Warum Jeff Jarvis Deutschland liebt und gern besucht

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Journalistik-Professor über Leistungsschutzrecht : Jeff Jarvis: Ich mache mir Sorgen um Deutschland
Jeff Jarvis

Deutschland allerdings ist insofern besonders interessant, weil es hier noch um weit mehr als um die Sorge um bestehende Geschäftsmodelle geht: Deutschland steht an der Spitze derjenigen, die in Europa Angst vor dem Verlust der Privatsphäre durch neue Technologien haben.

Regierungsvertreter riefen beispielsweise die Bevölkerung dazu auf, gegen das Veröffentlichen von Fotos vorzugehen, die ihre Wohnhäuser als Teil einer Straßenansicht auf Google Street View zeigten. Stichwort: Verpixelungsrecht. Und dann ist da ein Privatsphären-Extremist in einem deutschen Bundesland, der versucht hat, Facebooks Like-Knopf verbieten zu lassen. In demselben Bundesland gab es außerdem den Versuch, Facebook an einer Klarnamen-Pflicht zu hindern.

Es mutet fast paradox an: In Unternehmerkreisen gilt Deutschland in Sachen Internet als Land der Nachahmer. Immer wieder haben deutsche Unternehmer amerikanische Dienste und Geschäftsmodelle kopiert. Obwohl ihr wahres Businessmodell eigentlich ist, von den amerikanischen Originalen aufgekauft zu werden.

Ich liebe Deutschland (auch wenn das für viele Amerikaner überraschend klingen mag): Es gibt keinen Ort der Welt, den ich lieber besuche. Ich habe viele Freunde in Deutschland, ich treffe immer wieder sehr talentierte, den neuen Technologien aufgeschlossene Experten, ich bewundere die deutsche Buchkultur und den – allerdings schwer unter Druck stehenden – Markt für seriösen Journalismus.

Aber heute mache ich mir Sorgen um Deutschland. Es ist schon ein industrielles Wunder in einer postindustriellen Zeit, wenn Regierung und Medienunternehmen sich gegenseitig umarmen, um alte Institutionen gegen neue Herausforderungen und Chancen zu verteidigen. Wie schon in meinem Buch Mehr Transparenz wagen! beschrieben, sehe ich mit Sorge, dass der Wille der Deutschen, ihre Privatsphäre zu schützen, kein Versagen zu riskieren, vor allem kein Öffentliches, letztlich zu großen Nachteilen führt. In einem unternehmerischen Zeitalter, in dem gelegentliches Versagen ein notwendiges Beiwerk experimentellen Mutes ist, können die Deutschen so nicht gut mithalten. Ich fürchte, dass Unternehmer, Investoren und – vor allem amerikanische – Internetfirmen sich von Deutschland abwenden, weil sie hier nicht mit Gastfreundschaft, sondern Feindschaft empfangen werden.

Ich bin enttäuscht, dass das Land des Buchdruckers Gutenberg, das Land, in dem die Möglichkeit, Wissen zu teilen, erfunden wurde, das Land, in dem ein Massenpublikum Zugang zu Gedanken erhielt, die sonst nur wenigen vorbehalten waren, sich nun in Kleinkriegen verfängt – um die Kontrolle über einige wenige Worte. Schade!

Zuerst erschienen auf Zeit Online. Mehr über Jeff Jarvis hier.

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