Unüberbrückbare Distanz

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Meine Jugend in Aleppo : Weg mit dem kirschroten Mund
Hiba Obaid
Mädchen während des Freitagsgebets in der Großen Moschee in Mekka.
Mädchen während des Freitagsgebets in der Großen Moschee in Mekka.Foto: AFP/ Karim Sahib

Die geisteswissenschaftliche Fakultät meiner Universität war nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt, mit dem Fahrrad etwa 15 Minuten. Ich hatte aber nie eines. Dafür besaß mein Bruder ein großes blaues Motorrad, um das ich ihn sehr beneidete. In dieser Stadt fahren Mädchen eben nicht mit dem Fahrrad herum. Denn: Welch eine Schande! Wie kann ein Mädchen nur Fahrrad fahren?! Mit welchen Augen werden die Männer sie sehen und was werden die Leute sagen?

Was die Freiheit, Fahrrad zu fahren, bedeutet, habe ich auf einem großen Fußballplatz erfahren. Dort bin ich gemeinsam mit vielen anderen Mädchen hingegangen, um ein Stückchen Freiheit zu genießen – eben indem ich Fahrrad fuhr.

Was das Thema Liebe betrifft, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Zunächst einmal muss der Lebenspartner in erster Linie dem Großvater und der Großmutter passen, dem Cousin, den Nachbarn und dem Gemüsehändler. Bevor er dein Lebenspartner ist, ist er der Partner von allen anderen. Ja, die Eheschließung ist in unserer Gesellschaft keine persönliche Entscheidung. Vielmehr gibt es dazu Regeln, die dem Interesse der Familie entsprechen und von Familie zu Familie unterschiedlich sind, je nach Religionsgemeinschaft, Staatsangehörigkeit und Gesellschaftsschicht.

"Meist sind die Frauen die Opfer dieser Gesellschaften"

Die 47 Jahre alte Lina sagt: „Ich habe nie geheiratet und möchte es auch nicht. Ich habe mich einmal in einen Kollegen an der Universität verliebt, aber meine Familie war dagegen, dass wir heirateten, da er aus einer alevitischen Familie stammte und meine Familie sunnitisch ist. Ich konnte mich nicht gegen meine Familie auflehnen und abhauen, wie es meine Cousine tat – sie wurde einen Monat später ermordet. Ich hatte nicht genug Mut dazu, vor allem da meine Cousins mir drohten, mich umzubringen, sollte ich ähnliche Pläne haben.“

Nadias Geschichte ist wieder eine andere. Mit ihren 28 Jahren ist sie die einzige Tochter eines bekannten und wohlhabenden Händlers. Sie sagt: „Ich hatte bisher keine Gelegenheit zu heiraten, nun bin ich eine alte Jungfer. Seit nunmehr drei Jahren kommt keiner mehr zu uns, um um meine Hand anzuhalten. Unsere Familien möchten junge Mädchen, damit sie in der Familie des Ehemannes erwachsen werden und deren Bräuche und Traditionen annehmen. Dafür bin ich inzwischen schon zu alt.“

In den meisten Fällen gibt es auf diese Bräuche, Traditionen und Bilderbuchvorstellungen, die einem von diesen Gesellschaften aufgezwungen werden, keine Antworten. Es sind schizophrene Gesellschaften, die von ihren Mitgliedern dieses regelkonforme Verhalten einfordern und dich auspeitschen, sobald du einen Fehler begehst. Meist sind die Frauen die Opfer dieser Gesellschaften, aber nicht nur sie.

"Wegen der Leute, nicht wegen Gott"

So sagt der 30-jährige Samir: „Religion ist mir nicht besonders wichtig, aber ich war dazu gezwungen, meine Schwester dazu zu drängen, ein Kopftuch zu tragen. Meine Freunde aus meiner Gasse sagten mir, dass die Leute mich für ehrlos hielten, weil ich meiner Schwester erlauben würde, das Haus zu verlassen, ohne sich zu verschleiern.“ Die Lösung lag also in ihren Haaren. „Es fiel mir schwer, auf Grundlage dessen, was sie mir sagten, mit meiner Schwester Judy über das Thema zu sprechen. Sie konnte es damals kaum glauben, dass ich von ihr verlangte, es tatsächlich zu tun, und zwar wegen der Leute, nicht wegen Gott. Wenn Judy dann in unserer Gasse unterwegs war, hatte sie ihr Kopftuch auf, an der Uni trug sie aber nie eins.“

Ich liebte die Sommerferien sehr, denn da fuhren wir immer in eine andere Stadt, wo es das Meer und etwas Freiheit gab. Noch immer habe ich dieses Bild vor meinen Augen, als unser Vater einmal aus Aleppo zu uns kam und wir gerade gemeinsam mit meiner Mutter Eis kauften. Er hat meine Mutter nicht angestarrt, er hat nur gelächelt. Und als sie sich dann umdrehte, war mein Vater von dem Anblick, der sich ihm bot, überrascht. Er fragte sich wohl, ob dies seine Frau wäre, in kurzer Hose und weißem Hemd. „Gott sei Dank kennt uns hier niemand“, sagte er.

Es liegt nun an Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, diesem letzten Satz zu entnehmen, wie sehr die Gesellschaft über unser Leben bestimmte und uns sogar in Bezug auf die Farben unserer Wände, die Namen unserer Kinder, unsere Brotkrümel und noch viele andere Dinge kontrollierte – so viele Dinge, dass es ein ganzes Leben dauern würde, sie aufzuzählen.

Die Autorin kam 2015 aus Syrien nach Berlin. Sie ist Volontärin der mabb bei ALEX Berlin. Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso.

Dieser Text ist in der Beilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten am 8. September 2017 erschienen. Die Beilage entstand im Rahmen des Projekts #jetztschreibenwir des Tagesspiegels, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung. 

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