der Mediziner – und es sei unwahrscheinlich, dass man bei einer Kehlkopfentzündung eine so helle Stimme hat, wie sie bei der Person zu hören ist, die „ey Nigger“ sagt.

In den vergangenen Prozesstagen hatten Zeugen die Stimme von L. auf dem Band der Mobilbox identifiziert. Die Analyse der mutmaßlichen Tonlage von L. Mitte April des vergangenen Jahres ist für den Prozess von großer Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft hält den Mitschnitt für ein wesentliches Indiz, das gegen Björn L. spricht.

Einer der vier Bekannten von L., ein hünenhafter Zopfträger aus dem Rockerklub „MC Gremium“, beschrieb Björn L. als „sehr netten Menschen“, der auch tierlieb sei. Er habe L. nie aggressiv erlebt, höchstens mal laut, „wenn er Alkohol getrunken hat“. Der Rocker bestritt, eine Zeugin bedroht zu haben. Die Frau hatte ihn im Prozess beschuldigt, er habe sie massiv unter Druck gesetzt. Der Rocker sagte, er habe die Frau nur „gebeten, mir aus den Augen zu gehen“.

Ein anderer Zeuge, der Björn L. bei der Staatsanwaltschaft schwer belastet hatte, wollte im Prozess gar nicht aussagen – vermutlich aus Angst. Der Mann sitzt in einer Justizvollzugsanstalt und hat angeblich mit L. während dessen Untersuchungshaft gesprochen. Der Angeklagte soll sinngemäß zum Fall Ermyas M. gesagt haben, hätte er richtig zugetreten, gäbe es für ihn jetzt keine Probleme. Da sich der Zeuge vor Gericht nicht äußerte, verhängte die Strafkammer einen Monat Beugehaft. Der Mann schickte später dennoch einen Brief, in dem er bekräftigte, er werde schweigen.

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