Unser aktueller Großbrand: Eine Erkenntnis

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Digitaler Wandel : Das Internet ist nicht kaputt, aber die Tradition des Privaten
Jeanette Hofmann
Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann ist Direktorin des Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft und zuständig für den Forschungsbereich: Internet Policy und Governance. Sie forscht am Wissenschaftszentrum Berlin zu den Themen Global Governance, Regulierung des Internet, Informationsgesellschaft und Wandel des Urheberrechts. Sie ist zugleich research associate am Centre for Analysis of Risk and Regulation (CARR) der London School of Economics and Political Science (LSE).
Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann ist Direktorin des Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft und zuständig...Foto: promo

Im häuslichen Leben selbst wird das Private ebenfalls kultiviert. Die räumliche Trennung zwischen Angestellten und Familie, aber auch zwischen den Geschlechtern wächst. In Mode kommen private Beschäftigungen wie das Lesen oder Schreiben eines Tagebuchs. Die Privatsphäre wird Gegenstand der Malerei und des (voyeuristischen) Familienromans.

Kurz, die Privatsphäre ist nicht einfach irgendwann da, das Bürgertum hat sie aktiv hergestellt und unter Rückgriff auf allerlei Objekte und Konventionen kulturell geformt. Jahrhunderte bevor die Privatsphäre in Menschenrechtskonventionen und nationalen Verfassungen als schutzwürdig anerkannt wurde, hat der Mittelstand seine vermeintliche Oase des Privaten geschaffen – und damit die gesellschaftlichen Grundlagen für die Unverletzlichkeit der Wohnung, die unser Grundgesetz zumindest theoretisch garantiert.

Gleiches gilt im Übrigen für Anonymität, die ebenso aktiv hergestellt worden ist. Masken, Fächer und Schleier etwa dienten vor allem Frauen, um in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben. Magazine ermöglichten Debatten durch die Veröffentlichung anonymer Beiträge.

Der Ruf nach schärferen Gesetzen reicht nicht aus.

Privatsphäre ist also weder einfach gegeben, noch wird sie allein durch gesetzliche Regeln geschützt oder gar hergestellt. Sie wurzelt vielmehr in den Werten, Lebensweisen und nicht zuletzt der reichhaltigen materiellen Infrastruktur moderner Gesellschaften. Schon deshalb ist der aktuelle Ruf nach schärferen Gesetzen zum Schutz der Privatsphäre zwar löblich, aber eben nicht hinreichend.

Unser aktueller Großbrand, der uns, knapp 350 Jahre nach dem verheerenden Feuer von London, dazu auffordert, die Privatsphäre neu zu denken, besteht in der Erkenntnis, dass die traditionellen Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, auf die wir uns lange verlassen haben, nicht mehr gelten. Die Wohnung, das private Gespräch, die persönlichen Daten, nichts ist mehr sicher vor der Ausspähung durch Dritte im Namen unser aller nationaler Sicherheit. Traditionelle Kulturtechniken wie Schlösser, Vorhänge und Benimmregeln, die uns helfen, zwischen Privatem und Öffentlichem zu trennen, sind mit dem digitalen Fortschritt unsicher, wenn nicht komplett hinfällig geworden.

Auch in zeitlicher Hinsicht müssen wir umlernen. Die dauerhafte Speicherung immer größerer Datenmengen läuft auf eine Art Zeitmaschine hinaus, die die vergangene Gegenwart rückholbar und selbst alles Flüchtige potenziell auf Dauer stellt. Wie werden sich solche Aussichten auf unser Kommunikationsverhalten, unser Verständnis des Privaten auswirken?

Sascha Lobo hat recht mit der Überlegung, dass wir eine neue Digitalerzählung brauchen; eine Strategie, die auf die Überwachung durch Geheimdienste reagiert, indem sie die Privatsphäre neu konstruiert – im Wettbewerb der Verschlüsselungsalgorithmen gegen den Informationshunger der Geheimdienste und der Internetwirtschaft. Gesetze allein helfen da nicht. Der Neubau des Privaten muss aus der Gesellschaft kommen.

Sascha Lobo tat Unrecht mit der Behauptung, das Internet sei kaputt. Ein zentrales Prinzip des Internets besteht ja in seiner diskriminierungsfreien Innovationsoffenheit, die gerade nicht zwischen gesellschaftlich gut und böse unterscheidet. Von dieser Innovationsfreiheit profitieren alle, staatliche Überwachungstechniken, die sich ironischerweise kaum von kriminellen Machenschaften unterscheiden ebenso wie nutzerfreundliche Kommunikationsdienste. Das Netz selbst ist intakt, unsere Traditionen des Privaten sind es, die einer Revision bedürfen.

Jeanette Hofmann ist Direktorin des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin. Mit Sascha Lobos Internet-Kritik hatte sich hier auch Markus Hesselmann, Leiter der Online-Redaktion des Tagesspiegels, befasst.

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